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Als ich letzten Freitagmorgen das Radio einschaltete, liefern gerade die Nachrichten - und einen Moment lang dachte ich, ich höre nicht richtig. Das britische Volk hatte tatsächlich für einen Austritt aus der EU gestimmt, obwohl es in den Tagen davor noch eher nach einem Verbleib ausgesehen hatte. Den Vormittag über häuften sich dann die Krisenmeldungen und irgendwie wirkte es alles ziemlich surreal.

Ich möchte schon seit Freitag ein paar Dinge dazu aufschreiben, aber konnte mich irgendwie nicht kohärent ausdrücken. Jetzt habe ich mich entschieden, nur auf einen der vielen Aspekte dieses Referendums speziell einzugehen: was passiert, wenn man rückgratlosen Schönwetterkapitänen die Kontrolle über ein Land überlässt. Die politische Krise, in der Grossbritannien seit dem Brexit-Entscheid steckt, ist hausgemacht und ist in erster Linie die Folge der katastrophalen Fehlkalkulation von zwei privilegierten Männern, die gerne zocken.

Das Wort "privilegiert" ist in der Social-Justice-Bewegung ja gleichzeitig zentral und umkämpft - aber im konkreten Fall ist es wirklich wörtlich zu verstehen. David Cameron und Boris Johnson sind Söhne der britischen oberen Mittelklasse, jener Gesellschaftsschicht, die das Land seit dem Bedeutungsverlust der Aristokratie geprägt und regiert hat. Sie wuchsen gutsituiert auf, genossen die die Eliteausbildung in den exklusivsten Internaten und Universitäten des Landes - und scheinen ihren Anspruch auf politische Macht als eine Art Geburtsrecht anzusehen. Und es scheint, als hätte dieses Rundum-Sorglospaket ihrer Herkunft dazu geführt, dass sie sich nicht einmal im Albtraum vorstellen konnten, dass irgendwas mal so richtig schiefgehen könnte. Wohl, weil noch nie etwas für sie so richtig katastrophal schief ging, so, dass sie es gespürt hätten. Nichtmal nach der Finanzkrise von 2008 und der anschliessenden Eurokrise.

Aber fangen wir doch mal von vorne an, wie sich das ungefähr abgespielt haben dürfte:

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Einigermassen selbstgefällig liess Marvel Comics letzte Woche eine Bombe platzen. Steve Rogers, der ursprüngliche Captain America und damit einer der zentralen Superhelden im Marvel Universum, werde in einer neuen Comicreihe als Nazi entlarvt. Die Marvel-PR-Maschinerie erklärte ausserdem, dass es sich dabei keineswegs um einen Traum, eine alternative Realität oder sonst einen Kniff handle - der Comic sei vielmehr sorgfältig so konzipiert worden, dass klar werde, dass der beliebte Superheld "schon immer" Mitglied der Nazi-Organisation Hydra war. All seine Abenteuer aus den letzten 70 Jahren waren damit letztlich Handlungen eines Nazi-Schläferagenten.

Man konnte die schelmische Freude der Verantwortlichen über ihren Coup bei jeder öffentlichen Äusserung und bei jedem Tweet erkennen. Die Provokation war gelungen, die Aufmerksamkeit war da und man konnte genüsslich ernten, was man erzeugt hatte.

Ihnen gegenüber stand eine Masse an schockierten und teilweise tief verletzter Fans, insbesondere jüdischer Fans. Captain America ist eine Propagandafigur, die im 2. Weltkrieg von jüdischen Zeichnern geschaffen wurde, mit dem expliziten Ziel, die amerikanische Faszination mit dem Faschismus zu bekämpfen und ihnen die liberalen Grundwerte entgegenzuhalten, auf denen der amerikanische Traum gründet. Er war also eine explizit anti-faschistische Kampffigur (wenn auch eine liberale, keine linke). Für zahlreiche jüdische Fans war er zusammen mit Superman von DC-Comics ein Hoffungsschimmer in einer antisemitischen Welt.

