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Seit ich vor ein paar Jahren wieder angefangen habe, Videospiele zu spielen, wollte ich hier im Blog eigentlich schon lange mal darüber schreiben. Irgendwie bin ich aber nie dazu gekommen. Jetzt habe ich in den letzten zwei Wochen ein neues Spiel gespielt, über das es viel zu sagen gibt. Zu den restlichen Spielen, mit denen ich viel Zeit verbracht habe und zu Videogames allgemein vielleicht ein anderes Mal. Horizon Zero Dawn, also.

Horizon Zero Dawn wurde von Guerilla Games entwickelt und ist exklusiv für die Sony Playstation 4 erschienen. Letzteres ist aus meiner Perspektive ziemlich schade, denn es schränkt das Publikum für das Spiel ziemlich massiv ein und verhindert auch, dass ich mit PC-Spielern im Freundeskreis über das Spiel sprechen oder es ihnen empfehlen kann. Denn empfehlen würde ich es, unbedingt!

Aber bevor ich darauf eingehe, warum das Spiel so toll ist, erstmal zu den Dingen, die manche Leute vom Spielen abhalten könnte. Das Spiel wirkt auf den ersten Blick nämlich wie eine Art "Best of" von Elementen erfolgreicher anderer Spiele der vergangenen Jahre und damit reichlich unoriginell, was die Spielmechanik betrifft. Es ist ein "Third Person Open World Adventure Game with RPG elements" - eine Form von Spielen, die in den vergangenen Jahren die AAA-Videospielindustrie dominiert hat (also jener Teil der Industrie, der mit grossen Budgets ausgestattet ist und auf den breiten kommerziellen Erfolg abzielt, sozusagen die "Blockbuster" der Videospielindustrie). Es herrscht unter Gamerinnen und Gamern mittlerweile eine gewisse Genre-Müdigkeit und im letzten Herbst sind einige Spiele dieser Art kommerziell weit unter den Erwartungen geblieben. Alleine im März 2017 erscheinen neben Horizon Zero Dawn mit dem neuen Legends of Zelda sowie mit Mass Effect: Andromeda zwei weitere heiss erwartete Spiele, die in dieses Genre passen. Man kann sich also schon fragen, warum man ausgerechnet noch ein weiteres Spiel dieser Art spielen sollte.

Auf den ersten Blick wirkt es denn auch, als hätte man alles schon gesehen, was Horizon Zero Dawn bietet. Eine offene Spielwelt, die man nach und nach erkunden kann. Unterschiedliche Waffentypen, die man erwerben und modifizieren kann. Kräuter und andere Ressourcen, die man sammeln und verwerten kann. Sogar die berüchtigten Türme, die man erklettern muss, um neue Bereiche auf der Karte sichtbar zu machen, kommen vor. Dann natürlich Nebenmissionen und Sammelaufträge. Was ein solches Spiel halt so ausmacht, alles kommt vor.

Auch die primäre Geschichte über unsere Heldin Aloy, die auszieht, um herauszufinden, wer sie ist und wo sie herkommt, ist nun nicht gerade der Gipfel der Originalität.

So gesehen erscheint es leicht, das Spiel auf der Seite zu lassen, das Geld zu sparen und lieber nochmals etwas mehr Zeit in ein geliebtes altes Spiel des Genres zu investieren. Doch das wäre aus meiner Perspektive ein Fehler.

Die gefühlte Unoriginalität und das "kennt man alles schon" der Spielmechanik und selbst der primären Story erlaubt dem Spiel nämlich, eine neue Spielwelt einzuführen, die vollgepackt ist mit Hintergrundgeschichten und kleinen Hinweisen, die es zu entdecken gilt. Gerade weil ich nicht viele Gedanken daran verschwenden musste, herauszufinden, wie die Spielmechanik funktioniert, konnte ich mich voll und ganz auf diesen Aspekt konzentrieren. Bei einem schlechter geschriebenen Spiel würde dies den gesamten Spielspass zerstören - aber bei einer derart sorgfältig und reichhaltig ausgestatteten Welt kann man sich so ganz auf das Wesentliche konzentrieren.

Das Tutorial am Anfang ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man ein Tutorial gestalten muss, um Spielerinnen und Spieler sowohl mit der Spielmechanik vertraut zu machen, als auch die Welt einzuführen. Wir lernen unsere Hauptfigur Aloy als Baby kennen und erfahren, dass sie von den Matriarchen ihres Stammes ausgeschlossen wird - aus mysteriösen Gründen, die auch ihr ebenfalls ausgeschlossener Ziehvater Rost nicht kennt. Rost bringt uns nicht nur die grundlegende Spielmechanik bei, indem er Aloy das Jagen lehrt - diese Ausgangslage erklärt auch, warum Aloy genauso wenig über die grosse weite Welt da draussen weiss wie wir am Controller.

Trotzdem gibt es von Anfang an eine interessante und produktive Diskrepanz zwischen "uns" am Controller und Aloy selbst - zumindest mir ging das so. Während Aloy eindeutig davon motiviert ist, ihren Platz in der Welt zu finden und herauszufinden, wer sie ist, woher sie kommt und warum sie als Baby ausgestossen wurde, wollte ich unbedingt wissen, was mit unserer "alten Welt" passiert ist, dass Aloy in einer steinzeitlich angehauchten Stammeswelt lebt, aber Maschinen jagt und von verbotenen Ruinen aus der "Metallwelt" umgeben ist. Es gibt immer wieder Momente, in denen wir als Menschen in der heutigen Welt mehr mit den Fundstücken anfangen können als Aloy - aber es lohnt sich auch, darüber nicht arrogant zu werden. Ich hatte jedenfalls öfters mal Aha-Momente, die mir zeigten, dass ich auch nicht so viel verstanden habe, wie ich dachte.

Es wird relativ bald etabliert, dass Aloys eigene Motivation und unsere Motivation in die gleiche Richtung gehen, dass wir also herausfinden müssen, was genau in ihrer Vergangenheit und unserer Zukunft passiert ist. Diese Fundstücke befinden sich natürlich hauptsächlich in der Hauptmission des Spiels, aber auch selbst die Sammelaufgaben, die einem angeboten werden, liefern kleine Einblicke und Hinweise in die alte und die neue Welt, sodass ich zum ersten Mal in dieser Art von Game tatsächlich gerne all die Artefakte gesammelt habe und sogar aufmerksam die Textinformationen gelesen habe, die ich gefunden habe. Das mache ich sonst in Spielen beim ersten Durchgang nie konsistent, weil Lesen am Bildschirm für mich wirklich anstrengend ist. Ich hatte am Ende sogar am Handy nebenbei Google Maps offen, damit ich im Spiel genannte Örtlichkeiten aus der untergegangenen alten Welt suchen und das Game letztlich lokalisieren konnte.