Für sie war die Marvel-Bombe weit mehr als nur ein "Plottwist". Es war ein aufrichtiger Schock.

Die Reaktion der Marvel-Verantwortlichen zeigt aber, dass ihnen diese Verletzung offensichtlich komplett egal ist - und so wütend es mich macht, ich wollte auf diesen speziellen Aspekt der Geschichte hier noch genauer und allgemeiner eingehen. Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung eines "gelungenen Plottwists" und jener einer tiefen Verletzung. Es ist nämlich auch die Wahrnehmung zwischen einer privilegierten und einer unterdrückten Gruppe oder eine dieser unterschwelligen Machtdemonstrationen, die den Opfern sehr bewusst sind, den Tätern aber nicht unbedingt.

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Ich wollte auch noch kurz ein paar Anmerkungen zu den Ereignissen an Silvester in Köln machen. Ich war nicht in der Lage, es strukturierter auszuformulieren.

Eigentlich ist es ja relativ einfach:

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern nur ernst nimmst, wenn es dir gerade in den Kram passt, bist du sexistisch.

Wenn dich das Leid von Vergewaltigungsopfern nur berührt, wenn die Täter "fremdländisch" sind, bist du obendrauf noch xenophob - und falls du weiss bist, rassistisch.

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern für deine eigenen politischen Ziele missbrauchst und instrumentalisierst, bist du ein unsensibles Arschloch. Egal, wie "ehrenwert" dein Ziel ist.

Wenn also mehrere Duzend Frauen in Köln vergewaltigt werden, ist das ein Horror, schrecklich und empörend. Punkt.

Wie reagiert man da also auf diesen Vorwurf:

"Warum schreit ihr Gutmenschen-Feministinnen nicht auf, wenn es arabische Täter sind?"

Gegenfragen:

1. Warum schreit ihr Nazis nicht auf, wenn die Täter weiss und einheimisch sind?

2. Warum nutzt ihr das Leid dieser Frauen, um Feministinnen anzugreifen statt eure Stimme und eure Energie dezidiert für die vergewaltigten Frauen einzusetzen?

3. Warum ist es euch so wichtig, dass sich die Feministinnen ausgerechnet gegen diese Täter wenden? Was macht diese Täter anders als jeden anderen Täter, der euch so demonstrativ egal ist?

4. Warum reagiert ihr so zögerlich, wenn die Täter weiss und privilegiert sind oder aussehen wie ihr? Müsstet ihr euch nicht viel mehr empören, wenn "einer von euch" die körperliche Integrität von Frauen verletzt?

Und etwas allgemeiner, warum diese Frage entlarvend ist:

Aus individueller Sicht des Opfers ist es vollkommen egal, wer die Täter waren, das Leid ist so oder so schlimm. Deswegen gilt es da auch nichts zu relativieren oder schönzureden. Die Opfer und ihr Leid müssen im Zentrum der Diskussion stehen, sie brauchen Unterstützung und vor allem Validierung. Sie müssen von uns hören, dass das, was ihnen passiert ist, in keinem Fall und unter keinen Umständen irgendwie zu rechtfertigen ist und die Täter gesucht und zur Rechenschaft gezogen werden. Sie wurden Opfer eines Verbrechens. Punkt.

Aus systemischer, politischer Sicht ist es zusätzlich aber besonders wichtig, dass es einen lauten und dezidierten Aufschrei gibt, wenn Vergewaltigungen durch reiche, privilegierte, mächtige, weisse Männer auffliegen. Also Geschichten wie Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn und mehr. Nicht, weil das Leid, das andere Täter verursachen in irgendeiner Art weniger schlimm ist und diese nicht verfolgt werden müssten oder politisch unwichtig wären - sondern weil privilegierte weisse Männer am meisten Macht und Einfluss haben, am ehesten ungeschoren davonkommen und am schwierigsten wegen Vergewaltigung zu belangen sind. Diese Männer stürzen oft nur wegen Vergewaltigungsgeschichten, wenn jemand anderes mit genügend Macht ein Interesse daran hat, sie auszuschalten.

Diese Männer haben am meisten Einfluss darauf, ob eine Kultur als Ganze Vergewaltigung toleriert oder nicht - im Positiven wie im Negativen. Wenn der CEO einer Grossbank, der Spitzenpolitiker und der weisse Hollywoodstar mit Vergewaltigung davonkommen und gar nicht oder nur milde bestraft werden, ist der gesellschaftliche Schaden viel grösser, als wenn ein Tellerwäscher oder ein Flüchtling davonkommt. Dass letztere davonkommen ist eine Schande und generell ein Zeichen für die systemische Misogynie in unserer Kultur - wenn Mächtige davonkommen, setzt man da noch einen drauf.

Wenn Mächtige ungestraft vergewaltigen können, gibt es kein grundsätzliches Signal, dass Vergewaltigung in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Das Signal ist dann:

"wenn du nicht mächtig genug bist, wirst du wegen Vergewaltigung bestrafst - sonst darfst du."

Nur, wenn Macht diese Täter sie nicht mehr vor den Konsequenzen ihrer Tat schützt, kann sich tatsächlich grundlegend etwas ändern. "Der Fisch stinkt vom Kopf her", wie man so schön sagt - wenn man den Gestank bekämpfen will, muss man dort beginnen, wo er herkommt.

Ich habe den leisen Verdacht, dass die Empörung von Rechts wegen der Vorfälle in Köln neben Xenophobie und Rassismus auch aus dieser Narrative heraus entsteht.

Wenn man Vergewaltigung eigentlich als Privileg von Mächtigen ansieht, ist der Eindruck, dass jemand "ungeschoren davonkommt" auch ein Zeichen von dessen Macht. Das passt einerseits in ihr Schreckgespenst eines unheimlichen, übermächtigen Feindes aus dem Orient, der Europa und seine Kultur vernichten wird. Ein Schreckgespenst, auf dem der Kern ihrer Politik und ihres eigenen Machtanspruchs basiert ("wir sind die einzigen, die etwas tun, um diesen Feind zu bekämpfen!") und das man seit Jahren mit Feuereifer konstruiert, aufbläht und überhöht, um sich selbst daran zu ermächtigen. Und wenn man ganz genau hinschaut, könnte man die Empörung auch so verstehen, dass man empört ist darüber, dass diese garstigen Feministinnen ihnen scheinbar ihr legitimes Privileg bei jeder Gelegenheit streitig machen wollen ("nichtmal mehr in den Auschnitt gucken darf man!") - und scheinbar dem bösen Schreckgespenst nicht. Denn dass man dieses menschenverachtende Privileg grundsätzlich niemandem zugestehen will und Vergewaltigungen grundsätzlich bekämpfen könnte, das kommt in dem Weltbild gar nicht vor.

Leider springen viel zu viele reflexartig auf diese Taktik an...

Da bleibt nicht mehr viel Mitgefühl übrig für die Opfer.

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Dass heute der Tag ist, an dem Marty McFly in der Zukunft ankommt, haben wohl die meisten hier mitbekommen. Ich nehme das mal als Gelegenheit, um ein paar Bemerkungen zu Innovation zu machen.

Erschreckend viele Menschen glauben leider immer noch, dass Innovationen in erster Linie technisch sind - die "innovativen Köpfe" sind nach der dominanten Narrative Ingenieure, Tüftler, Programmierer oder irgendwelche Menschen mit weissen Laborkitteln. Das ist eine enge Sicht, die uns nicht weiterhelfen wird.