Aber nicht nur diese Hintergrundgeschichte über die alte Welt, die untergegangen ist, ist sorgfältig konzipiert, auch die Mythologie und die Hintergründe der Stämme in Aloys Welt sind durchdacht und originell. Besonders spannend finde ich in dieser Hinsicht, dass sie es erfolgreich gewagt haben, einige soziale Kategorien, die in der heutigen Welt unheimlich wichtig sind, aufzugeben - insbesondere die Unterscheidung nach Hautfarbe (bzw. "Rasse") ist komplett abwesend und auch die Geschlechterrollen sind teilweise anders. Gleichzeitig ist es aber nicht eine utopische Welt ohne soziale Kategorien - es sind einfach andere Kategorien relevant (insbesondere die Stammeszugehörigkeit), ausserdem gibt es natürlich Unterschiede zwischen unterschiedlichen Stämmen, da diese auch unterschiedliche religiöse Ansichten und Mythologien pflegen. Allein dafür verdient Horizon Zero Dawn meiner Meinung nach Anerkennung - denn es ist leider überhaupt nicht selbstverständlich, dass sich ein Entwicklungsteam (sei es von Games oder von anderen Fantasy- und Sci-Fi-Welten) die Mühe macht, die in unserer heutigen Welt herrschenden sozialen Unterscheidungskategorien zu hinterfragen und nicht einfach unreflektiert weiterzutragen. Das gilt insbesondere angesichts der Tatsache, dass die meisten dieser Kategorien in ihrer heutigen Form kaum älter sind als 200 Jahre und gerade Fantasy und Sci-Fi-Literatur zusammen mit modernen historischen Romanen viel dazu beigetragen haben, diese Kategorien als universeller und unverrückbarer darzustellen, als sie tatsächlich sind.

Dazu kommt, dass das Spiel visuell wirklich schön aussieht (ich hab noch nie so viele Screenshots von einem Spiel angefertigt - der eigens dafür bereitgestellte Fotomodus hat sicher auch geholfen) und auch die Kämpfe gegen die Maschinen herausfordernd und interessant sind. Wenn man sich nicht mit den Schwachstellen der einzelnen Maschinen auseinandersetzt und strategisch vorgeht, werden die Kämpfe mit der Zeit anspruchsvoll - selbst auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad. Nur, weil die Spielmechanik vertraut ist, ist sie keineswegs langweilig.

Insgesamt ist Horizon Zero Dawn vielleicht nicht das allerbeste Game, das ich jemals gespielt habe (und ich habe z. B. auch kein Interesse, es noch ein zweites Mal zu spielen, nachdem ich das erste Mal durch bin), aber es setzt in Bezug auf Weltenbau in Spielen für mich auf jeden Fall neue Massstäbe. Die Spiele, mit denen ich wesentlich mehr Zeit verbracht habe (v.a. Dragon Age und Mass Effect), zeichnen sich durch andere Stärken aus - sie haben spannendere Geschichten und vor allem tiefere und liebenswertere (Neben-)Figuren. Aber von all den Open World Adventure Games und den westlichen RPGs, die ich gespielt habe, kommt bisher keines annähernd an die Qualität des Weltenbaus von Horizon Zero Dawn heran. Nicht mehr, nicht weniger.


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Nach nur zwei Wochen zeichnet sich bereits ab, dass die Trump-Präsidentschaft tatsächlich wie befürchtet die Nagelprobe für die amerikanische Demokratie darstellen wird - mit derzeit ungewissem Ausgang. Dieses Posting ist ein Versuch, einen der zentralen Kämpfe der amerikanischen Resistance zu beschreiben. Es ist nicht der einzige Kampf, der im Moment geführt wird. Aus meiner Sicht ist es aber einer der wichtigsten und einer, der mitunter schwierig zu erkennen ist. Es geht also nicht darum, in die Rhetorik aufzuspringen, dass alles andere nur "Nebelpedarden" gewesen seien und dies die einzig wichtige Frage - leider sind alle Fronten wichtig - aber die Front, die ich hier beschreibe, ist jene, die letztlich bestimmt, auf welchem Schlachtfeld der Kampf ausgetragen wird. Konkret will ich auf die Angriffe der aktuellen US-Administration auf die amerikanische Verfassung eingehen.

Die us-amerikanische Verfassung war die erste Verfassung einer republikanischen Demokratie in der Neuzeit und sie ist damit sozusagen die Ur-Grossmutter von allen modernen Verfassungen. Es gab schon vor der amerikanischen Revolution Parlamentarismus, z.B. in Grossbritannien (das bis heute keine Verfassung hat) oder Formen von direkter Demokratie (wie z.B. die Landsgemeinden in den Ständen der Eidgenossenschaft) und es gab natürlich die antiken Vorläufer - die USA haben das Prinzip der republikanischen Demokratie also nicht erfunden, aber sie haben es als Grundprinzip in der Neuzeit etabliert.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass die US-Verfassung einige Kritikpunkte anbietet und in einzelnen Punkten seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Aber dennoch, trotz aller berechtigter Kritik, hat die Verfassung über 200 Jahre lang gehalten und dabei bewiesen, dass sie grundsätzlich anpassungsfähig ist und die nötigen Instrumente anbietet, um die Machtergreifung von einzelnen Personen oder Institutionen zu verhindern. Zumindest bis jetzt.

Als Politikwissenschaftlerin hatte ich immer einen grossen Respekt für die amerikanische Verfassung und war auch auf dem Höhepunkt der G.W. Bush-Jahre überzeugt, dass die Checks and Balances der Verfassung die USA letztlich vor den schwersten Übergriffen dieser ultrakonservativen Regierung schützen wird. Die einzige Macht, die von diesen Checks and Balances nicht eingebunden war und vor deren Einfluss ich mich sorgte, war die Wirtschaft, die insbesondere nach einem Entscheid des Supreme Courts (dem obersten Gerichtshof der USA) 2010 ungehindert Geld in Wahlkämpfe investieren und damit die demokratischen Institutionen beeinflussen kann. Ich befürchtete, dass sich die USA mittelfristig auf eine Oligarchie hinbewegen würden, in der der Anschein der Demokratie zwar erhalten bleibt, aber die Checks and Balances durch gekaufte Interessen einer kleinen, reichen Elite effektiv ausser Kraft gesetzt würden. Nun scheint es jedoch, als könnte sich stattdessen eine Autokratie herausbilden.

Die amerikanische Verfassung erfüllt zwei grundsätzliche Funktionen - sie garantiert und organisiert die staatlichen Strukturen und die Grundrechte innerhalb der USA einerseits, und sie ist eine wichtige Identitätsgrundlage für die USA als Nation an sich andererseits. Sie beschreibt die Werte, auf denen die USA gegründet wurden und die die Möglichkeit eröffnen, sehr unterschiedliche Menschen zu US-Amerikanern zu machen, sofern sie diese Werte unterschreiben können. (Ich kann in diesem Posting nicht auf die Kritik eingehen, insbesondere auf die Verquickung dieser Werte mit Rassismus, Sklaverei, Sexismus und dem Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern - deswegen an dieser Stelle nur die Anmerkung, dass diese berechtigte Kritik existiert. Die US-Verfassung ist alles andere als perfekt.)

Die erste Funktion der Verfassung beinhaltet neben der Garantie von Grundrechten und fundamentalen Freiheiten (die v.a. aus der Sicht der Kolonisten zu sehen sind, die sich von der britischen Kolonialmacht unabhängig machen wollen und die häufig vor religiöser Verfolgung in ihren europäischen Ursprungsstaaten geflüchtet sind) die berühmten Checks and Balances. Unter dem Eindruck der absolutistischen Königreiche in Europa und auf Basis der Literatur der Aufklärung sollte die US-Verfassung sicherstellen, dass die USA nicht zu einem absolutistischen Königreich werden können. Zu diesem Zweck mussten die Gewalten, die in den damaligen absolutistischen Königreichen in der Hand des Königs vereint waren, voneinander getrennt, aufgeteilt und in Schach gehalten werden. Konkret handelt es sich um drei fundamentale Formen von Macht: die Macht, Gesetze zu erlassen (Legislative), die Macht, Gesetze umzusetzen (Exekutive) und die Macht, im Konfliktfall über die Auslegung dieser Gesetze zu richten (Judikative).