Innovationen können ganze Gesellschaften in Bewegung setzen, im Grossen und im Kleinen, im Guten und im Schlechten. Die vielbeschworenen MINT-Fachkräfte sind nur eines von vielen Puzzleteilen für Veränderung. Charles Babbage ohne Ada Lovelace hätte eine Rechenmaschine, keinen Computer erfunden. Die Geschichte des Personal Computers lässt sich nicht ohne die Hippies in San Francisco und ihre antiautoritären Ideen erzählen. Ohne Jules Verne, und die Kriege des frühen 20. Jahrhunderts, gäbe es kaum die Raumfahrt, die wir heute haben.

Viele globale Krisen, die wir heute haben, entstanden gerade dadurch, dass man im Machbarkeitswahn zu eng und kurzfristig gedacht hat. Das sollte nicht ausschliesslich Grund zur Kritik sein, sondern auch zu einer breiteren Sichtweise anregen.

Innovationen entstehen dort, wo Phantasie, Mangel, Bedarf, Kunst, Spielfreude, Pragmatismus, Geschäftssinn und Können zusammentreffen.
wie wir unsere Zukunft verloren habenCollapse )
Letzten Dienstag ist ein Flugzeug von Germanwings in Frankreich abgestürzt. Gestern wurde bekannt, dass die ermittelnde Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht hat. Es ist die Rede davon, dass der Co-Pilot in der Vergangenheit an Depressionen gelitten habe. Und nun überschlagen sich die Medien mit Fragen an Flugsicherheitsleute und Fluggesellschaften, was denn eigentlich getan würde, um das "Risiko psychisch kranker Piloten" zu verringern - exemplarisch hier der Spiegel.

Ich gehe im Folgenden von diesem Status Quo aus - denn mir scheint, als wären meine Überlegungen auch relevant, wenn es im Fall des konkreten Absturzes neue Entwicklungen gäbe und sich letztlich herausstellen würde, dass der Co-Pilot doch nicht schuld ist oder es nichts mit seinem psychischen Zustand zu tun hat. Denn es ist eine Frage, die eigentlich die Flugsicherheit tatsächlich generell betrifft.

Mein Problem ist nämlich nicht so sehr mit den Fluggesellschaften an sich, sondern in den Botschaften, die hier gerade kommuniziert werden.

In den Medienberichten wie dem oben verlinkten im Spiegel wird die Frage anhand einer einzigen Achse diskutiert: wie kann eine Fluggesellschaft psychisch kranke Menschen herausfiltern, bevor sie ans Steuer eines Flugzeugs gelangen? Wie können "solche Menschen" daran gehindert werden, ins Cockpit zu kommen?

Die Diskussion ist dabei sehr stark auf Regeln, auf medizinische Abklärungen, auf Verhindern und Ausgrenzen fokussiert. Im Schweizer Radio wurde ein Flugsicherheitsexperte interviewt, der versichert hat, dass es regelmässige psychologische Checks gäbe, dass eine Fluggesellschaft selbstverständlich niemanden fliegen lassen würde, der "nicht flugfähig" sei, dass Piloten sich gegenseitig überwachen würden, blabla, blubb.

Diese Aussagen sollten bei mir als potentiellen Fluggast wohl Vertrauen schaffen - dass die Fluggesellschaften das "Problem" ernst nähmen, dass man darauf achten würde, dass "solche Menschen" nicht ins Cockpit kämen. Die Botschaft hat etwas von "Unkraut entfernen" - was nicht gerade förderlich ist, wenn man möchte, dass sich das "Unkraut" selbst meldet.

Die für mich entscheidende Frage hat bisher aber noch kein Medium gestellt: (Man darf gerne unten Artikel verlinken, falls ich sie nicht gesehen habe - ich bitte darum, es würde mein Vertrauen in die Menschheit etwas stärken)

Was passiert mit einem Piloten, der aus psychischen Gründen nicht mehr fliegen darf? Wie wird mit ihm umgegangen? Welche Hilfe kann er erwarten? Mit welchen Konsequenzen muss er rechnen? Welche realistischen Perspektiven hat er?

In meinen Augen ist das die einzig sicherheitsrelevante Frage - und es ist nicht eine Frage der Reglementierung. Es ist eine Frage des Vertrauens und der Firmenkultur. Deshalb darf die Antwort auch nicht aus Reglementen, Prozessen und "Programmen" bestehen - ich will wissen, ob ich mich darauf verlassen kann, dass diese Piloten in guten Händen sind und keine Angst haben müssen.
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Drei Dinge wollte ich zu den entsetzlichen Ereignissen in Paris doch noch gesagt haben, weil mich die Dynamik ängstigt:

1. Wer mit Attacken auf Muslime auf die grausamen Morde in Paris reagiert, spielt den Fundamentalisten in die Hände.

Die Leute, die die Angriffe ausgeführt haben, wollen den Westen als Feind sehen - wenn wir uns ihnen gegenüber tatsächlich als Feinde verhalten, ist das Wasser auf ihre Mühlen. Nochmals ganz deutlich: Dann geben wir ihnen genau das, was sie unbedingt von uns wollen. Wir können den Attentätern keinen besseren Dienst erweisen, als wenn wir Muslime aus unserer Gesellschaft ausschliessen und als "böse, feindliche Andere" betrachten. Denn sie wollen von uns als solche und nichts anderes gesehen werden - und sie zehren davon, dass einflussreiche Leute im Westen fieberhaft an diesem Bild arbeiten.

Man kann das eine nicht ohne das andere sehen, sonst sieht man nur die Hälfte des Bildes.

Genau das ist, was sich die Attentäter sehnlichst wünschen - dass immer mehr Muslime "bemerken" (müssen), dass sie bei uns im Westen "nicht dazugehören", "nie dazugehören werden" und mangels Alternative in die Arme von Al-Kaida, IS und Co. flüchten (müssen). Wollen wir weitere Konfrontationen und Anschläge verhindern, ist die (zugegeben vielleicht erstmal kontraintuitive) Reaktion nicht, Muslimen mit mehr Misstrauen zu begegnen - sondern mit weniger! Denn "wir" im Westen haben eine lange, leidvolle Geschichte, in der wir uns über andere gestellt haben, unsere vermeintlich eigene Identität in Abgrenzung von "anderen" aufgebaut haben - und nicht davor zurückgeschreckt sind, diesen Leuten bis heute unsägliche Schmerzen zuzufügen. Es ist an uns, die ersten Schritte zu tun, um daran etwas zu ändern - denn wir (und unsere Vorfahren) haben das verbrochen.

Wer Widerstand leisten will, stellt sich MIT Muslimen entschieden gegen Fundamentalisten. Wer sich in Reaktion auf die Ereignisse in Paris gegen Muslime stellt, stellt sich zu den Fundamentalisten.

2. Menschenrechte - dazu gehört auch die Pressefreiheit - können NUR von staatlichen (und allenfalls parastaatlichen) Organisationen verletzt werden.

Menschenrechte sind Rechte, die Individuen und Gruppen zugesprochen werden, damit sie sich gegen den Machtmissbrauch eines Staates wehren können. Sie beschränken damit ausschliesslich das staatliche Machtmonopol.

In diesem Sinne war der Angriff in Paris grausam, unnötig und gefährlich und es ist zu befürchten, dass noch mehr Leute daran sterben werden - aber es war KEIN Angriff gegen die Pressefreiheit oder das Recht auf freie Meinungsäusserung. Dies zumindest solange der französische Staat nicht beschliesst, als Reaktion darauf Satire zu verbieten oder die Pressefreiheit einzuschränken und danach sieht es ja nun nicht aus.