In der amerikanischen Verfassung sind diese drei Gewalten nicht nur voneinander getrennt, sie sind auch mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen belegt, die dafür sorgen, dass keine dieser Gewalten die anderen ausschalten und alleine herrschen kann. Das sind die berühmten Checks and Balances. Hier nur ein ganz grober Überblick, bei Interesse gibt es ganz viel Literatur dazu:

Die eigentlich mächtigste Gewalt - die Legislative - wurde an ein Parlament übergeben, das wiederum selbst in zwei Kammern aufgeteilt ist. Die beiden Kammern haben jeweils eine eigene Zusammensetzung, eigene Kompetenzen und die Vertreterinnen und Vertreter werden für unterschiedliche Zeitspannen gewählt. Ausserdem gibt es für unterschiedliche Arten von Gesetzesentwürfen nochmals eigene Regeln, z.B. können grössere Mehrheiten oder ein Konsens beider Kammern nötig sein. Das bedeutet, dass die Macht der Legislative nicht einfach und direkt zu nutzen ist und damit auch nicht so leicht in die Hand einzelner Personen oder einzelner Gruppierungen fallen kann. Mit anderen Worten, es gibt Einschränkungen (Checks) und ausgleichende Elemente (Balances).

Die Gewalt der Exekutive (der Präsident oder die Präsidentin) ist verfassungsmässig auf das beschränkt, was innerhalb der Gesetze und Normen möglich ist, die die Verfassung und die Beschlüsse der Legislative vorgeben. Die Exekutive hat damit sehr viel Macht - sie kann aber den Rahmen ihrer eigenen Macht nicht selbst setzen (dieser kommt von der Legislative). Insbesondere die kleine Kammer des Parlaments - der Senat - ist ausserdem mit Kompetenzen ausgestattet, die die Macht der Exekutive einschränken. So müssen beispielsweise die Nominierten für Ministerposten und neue Bundesrichterinnen vom Senat bestätigt werden. Auch Kriegserklärungen kann die Exekutive nicht ohne den Senat machen. (Die Verwendung von Atomsprengköpfen ist hierfür eine bemerkenswerte Ausnahme.) Die amerikanische Exekutive verfügt über viele der Kompetenzen, die Könige in parlamentarischen Monarchien damals hatten - ist aber deswegen auch durch zahlreiche Checks and Balances eingeschränkt. Aus diesem Grund ist die Präsidentschaft grundsätzlich auf eine Amtsperiode von 4 Jahren und maximal einer Wiederwahl (insgesamt also maximal 8 Jahre) beschränkt.

Die Judikative schliesslich - insbesondere der oberste Gerichtshof (das Supreme Court)  - sollte sich vor allem durch ihre Unabhängigkeit und Verfassungstreue auszeichnen. Die Richterinnen und Richter des Supreme Courts werden auf Lebzeiten bestimmt und sind ausschliesslich der Verfassung verpflichtet. Sie wachen darüber, dass weder die Gesetze der Legislative noch die Ausführungsbestimmungen der Exekutive gegen die Verfassung verstossen. Ausserdem sorgen sie für die Interpretation der Gesetze. Die Judikative ist also ein weiterer Check für die Macht der beiden anderen Gewalten. Die Richterinnen und Richter des Supreme Courts haben auch erhebliche Macht dadurch, dass sie sich keiner Wiederwahl stellen müssen.

Zu dieser Gewaltenteilung kommt eine weitere Ebene, die häufig vergessen wird, wenn von der US-Verfassung gesprochen wird - der Föderalismus. Die Bundesregierung in Washington hat nämlich nur beschränkte Kompetenzen und viele zentrale politische Entscheidungen liegen nicht in der Kompetenz von "Washington", sondern sind den 50 Staaten der Vereinigten Staaten selbst überlassen. Das bemerkt man unter anderem dann, wenn man in den USA etwas kauft und in jedem Staat andere Mehrwertsteuern bezahlen muss, sodass diese häufig nicht im angeschriebenen Preis eines Produkts inbegriffen sind.

Schliesslich gibt es die oft zitierte "vierte Gewalt" der freien Medien oder generell der Öffentlichkeit, die ebenfalls direkt aus der Verfassung abgeleitet werden kann, durch die Garantie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit - eine Funktion, die von der Judikative wiederholt bestätigt und betont wurde.

Man muss an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen - die USA waren die ersten, die den Versuch einer modernen Verfassung gestartet haben. Sie konnten auf keine Erfahrung zurückgreifen, wie eine solche Verfassung wirken würde, mit Ausnahme von Beispielen aus der Antike (insbesondere das römische Recht), die aber auch erhebliche Unterschiede ausweisen, die parlamentarische Monarchie in Grossbritannien, von der man sich abgrenzen wollte und die theoretischen Überlegungen der politischen Philosophie. Nimmt man dies zur Kenntnis, ist die amerikanische Verfassung insgesamt die unheimliche Erfolgsgeschichte eines ungewissen sozialen Experiments.

Ein wichtiger Teil dieser Erfolgsgeschichte lässt sich auch durch die zweite Funktion der Verfassung als identitätsstiftendes Dokument erklären. Die Verfassung ermöglichte es nämlich, dass sehr unterschiedliche Menschen unterschiedlichster Herkunft mit der Zeit (und mit viel Widerstand) in die USA integriert werden konnten - alles, was dazu nötig war, war die Anerkennung der Werte der Verfassung, die gleichzeitig mit dem Mythos und dem Versprechen des "American Dream" verschmolzen war. Die Verfassung ist nicht einfach nur das juristische Dokument, das die USA als Staat regelt - es ist das Dokument, auf dem die nationale Identität der USA aufgebaut wurde (oder so schien es zumindest). Selbst das aus europäischer Perspektive seltsame Phänomen, dass in den USA scheinbar alles und jedes vor Gericht und mithilfe von Anwälten geregelt wird, lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Wenn die Verfassung das zentrale identitätsstiftende Dokument ist, ist es naheliegend, sich auf den Rechtsstaat zu verlassen, um Konflikte zu regeln.

Eine Verfassung ist im Grunde eine seltsam abstrakte Sache, die weit mehr ist als das Stück Papier, auf dem sie geschrieben wurde. Sie stellt die Grundsätze dar, auf die man sich als Land kollektiv (und mit jeder erfolgreich abgehaltenen Wahl wieder) geeinigt hat, sie einzuhalten - und ist damit eigentlich auch eine Art Glaubenssache. Wenn die Amerikanerinnen und Amerikaner nicht mehr an die Gültigkeit ihrer Verfassung glauben würden, wenn sich die Judikative als Hüterin der Verfassung nicht mehr durchsetzen könnte - wäre die Verfassung nicht viel mehr wert als Toilettenpapier.

Und dieser Glaube an die Gültigkeit und die Rechtmässigkeit der Verfassung wird gerade von der aktuellen US-Regierung in Frage gestellt - das ist, um es vorsichtig zu formulieren - Grund für ganz viel Unbehagen.