Individuen und nicht-staatliche Gruppen haben gar nicht die Möglichkeit, Menschenrechte zu verletzen. Wenn sie Taten begehen, die Menschenrechte verletzten, wenn sie von Staaten begangen würden, hat das einen simplen Namen: Verbrechen. Genauso, wie wenn dein Nachbar dich erschiessen würde, weil ihm deine Geranien auf dem Balkon nicht gefallen. Er wäre ein Mörder. Und dagegen gibt es das Strafgesetzbuch, wie für jede andere Art von Verbrechen dieser Art auch. Niemand würde dadurch dein Recht gefährdet sehen, Geranien an den Balkon anzubringen. Selbst dann nicht, wenn dein Nachbar Teil einer radikalen Anti-Geraniums-Guerillaorganisation wäre. Das Recht, Geranien anzubringen, würde erst dann vor einen Menschenrechtshof gelangen, wenn die Anti-Geraniumspartei die Macht in deinem Staat ergreifen und das Anbringen von Geranien unter Androhung von Todesstrafe verbieten würde.

Der IS verletzt unbestritten Menschenrechte auf den Gebieten, die von ihm (als parastaatliche Organisation in einem gescheiterten Staat) beherrscht werden - in Frankreich besitzen weder er noch Al-Kaida diese Macht. Wir sollten sie ihnen auch nicht ohne Not zusprechen.

3. Verliert die globalen Machtverhältnisse nicht aus den Augen.

Nichts illustriert die globalen Machtverhältnisse deutlicher als die Zahl ziviler Opfer; also die Zahl der Personen, die solche Anschläge unverschuldet mit ihrem Leben bezahlen, ohne, dass sie sich wirksam dagegen wehren konnten. Die Anschläge von 9/11 haben rund 3000 zivile Opfer in den USA gefordert - der anschliessende Krieg (als direkte Konsequenz davon, deshalb zähle ich nur Afghanistan) kostete mindestens viermal so viele zivile Opfer (militärische Opfer nicht eingerechnet, konservativste Schätzung) in Afghanistan. Bitte behaltet diese Zahlen im Hinterkopf - und die damit verbundene Tatsache, dass Menschen ausserhalb der westlichen Welt in viel höherem Mass ungefragt ihr Leben für solche Schwachsinnaktionen lassen müssen. Denkt daran, bevor ihr auf die Idee kommt, die 12 Personen in Paris mit Blut zu "rächen" oder ganze Bevölkerungsgruppen für die Taten von Fundamentalisten verantwortlich zu machen und damit in Geiselhaft zu nehmen.

Bisher haben weltweit überwiegende andere den Blutzoll dafür bezahlt, dass fundamentalistische Attentäter den Westen angegriffen haben.

So schlimm und grausam die Islamisten vorgehen, sie haben nach wie vor (zum Glück, aber doch!) nicht die Macht, das Ausmass an Schaden anzurichten, das in "unserem Namen" zur Vergeltung angerichtet wird. Weil jene, die in "unserem Namen" handeln, mehr Macht auf sich vereinen und damit auch ihre eigenen Ansichten schlagkräftig durchsetzen können. Das ist geradezu die Quintessenz von militärischer Macht.

Mitgefühl mit jenen, die ähnlich aussehen wie man selbst und einem ähnlichen Weltbild folgen ist einfach und kostet kaum etwas. Es ist sehr leicht, für jemanden im Westen als Reaktion auf die Anschläge in Paris zu sagen #jesuisCharlie - weil Charlie irgendwie aussieht wie wir und weil Mitgefühl mit den Mächtigen leider paradoxerweise leichter fällt als mit den Ohnmächtigen, gerade, wenn sie sinnlos angegriffen werden. Wollen wir den Fundamentalismus wirksam bekämpfen, müssen wir nach dem ersten Schock Mitgefühl aber besonders für jene aufbringen können, die ganz anders aussehen als wir und deren Gepflogenheiten uns fremd vorkommen. Vor allem, wenn sie Opfer von Krieg und Verbrechen werden. Und erst recht, wenn sie Opfer von Verbrechen in vermeintlich "unserem" Namen werden.