Die Checks and Balances der Verfassung und die Identitätsstiftung des Dokuments funktionierten nur deshalb so lange, weil alle vier Gewalten in den USA lange Zeit grundsätzlich hinter der Verfassung standen. Es gab Krisen - es gab sogar einen Bürgerkrieg - aber bisher konnte man keiner Regierung, keiner Legislativen vorwerfen, dass sie die grundsätzliche Gültigkeit der Verfassung nicht anerkennen würde. Das bedeutet auch, dass die Regierung keine zu offensichtlich verfassungswidrige Vorschläge gemacht hat - oder im guten Glauben darauf zählte, dass das Supreme Court letztlich über die Verfassungsmässigkeit von umstrittenen Dekreten und Gesetzen entscheiden würde. Die grossen Fälle vor dem Supreme Court betrafen also grundsätzlich die Frage, wie die Verfassung in diesen Fällen zu verstehen ist - was durchaus erhebliche Konsequenzen haben kann, denn die Verfassung ist ziemlich offen zur Interpretation - aber das Supreme Court hatte es bisher nicht mit einer Regierung zu tun, die die grundsätzliche Bedeutung der Verfassung in Frage stellt.

Es ist nicht einfach nur ein zeremonieller, symbolischer Akt, dass alle wichtigen Staatsvertreterinnen und -vertreter einen Eid auf die Verfassung leisten müssen. Es ist die Grundlage, die dafür sorgt, dass der Rechtsstaat grundsätzlich funktionieren kann. Nicht perfekt natürlich, nicht ohne Probleme - aber die Frage, ob man sich an die Verfassung halten soll oder nicht, sollte an diesem Punkt eigentlich geklärt sein.

Sogar das von den konservativen so hoch und heilig gehaltene Recht auf Waffenbesitz ist vor diesem Hintergrund zu verstehen - es ist nämlich die letzte Bastion der Checks and Balances, die dem Volk das Recht gibt, die Verfassung im Notfall auch gegen die eigene Regierung zu verteidigen, sollte diese in Tyrannei verfallen. (Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass gerade diese Kräfte sich nun auch gegen die Verfassung zu stellen scheinen.)

Die aktuelle Regierung hat nun Dekrete erlassen (Executive Orders), die offensichtlich direkt gegen die Verfassung verstossen. Man kann ihr handeln auch nicht im guten Glauben als verfassungskonform verstehen und auf die klärende Entscheidung des Supreme Court warten. Als erste Gerichte diesen Verfassungsbruch nämlich festgestellt hatten, haben die zuständigen Regierungsstellen zunächst die Anordnung der Gerichte missachtet (also konkret - sie haben beschlossen, das präsidiale Dekret über die Verfassung zu stellen und damit die Gewaltentrennung zu missachten). Nun haben sie die Anordnungen der Gerichte zwar vorerst umgesetzt, aber Präsident Trump hat direkt und offen die Judikative und deren Legitimität angegriffen (i.e. Trump hat angekündigt, dass er die Gerichte verantwortlich macht, falls es einen Terroranschlag gibt - und versteht die Aussage ruhig richtig, man wünscht sich diesen Anschlag sehnlichst herbei. So sehr, dass sogar schon Anschläge erfunden wurden, die gar nicht stattgefunden haben).

Damit ist klar, dass die aktuelle Exekutive die Verfassung nicht respektiert - und alle Konflikte von diesem Punkt an finden ausserhalb des bekannten Rahmens statt.

Es wird zurzeit nicht darum gerungen, wie die Verfassung zu interpretieren ist - es wird darum gerungen, ob die Verfassung noch mehr wert ist als das Papier, auf dem sie geschrieben ist. Und das ist ein fundamentaler Kampf mit ungewissem Ausgang. Damit ist auch klar, was auf dem Spiel steht: bleiben die USA das Land, das durch die Verfassung garantiert wird oder werden sie zu einem autokratischen Regime und haben die Checks and Balances der Verfassung effektiv versagt?

US-Amerikanerinnen und Amerikaner können sich nicht mehr unbedingt auf ihre Verfassung verlassen und auf die Rechte, die ihnen darin garantiert werden. Sie können sich insbesondere nicht mehr darauf verlassen, dass der rechtsstaatliche Weg (via Anwälte) ihnen noch zu Recht (wenn auch nicht unbedingt zu Gerechtigkeit) verhelfen kann. Denn das, was sich im Moment abspielt, findet ausserhalb des gewohnten Rahmens der Rechtsstaatlichkeit statt, solange die Exekutive weiterhin die Verfassung ignoriert.

Es ist ein besonderer Wendepunkt in diesen Tagen - im Augenblick sitzen in der Judikative, aber auch in wichtigen Bereichen der Legislative und Exekutive noch Personen, die nicht unter dem Einfluss von Trump und seinen Schergen stehen. Diese Personen können den Kampf innerhalb der etablierten Kanäle der Verfassung noch aufnehmen und sich darum bemühen, die Checks and Balances wiederherzustellen.

Doch je länger die aktuelle Regierung an der Macht ist, desto mehr werden diese Personen ihre Macht verlieren und diese Möglichkeiten schwinden. Schafft es die Regierung, die Legislative und die Judikative endgültig unter ihre Kontrolle zu bringen (im Zweifelsfall reicht dafür die Bestätigung des einen Bundesrichters, die noch aussteht), kann die jetztige Regierung ihren offenen Kampf gegen die Verfassung verschleiern. Hat sie den Kampf gewonnen, kann sie gegen aussen den Schein der Verfassungsmässigkeit halten, während sie die Verfassung endgültig entmachtet und ihre Bedeutung aushöhlt. Tritt dies ein, wird es bereits in 2 Jahren keine freien Kongresswahlen mehr geben. Weil die USA immer noch das mächtigste Land der Welt sind, würden wir uns in eine Weltordnung bewegen, die niemand von uns kennt und die noch fundamentaler unberechenbar ist, als sie vorher schon war.

Dieses Szenario der Aushöhlung von Innen, während der Schein der Strukturen aufrechterhalten wird, würde nicht nur der Machtübernahme der Nazis in Deutschland in den 1930er-Jahren ähneln, sondern auch dem Übergang von der römischen Republik ins Kaiserreich. Es gibt also leider historische "Vorbilder".

Das ist der Grund, warum mich das nackte Grauen erfasst, wenn ich News aus den USA lese - insbesondere, wenn ich höre, dass die Regierung erneut Richter diskreditiert hat oder richterliche Anordnungen zugunsten von präsidialen Dekreten ignoriert werden. Wenn ich höre, dass die Grenzbeamten Gerichtsentscheide nicht umsetzen oder der Präsident Leute entlässt, die nur ihren verfassungsmässigen Job machen. Mich gruselt aber auch davor, wie schweigsam insbesondere die Legislative ihre Entmachtung einfach hinnimmt. Es ist nicht normal, dass der Präsident nicht auf Entscheidungen der Legislative wartet und stattdessen per Dekret regiert wie ein Monarch. Angesichts der zentralen Bedeutung der Verfassung für die amerikanische Identität wundert es mich wirklich, dass insbesondere von republikanischer Seite nicht mehr Widerstand zu hören ist. Bis jetzt dachte ich, dass man sich grundsätzlich überparteilich einig war, dass die Verfassung zu gelten hat. Manchmal scheint es mir fast, als sei man von einer Art Weltuntergangslust erfasst worden, als wollte man einfach nur um jeden Preis herausfinden, wie es denn so wäre, in einem autokratischen Land zu leben - das Problem ist nur: Demokratien sind wesentlich schneller zerstört, als sie aufgebaut werden.

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Die "was kann schon schiefgehen?"-Falle

Nachdem ich jetzt ein bisschen Zeit hatte, über Folgen dieser Wahl nachzudenken, wollte ich ein Follow-Up zu meinen letzten Anmerkungen schreiben. Auch dieser Eintrag hier wird nicht allumfassend alles beleuchten, was ich zu diesem Thema zu sagen hätte. Ich versuche mich nicht zu sehr zu verzetteln, was übrigens eine grosse Herausforderung ist.