In dieser Hinsicht bin ich schockiert von der Tat in Paris, der Grausamkeit und der Skrupellosigkeit - aber noch viel mehr Angst machen mir unreflektierte Vergeltungsaufrufe, Kommentare, die den Kontext ausblenden und der Aufwind für faschistische Bewegungen in diesem Umfeld.

The story of my life in 10 books

At the moment, I'm feeling strangely content, light and almost as if I got a glimpse of what enlightment could feel like. It isn't the first time this has happened to me, in fact, these kinds of blissful states tend to come to me in the early autumn regularily, not every year or ever odd year, but if I feel like this, it is always early autumn. Since they don't tend to last and usually are more like vacations from a everyday life and its struggles, I've started to enjoy them while they last.

Yesterday, a friend tagged me for one of these Facebook-memes, asking me to write about 10 books that have inspired me in my life - and as is to be expected, if such a question coincides with my blissful feeling of temporary enlightment, understanding starts to explode all around me. I decided to take this small window of opportunity to write about the 10 books that have played a role guiding me along the course of my life or have accompanied me for a spell of the journey and to write about it here, and not on Facebook.

After I had composed this list and I looked through it, I was delighted to see that it is 5 books written by men and 5 written by women. Sometimes, things just fall into place...

I decided to post this entry as an experiment - I post this without reading what I wrote and without editing any of it. So, if you go into this - this is as I wrote it, the first take, no edits. The reason for this is that I feel I'd be scared of my own courage if I started reading it again, but it feels like it's something that desperately wanted out.

Brace yourself, this is going to be long - I could probably write an entire entry about each of the books on the list and I try to keep it as short as necessary.

The BibleCollapse )

The Lord of the RingsCollapse )

Harry PotterCollapse )

Women Who Run with the WolvesCollapse )

Das Recht auf MemoirenCollapse )

Die Kunst, vernetzt zu denkenCollapse )
Eat, Pray, LoveCollapse )
Infinite JestCollapse )
The Time Traveler"s WifeCollapse )

Pride and PrejudiceCollapse )
So, there we go... 10 books, a life's story at a strange moment in time. Let's see where the path goes from here.

Thanks for staying on 'til now.

Planlos, aber ich weiss, was ich tue

Vor knapp zwei Jahren habe ich nach einer langen Phase von "Writer's Block" eine weitreichende Entscheidung getroffen, die vielleicht eine der besten war, die ich jemals getroffen habe:

Ich habe beschlossen, meine Texte (die Fiktion - hier hab ich ja immer noch geschrieben) nicht mehr - oder nur noch sehr restriktiv - mit anderen zu teilen und einzig und alleine nur noch für mich selbst zu schreiben.

Diese Entscheidung ist mir damals unheimlich schwer gefallen, weil ich zwar auf der einen Seite den Wunsch in mir gespürt habe (und immer noch spüre), meine Geschichten mit anderen zu teilen - andererseits aber genau dieser Wunsch meine Inspiration ausgetrocknet hat und ich nicht mehr schreiben konnte, sobald ich an irgendeine Form von Publikum dachte und an die Erwartungen, die ich damit zu erfüllen hätte.

Ich hatte keine Ahnung, warum das so war und wie das alles zusammenhing. Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt noch einen kleinen Schreibzirkel, innerhalb dessen wir uns über unsere Texte ausgetauscht hatten - und ich kam Monat für Monat ohne eigenen Text zu unseren Treffen, konnte aber einfach nicht wirklich schlüssig erklären, warum das so war. Ich habe zwar gerne mit den anderen über ihre Texte diskutiert, aber nicht über meine.

Mittlerweile bin ich schlauer.