Ich will mich hier genauer mit dem ersten Punkt auseinandersetzen, den ich in meinem letzten Beitrag aufgeworfen hatte - um die Rolle der weissen* Mittelschicht in diesem politischen Albtraum, in dem wir uns befinden. Nicht nur in den USA, sondern in der gesamten westlichen Welt. (*Die Bedeutung von "weiss" ist dabei je nach nationalem Kontext anders - in der Schweiz ist hierfür nicht allein die Hautfarbe und die religiös-kulturelle Zugehörigkeit entscheidend, sondern die Frage, ob man als "einheimisch" im Gegensatz zu "ausländisch" wahrgenommen wird oder nicht.)

In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass es diese Mittelschicht war, die aus Schmerz über den drohenden Verlust von Privilegien gewählt hat und dass linke und liberale Gegenbewegungen das Ausmass dieses Schmerzes nicht unterschätzen dürfen. Gleichzeitig muss unsere Haltung darin bestehen, dass sie diesen Schmerz aushalten muss - und dass wir uns bewusst werden müssen, in welchen Situationen auch wir diesem Schmerz ausweichen, den wir anderen zu leichtfertig zumuten wollen. Ich werde ausserdem auf die Frage eingehen, warum die Politik und die Medien sich in doppelten Saltos überschlagen um zu sagen, man solle "die Sorgen dieser Leute ernstnehmen", während man die viel berechtigteren und tiefergehenden Sorgen anderer Leute ignoriert.

Als erstes muss ich mich dafür mit einem Phänomen auseinandersetzen, das auf den ersten Blick ein innerer Widerspruch darstellt: Wir stellen fest, dass die weisse Mittelschicht extreme Entscheidungen wie die Wahl von Donald Trump, den Brexit oder die Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz trifft, weil sie Angst hat. Es gibt massenweise Artikel darüber, wie Angst und Sorge dazu geführt hätten, dass man solche extremen und potentiell schädlichen Entscheidungen trifft. Gleichzeitig hört man von ebendiesen Leuten - und auch von vielen Leuten die eigentlich auf "meiner" Seite stehen - "ja, aber so schlimm kanns doch gar nicht werden, oder?" "Schau, bei George W. Bush haben wir auch gedacht, das wäre ein Weltuntergang und wir habens überlebt." Oder es gibt sogar linksradikale Leute, die sich insgeheim über die Wahl von Trump freuen, weil sie glauben, damit würde "das System", das sie ohnehin als korrupt erkannt haben, dann hoffentlich zusammenfallen. Man ist also bereit, sich auf ein erhebliches Risiko einzulassen - von dem man aber überzeugt ist, dass es gar kein so grosses Risiko ist.


Wir haben also auf der einen Seite eine offensichtlich hysterische Angst - und auf der anderen Seite die Überzeugung, dass egal, was man tut, es nie wirklich fundamental schiefgehen kann. Aber wenn man wirklich Angst hat, ist man doch überzeugt, dass es fundamental schiefgehen kann - wie kann man dann gleichzeitig alles auf eine Karte setzen und volles Risiko in einer Entscheidung mit ungewissem Ausgang gehen?

Und hier kommen wir der Sache schon langsam auf die Spur - wir müssen diese beiden Dinge unbedingt zusammen betrachten.

Fangen wir mit diesem Gefühl an, dass doch nichts wirklich fundamental schiefgehen kann. Dieses Gefühl ist der eigentliche Kern dessen, was ich hier immer Privileg genannt habe. Es ist die bis tief im Innern verankerte Erfahrung, die die meisten von uns Weissen hier im Westen im Leben gemacht haben - dass es nämlich insgesamt schon irgendwie gut kommt. Und selbst wenn es schlecht kommt, ist es selten wirklich exitenziell bedrohlich, jedenfalls nicht ausserhalb von Schicksalsschlägen wie tödlichen Krankheiten, die man leicht verdrängen kann, solange sie einen nicht treffen.

Wir sind in einer im Kern heilen Welt aufgewachsen, selbst wenn das Unheil von aussen ab und zu ein bisschen eindringt - aber wir haben ein Dach über dem Kopf, der Bus fährt jeden Tag einigermassen pünktlich, wir können unsere Fahrzeuge jederzeit auftanken, das Wasser kommt aus dem Wasserhahn und der Supermarkt ist voll. Das heisst nicht, dass das Leben angenehm ist oder dass wir keine schlaflosen Nächte haben, weil unsere Perspektiven schlecht aussehen und wir uns darüber Sorgen machen, wie wir das Dach über dem Kopf behalten oder für die Lebensmittel im Supermarkt bezahlen sollen. Aber unabhängig davon - die Welt um uns herum, der Kontext, in dem sich das abspielt, ist stabil. Und dieser Eindruck hat uns geprägt und er hat uns darauf konditioniert, welche grundsätzlichen Erwartungen wir an die Welt haben können.

Wir können nichts dafür, dass die Welt für uns so aussieht - genauso wenig wie jene etwas dafür können, die in einem anderen Umfeld aufgewachsen sind und grundlegend andere Erfahrungen gemacht haben. Unsere Gehirne sind darauf geeicht, Dinge zu automatisieren, die uns "normal" erscheinen und unsere alltägliche Erfahrung definiert, was für uns "normal" ist. Wir müssen uns aktiv darum bemühen, aus dieser Normalitätsblase auszubrechen und uns darauf einlassen, dass sie nicht universell ist. Das heisst auch, viele von uns machen diese Bemühungen nicht.

Das vielleicht anschaulichste Beispiel, das ich in diesem Zusammenhang gerne erzähle, stammt von einer Schweizer Freundin, die mit einem Brasilianer verheiratet ist, den sie in Brasilien kennengelernt hat. Sie war bereits einige Zeit in Brasilien gewesen, bevor sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Sie hat sich in dieser Zeit dort nicht besonders unsicher gefühlt. Als sie danach aber mit ihm unterwegs waren, wies er sie häufig wie nebenbei auf Dinge hin, die um sie herum geschahen, die ihr vorher nicht aufgefallen waren: "Nicht nach hinten schauen, aber der Fahrer drei Wagen hinter uns wird gerade ausgeraubt". Er ging auch einmal auf dem Heimweg plötzlich in eine Bar, weil er bemerkt hatte, dass sie verfolgt wurden und er versuchte, die Verfolger abzuschütteln (sie haben die eigene Haustür dann tatsächlich noch knapp rechtzeitig erreicht, bevor sie eingeholt worden wären, das war also keine Paranoia.) All diese Dinge geschahen wahrscheinlich auch bevor sie ihn kannte in ihrer Umgebung - aber erst, als er dabei war, konnte sie sie sehen.

Man muss aber gar nicht so weit gehen, um diese unterschiedlichen Normalitäten sichtbar zu machen - wenn du diesen Text hier als Mann liest, frag mal ein paar Frauen in deinem Umfeld, was sie alles tun und worauf sie achten, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen. Wenn du eine Frau bist, fragt mal die Männer und sei nicht verwundert, wenn sie dich verwirrt anschauen bei der Frage. Nicht nur das, wenn du ein weisser Mann bist, frag mal einen schwarzen Mann, worauf er achtet, wenn er nachts alleine nach Hause geht. Wenn du eine weisse Frau bist, frag mal nicht-europäisch aussehende Frauen... oder solche, die Kopftuch tragen. Man muss dafür auch nicht einmal persönlich mit Leuten sprechen, wenn man Mühe hat, neue Leute kennenzulernen oder einem persönliche Gespräche schwerfallen - es gibt im Internet unzählige Erfahrungsberichte, die man lesen und auf die man sich einlassen kann.

Ziel dieser Übung is nicht, zu erkennen, dass es eine "Erfahrung als Frau" gibt, die von einer "Erfahrung als Mann" abweicht etc. Vielmehr wird man feststellen, dass die Erfahrung jeder einzelnen Frau leicht anders ist als jene anderer Frauen, genauso wie auch unter Männern - aber dass da doch einige auffällige Muster zu Tage treten, unterschiedliche Lebenswelten definieren.

Das grosse Problem, mit dem wir uns hier nun auseinandersetzen müssen, liegt darin, dass die eigene Erfahrung im Zweifelsfall immer stärker wiegt als alles, was man sich über empathisches Zuhören und analytisches Beobachten angeeignet hat. Denn nur das, was wir selbst erfahren, fühlt sich bis tief ins Innerste hinein real an. Das heisst, das Gefühl "so schlimm kanns doch gar nicht werden" bleibt uns auch erhalten, wenn wir eigentlich wissen, dass es nicht stimmt - und dieses Gefühl kann uns immer dann in die Quere kommen, wenn wir schnell und unüberlegt handeln.

Ich persönlich habe mir deshalb schon lange so eine Art gedanklichen Stolperstein eingebaut, der mich bremst, sobald ich eine Aussage in diese Richtung mache oder meine Gedanken in diese Richtung gehen. Ich halte dann an und frage mich, ob es tatsächlich nicht möglich ist, dass nichts passieren kann - oder ob mir meine Erfahrung einfach nur weissmachen will, dass nichts passieren kann.

Die Gefahr eines solchen Stolpersteins ist es, dass man in Schwarzmalerei verfällt und plötzlich überall nur noch die Horrorszenarien sieht, die sich hinter scheinbar Harmlosem befinden. Ich erinnere mich in solchen Fällen dann immer daran, dass das Potential von Horrorszenarien genauso wenig bedeutet, dass sie eintreten müssen wie umgekehrt die naive Hoffnung. Aber die Tatsache, dass ich dann sowohl die Wunschtraumszenarien und die Horrorszenarien vor mir sehen kann, hilft mir, die Risiken und Nebenwirkungen der einzelnen Szenarien fundierter zu betrachten und vielleicht sogar neue Möglichkeiten zu sehen, die vorher vom einen oder anderen verdeckt waren. Ich habe den Hang, den Horrorszenarien mehr Beachtung zu schenken als den anderen - einfach, weil ich es sinnvoll finde, darauf vorbereitet zu sein - aber man darf das nicht damit verwechseln, dass man überzeugt ist, dass die Horrorszenarien auch entreten werden. Sich mit Horrorszenarien auseinandersetzen, ohne darüber in Panik zu fallen, ist letztlich die grosse Kunst, die ich immer noch zu lernen versuche. (Obwohl ich im Nachhinein irgendwie bereue, dass ich nicht offensiver darauf hingewiesen habe, dass eine Trump-Wahl keineswegs eine Unmöglichkeit ist, die nicht eintreten kann.)

Ein weiterer, richtig hässlicher Aspekt dieser "es kann ja nicht wirklich schiefgehen"-Grundhaltung liegt im Weiteren darin, dass es einem so leicht gemacht wird, den Schaden, den andere durch diese Haltung nehmen, einfach auszublenden und zu ignorieren. Man muss sich dessen schliesslich immer und immer wieder aktiv bewusst werden. Die Grundhaltung ist nämlich eigentlich gar kein "es kann nicht wirklich schiefgehen" sondern ein "es kann für mich nicht wirklich schiefgehen". Und auch wenn das in letzter Konsequenz nicht stimmt, es kann auch für mich richtig schiefgehen - die privilegierte Situation, in der wir uns befinden, sorgt tatsächlich ganz real dafür, dass es zuerst für ganz ganz viele andere Leute auf diesem Planeten richtig schiefgeht, bevor es uns trifft. Und das ist genau der Hintergrund, vor dem sich das aktuelle Drama abspielt.

Diese vielzitierte, vielbeschworene Angst der weissen Mittelschicht, die man "ernstnehmen" sollte, ist im Grunde die Angst davor, dass die Konsequenzen dessen, was man bisher hinter dieser vermeintlich komfortablen Normalität ausgeblendet hat, in unseren eigenen Vorgarten gelangen könnte und auch wir nicht mehr immun davor sind. Dass wir nicht länger so tun können, als könnte für uns nichts schiefgehen. Und das macht uns Angst - vielleicht sogar auf eine Art viel mehr Angst als jenen, die gar nie diesen Komfort hatten, denn wir haben keine Ahnung, wie man in einer Welt überlebt, in der es wirklich schiefgehen kann. Und wie gesagt - wirklich schiefgehen heisst hier, dass die gesamte Normalität, auf die wir uns bisher verlassen haben, zusammenbricht. Weil unsere schöne konsequenzenfreie Normalität also bedroht ist, soll einfach bitte ein starker Mann kommen, der dieses Unheil von uns fernhält - um jeden Preis, soll der Rest der Welt halt brennen.

Und jetzt kann ich auf den nächsten Punkt eingehen, nämlich darauf, warum sich Politiker und Medien darauf stürzen, dass man dieses Sorgen der Mittelschicht "ernstnehmen" sollte, während ihnen die Sorgen jener, die schon immer und viel mehr leiden, offensichtlich egal sind. Vorher muss ich aber noch eine weitere Gruppe von Leuten einführen, die noch viel stärker und tiefer in der Überzeugung leben, dass "nichts wirklich schiefgehen kann" und die auch im Augenblick nur ganz moderat Angst hat:

Weisse, heterosexuelle Cis-Männer, die ihr Vermögen grösstenteils geerbt haben und die sowohl die Macht als auch die Ressourcen haben, um sich vor praktisch allen möglichen Konsequenzen abzuschirmen, egal, was passiert. Männer, die von den Konsequenzen praktisch aller Katastrophen erst dann wirklich getroffen werden, wenn sie als letzte noch übrigbleiben. Das sind erstens jene Menschen, die mit ihrem "was kann schon schiefgehen?"-Verhalten überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass die weisse Mittelschicht sich nun vor Angst in die Hosen machen - und die mit verantwortungsvollerem Verhalten und einer ernsthaften Integration die Gesellschaft sowohl die Macht als auch die Ressourcen hätten, um nicht nur der weissen Mittelschicht ihre Sorgen zu nehmen, sondern auch für jene, die noch unmittelbarere Sorgen haben. Eine solche Integration geht viel weiter als bloss der Slogan, man solle die Reichen stärker besteuern - es geht darum, klar, deutlich und unerbittlich zu definieren, was Verantwortung bedeutet und wie man dafür sorgt, dass sie die Konsequenzen der eigenen Handlungen richtig spüren können.

Aber das ist schwierig. Der Grundsatz, dass es schmerzt, etwas zu verlieren, das man hat, der gilt für diese Leute auch, der ist universell. Das heisst, sie werden sich mit all ihren Mitteln dagegen wehren, dass sie ihre Privilegien verlieren könnten - und sie sind dafür mit so schwindelerregenden Mitteln ausgestattet, dass oft nur ein kurzes Gesicht verziehen ihrerseits ausreicht, um zu bekommen, was sie wollen.