ImprovisationenCollapse )
Though there is a cease-fire in effect at the moment (is there still? It was when I started writing...), the conflict in Gaza is still anything but over. And as the conflict escalates, both my Facebook and my Twitter timeline are flooded with posts either defending Palestinian or Israelian actions and, of course, criticising the other side. I vowed (just to myself) never to write about the ongoing Israel-Palestina conflict, because it's just too frustratingly complex. But then... I don't like the way it is portrayed out of context all the time. I'm still anxious about what I'm writing here, because I have a lot of doubts and I see many impasses and few options that would open up roads for peace. No wonder I don't see them, because if they were obvious, the people involved would already have found them...

I'm aware that it might look like I'm taking the cheap way out by saying "it's too complex" and "I don't feel comfortable chosing sides". I'm not "neutral", I don't think "everyone is equally to blame", because that's not true. I rather think... the blame lies with neither Palestinians nor Israelians - there's either an entire context to blame, because this is just a friction point inside a dysfunctional system, or, if there's someone to blame, it's us, or rather, our ancestors, in Europe.

Picking sides in the conflict as it is now, would feel like sitting in an ancient Roman colloseum rooting for one of the gladiators fighting for their lives for my benefit.

So, here's why I think we Europeans have to take the blame: It's because we invented and promoted nationalism. And there would be no conflict in Palestina without nationalism. In order to understand what I mean by that, we have to take a little superficial tour through European history and the history of (European) political ideas. It might look theoretical and abstract in the beginning - but I hope I can take it back to the matter at hand before it gets too out of sync with the conflict in question.

read onCollapse )

"Was uns die ­Ereignisse vom Sommer 1914 lehren, ist, wie schnell alles schlimmer werden kann, wenn Kanäle der Kommunikation nicht mehr offen sind, wenn das Gespräch versiegt und ein Kompromiss unmöglich wird."

Christopher Clark in einem Interview.

Obwohl ich das in dem oben verlinkten Artikel beschriebene Buch The Sleepwalkers (Die Schlafwandler) noch nicht fertig gelesen habe, stimme ich dem Abschlusssatz des Interview bereits uneingeschränkt zu. Ich möchte die Gelegenheit nutzen - auch im Hinblick auf das 100-jährige Gedenken an das Attentat von Sarajevo - das Buch unbedingt zu empfehlen. Christopher Clark arbeitet darin auf eine sehr eindrückliche und sehr nachvollziehbare Art heraus, wie eingeschränkte Perspektiven, persönliche Einschätzungen, Ideologien und unbewusste mentale Modelle (Vorstellungen, wie die Welt aussieht) bei unerschiedlichen Beteiligten unterschiedliche Interpretationen der gleichen Situation hervorrufen und wie ihre Reaktionen wiederum zu Reaktionen der anderen Beteiligten führen.

Es zeigt, wie sich hinter dem Rücken und in den blinden Flecken der Entscheidungsträger eine viel grössere Gefahr für das gesamte System aufbaut, als ihnen bewusst ist. Und wie diese Gefahr dann unerwartet explodiert.

Es zeigt, wie man "denkt, dass der andere denkt, dass man denkt", wie man daraus sein eigenes Verhalten ableitet und wie man daraus im gesamten gesellschaftlichen System, in das man eingebettet ist, unbewusst übergeordnete Dynamiken erzeugt, verstärkt und/oder weiterführt.

Es zeigt, wie unterschiedliche Mitspieler am Tisch unterschiedliche, mehr oder weniger legitime (aber eigentlich immer zumindest nachvollziehbare) Interessen verfolgen - und diese Interessen bisweilen gerade deshalb aus den Augen verlieren, weil sie blind bleiben für den Gesamtkontext. (Man könnte die gleiche Art von Buch auch über die Finanzkrise 2008 schreiben. Wäre sehr spannend, aber noch zu früh.)


Ursachen, Schuld und komplexe SystemeCollapse )