Sie haben nur ein Problem, das ihnen zum Verhängnis werden könnte: sie sind zu wenige. Wenn sich die verängstigte Mittelschicht mit dem verwundbaren und bedrohten Rest zusammentun würde und ihnen ihren Bullshit nicht mehr abkaufen würde, könnte ihnen kein Geld der Welt mehr helfen. Das ist der grundlegende Gedanke der Revolution. Danach würde es aber nicht automatisch besser, wenn die revolutionäre Gemeinschaft keine realistische Vorstellung hat, was danach passieren soll. Das haben Revolutionen der Vergangenheit mehr als genug gezeigt - aber Fakt ist, wenn die Mittelschicht sich mit den verwundbaren und verarmten zusammentut, ist Feuer im Dach.

Die wichtigste, aber auch problematischste Kraft in diesem Szenario ist die Mittelschicht - denn sie hat sowohl genügend Ressourcen als auch immaterielles Ansehen, um den Aufstand riskieren zu können, wenn sie sich mit dem Rest verbündet - Ressourcen und Privilegien, die dem Rest alleine fehlen. Ein solcher Aufstand muss nicht einmal gewalttätig sein - nur schon, wenn sie sich entschliessen würde, mit ihren eingeschränkten Mitteln konsequent dem Rest zu helfen und alternative, zivilgesellschaftliche Unterstützungsstrukturen aufzubauen, könnte sie eine erhebliche Veränderungsdynamik erzeugen und die geltenden Machtverhältnisse ins Wanken bringen. Alleine dadurch, dass man sich konsequent dagegen wehren würde, in seinen eigenen Sorgen isoliert und sich gegen die Sorgen anderer ausspielen zu lassen, könnte man einen erheblichen Teil der herrschenden Machtverhältnisse brechen. Das ist die wahre Bedeutung von Solidarität.

Das heisst, die Herren der Welt haben in der heutigen politischen Konstellation eine einzige Sorge, die sie aus Eigeninteresse ernstnehmen müssen: jene einer unzufriedenen Mittelschicht. Eine unzufriedene Mittelschicht, die ausreichend strukturelle Macht hätte, ihre Herrschaft zu bedrohen oder zu unterwandern. Die Sorgen aller anderen kann sie hingegen getrost ignorieren, denn solange die Mittelschicht sich nicht mit ihnen solidarisiert, haben die herrschenden Strukturen schon dafür gesorgt, dass ihnen die Mittel und die Energie fehlen, um sich aufzulehnen.

Nun hat die Mittelschicht also eigentlich die Wahl - sie könnte selbst die Macht ergreifen, indem sie sich konsequent mit dem Rest zusammentut (was im Übrigen für den Rest bisher nicht unbedingt nur positive Folgen hatte, wenn man die Revolutionsgeschichte studiert - nicht zuletzt, weil die davor herrschende Schicht Mittel und Wege hat, sich auch in diesem Szenario zurück an die Macht zu schleichen) oder sie kann sich unter dem Mantel der privilegierten Herrscher verstecken, gegen ein paar beruhigende Brotkrumen die Drecksarbeit leisten und ihre Wut darüber am Rest auslassen, der sich alleine ohnehin nicht wehren kann. Das Ganze mit einem Versprechen, das zu halten dumm wäre: nämlich dass die Mittelschicht, wenn sie sich brav an diese Vorgaben hält, die Chance hat, zur Herrschaft aufzusteigen*. Würden die Herren der Welt dieses Versprechen halten, würden sie ihren eigenen Status verlieren - und Verluste sind schmerzhaft, das würden sie nicht zulassen. Das Konzept ist so alt wie die politische Strategie, es nennt sich "Teile und Herrsche."

Dieses Muster gilt übrigens generell und lässt sich auf andere Reibungspunkte übertragen. So verspricht die patriarchale Herrschaft verunsicherten weissen Männern und teilweise auch weissen Frauen, dass man ihnen vielleicht die Chance geben würde, aufzusteigen, wenn sie brav alle anderen draussenhalten. Es ist das Versprechen, das man gerade weissen schwulen cis-Männern macht, um sie gegen alle anderen marginalisierten Gruppen zu stellen. Das Versprechen kann auch schwarzen Männern gemacht werden. Aber der Clou ist immer, dass man einen etwas privilegierteren Teil innerhalb einer unterprivilegierten Gruppe isoliert, ihnen verspricht, zur privilegierten Elite aufzusteigen, wenn sie brav die Drecksarbeit macht - und ihnen dann die Illusion gibt, sie hätten dieses Ziel erreicht (Zuckerbrot), könnten es aber jeden Moment wieder verlieren (Peitsche). Diese Illusion, "es fast geschafft" zu haben, ist gleichzeitig der stärkste Indikator dafür, dass es sich um eine viel prekärere Lage handelt, als man glaubt.

Für diese "besorgten Bürger" erscheint nun die relative Sicherheit unter diesem warmen Mantel starker Herrscher attraktiver als die Revolte mit ungewissem Ausgang - denn beim einen "weiss man, was man bekommt" (und den grossen Schaden haben andere) und beim anderen weiss man gar nichts. Wenn man also davon spricht, man sollte doch "die Sorgen der besorgten Bürger" ernstnehmen, dann meinen die meisten Kommentatoren im Grunde nur "man soll die Sorgen der besorgten Bürger gegen jemanden anderes kanalisieren und dafür sorgen, dass das Zuckerbrot etwas mehr Zucker enthält".

Eine linke, oder einfach nur eine ernsthaft humanitäre liberale Politik, die die Würde jedes Menschen ernst nimmt, muss der Mittelschicht in diesem Umfeld das revolutionäre Szenario schmackhaft machen können - das wäre eine andere Interpretation dieses Auspruchs man solle "die Sorgen ernstnehmen". Sie muss ihr eine attraktive Alternative aufzeigen, wie eine menschliche Gemeinschaft, in der wir gemeinsam leben, aussehen könnte und was wir alle davon zu gewinnen hätten - welche Welt man gestalten könnte, wenn man Macht kreativ einsetzen könnte.

Ich bin leider keine besonders talentierte Utopistin und erst recht keine überzeugende Revolutionärin, dazu denke ich viel zu abstrakt - aber ich hoffe, dass es andere gibt, die sich dieser Aufgabe annehmen können. Ich kann dafür nur meine abstrakte strukturelle und systemische Perspektive anbieten. In diesem Kontext bin ich mir nichtmal sicher, wie viel Revolution es tatsächlich braucht, um die Entwicklung in positivere Bahnen zu lenken - aber wenn wir, wie sich jetzt abzeichnet, mit einer faschistischen Konterrevolution konfrontiert sind, dann reicht es nicht mehr, den Kopf einzuziehen und sich damit zu beruhigen, dass es für mich ja nicht wirklich schlimm kommen kann. Gerade wenn wir Teil dieser weissen Mittelschicht sind, können wir das nicht akzeptieren und uns zu Helferinnen und Helfern jener zu machen, die uns klein halten wollen.

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie eine menschliche, zivilgesellschaftliche Alternative zu dem aussieht, was man uns aufzwingen will. Alles andere ist inakzeptabel.

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Ich habe nicht viel Zeit, um darüber zu schreiben und ich hab keine Geduld für eine grosse Einleitung. Wir alle wissen, was passiert ist. Was die Wahl wirklich bedeuten wird, wie schlimm es wirklich wird, ist gerade unheimlich unberechenbar und ich kann und will mich da nicht darauf einlassen. Deswegen nur 2 Erkenntnisse - die keineswegs umfassend alles sagen, was zu sagen ist, aber...

1. Wir müssen aufhören zu unterschätzen, wie schmerzhaft der drohende Verlust von Privilegien sich anfühlt - und wie weit Menschen gehen, um diesen Schmerz zu verhindern

Diese Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, die Donald Trump zum US-Präsidenten gemacht haben, sind nicht arme Menschen, die wütend sind über ihren aktuellen Zustand. Es ist nicht das amerikanische Proletariat, das Trump gewählt hat - es ist die alte weisse Mittelschicht, der es bis in die frühen Nullerjahre hinein noch verhältnismässig gutging und die seit der Krise 2008 mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass ihr bisheriger Lebensstil und ihre bisher gewohnten Privilegien auf Dauer nicht zu halten sind. Das sind sie übrigens heute, Tag 1 nach der Wahl genauso wenig, wie sie es damals waren.

Die Angst, etwas, das man hatte zu verlieren, ist um ein Vielfaches grösser als die Wut über etwas, das man nie hatte - dazu gibt es bereits viele psychologische Studien, die ich hier jetzt in der Kürze nicht raussuchen kann. Das ist individuell so - und das ist auch Kollektiv so. Die "besorgten Bürger", die Trump wählen, Flüchtlingsheime anzünden und empört sind darüber, dass Frauen das Recht haben, Vergewaltigungen anzuzeigen, die sind nicht besorgt, weil sie sehen, dass es ihnen schlechter gehen könnte als früher - sie sind besorgt, weil sie Dinge zu verlieren drohen, die sie für selbstverständlich gehalten haben und - das ist ja irgendwie das Paradoxe an der Situation - von denen sie selbst eigentlich wissen, dass sie keine vernünftige Grundlage haben (denn sonst würden sie nicht derart emotional reagieren).

Das heisst, wir müssen aufräumen mit dem Mythos, dass eine "abgehängte weisse Arbeiterschicht" solche Entscheidungen trifft - es ist eindeutig eine Mittelschicht, die panisch um sich schlägt, weil ihr dämmert, dass ihr bisheriger gewohnter Lebensstil nicht nachhaltig ist. Jetzt soll er gefälligst trotzdem nachhaltig gemacht werden. Jene anzugreifen, die noch mehr Macht haben und tatsächlich profitiert haben, scheint zu riskant und davor fürchtet man sich. Also wehrt man sich, indem man die Armen und die Verwundbaren ärmer und verwundbarer machen will, sodass es einem wenigstens relativ, im Vergleich zu den anderen da, wieder besser geht. So etwas funktioniert nur mit Gewalt und davor habe ich Angst. Aber gerade wenn man gegen diese Reaktion kämpfen will, muss man sich bewusst sein, welche Wucht dieser Schmerz und die Angst vor dem Verlust von Privilegien tatsächlich hat und wie man ihm entgegentreten kann.

Für uns alle hier, denen ein Teil dieser Privilegen unabhängig von unserer politischen Gesinnung ebenfalls zu Gute kommt, gibt es nur einen Weg: das verlockende Angebot abzulehnen, das einem die Trumps dieser Welt machen - nämlich jenes, dass man ja bei der Gewalt gar nicht unbedingt mitzumachen braucht, solange man nur brav wegschaut und weiterhin die Privilegien geniesst, während andere daran zugrunde gehen. Die einzig wirksame Haltung dagegen besteht darin, allen Mut zusammenzunehmen und zu sagen: "nein, ich will diese Privilegien nicht, ich stelle mich freiwillig zu diesen anderen da - auch wenn mir das persönlich schadet." Das ist schmerzhaft, weil Privilegien verlieren schmerzhaft ist - aber anders geht es nicht. Auch der Trump-wählende Mittelstand weiss genau wie schädlich diese Privilegien sind. Aber er will sie, will sie, will sie nicht verlieren! Ob man nun bei diesem Tobsuchtsanfall mitmacht oder ihn einfach angewidert ignoriert - aus der Verantwortung raus kommt man damit nicht. Ich spreche hier besonders jene an, die von einem solchen Tobsuchtanfall in keiner Weise persönlich direkt betroffen sind und die den Luxus haben, auswählen zu können, zu welcher Gruppe von Leuten sie gehören wollen.

Das ist der Zustand, von dem wir ausgehen müssen. Alles andere ist Selbstbetrug. Und wir dürfen nicht unkommentiert geschehen lassen, dass sich eine aufgebrachte Mittelschicht hier erlauben will, ganz kräftig nach unten zu treten, um es "denen da oben" mal so richtig zu zeigen und "die da oben" treten freundlich lachend mit. Wenn wir etwas gelernt haben, dann das: das alte rassistische Patriarchat ist nach wie vor lebendig und gewaltbereit - und es wird nicht einfach Selbstmord begehen, wenn es sich bedroht fühlt - sondern wütend herumtoben - man solle doch endlich aufhören, ihm ein schlechtes Gewissen dafür zu machen, dass es überall auf der Welt erhebliche Schäden anrichtet.

2. Ein zu mechanisches, technokratisches Weltbild ist trügerisch, zu wenig verstandene Big Data-Methoden können uns nicht retten

Im Frühjahr dieses Jahres hatte ich gegenüber von Freunden folgende düstere Prognose gemacht: wenn die Wahl im Herbst Trump vs. Clinton heisst, gewinnt Trump. Ich fühle keinerlei Genugtuung darüber, dass ich damit recht behalten habe - vielmehr habe ich bis zum Schluss gehofft, dass ich danebenliegen würde. Ich bin übrigens auch nicht besonders gut mit Prognosen und ich will mich nirgends als Orakel bewerben - mir geht es vielmehr darum zu zeigen, dass sich die Dynamik, die Trump ins Weisse Haus getragen hat, bereits im Frühjahr abgezeichnet hat, gleichzeitig aber von nahezu allen politischen Beobachtern und Analysten mit Verweis auf Umfragewerte und Erfahrungswissen aus der Vergangenheit ignoriert wurde.

Es hat noch nie eine Präsidentschaftskampagne gegeben, die dermassen datengetrieben war wie jene von Hillary Clinton. In der amerikanischen Techzeitschrift Wired gab es noch diesen Sommer einen ausführlichen Artikel darüber, wie ausgefeilt die Strategie der Clintonkampagne war, um die richtigen Leute in den Swing States zu erreichen und zum Wählen zu bewegen. Im Artikel schwang die Zuversicht mit, dass diese datenunterfütterte, gezielte Vorgehensweise das Mediengetöse der Trumpkampagne letztlich besiegen würde. Aber diese Haltung hatte das Problem, das alle mechanischen, technokratischen Weltbilder haben - sie funktionieren nur, wenn die Welt sich tatsächlich in dem Zustand befindet, der bei der Gestaltung des Weltbilds angenommen wurde.

Das muss ich wahrscheinlich ausführen - sagen wir der Einfachheit halber, dass 99 von 100 Wahlen nach einem berechenbaren Modell ablaufen und dass die Big-Data-Instrumente mittlerweile so gut geworden sind, dass sie in der Lage sind, das Ergebnis in diesen 99 von 100 Wahlen mit nahezu 100%iger Sicherheit vorherzusagen, dann ist das ein extrem nützliches und wertvolles Instrument. Aber - und das ist das riesige grosse Über-Aber - wenn wir uns in dieser 1 von 100 Wahlen befinden, in der die normalerweise gültigen Regeln ausser Kraft sind, weil die Situation zu weit vom angenommenen Weltbild abweicht, dann muss man diese Mittel zur Seite legen und anders vorgehen. Nämlich qualitativ, mit der Beobachtung von gesellschaftlichen Dynamiken und jenen normalerweise unwichtigen Umständen, die dazu führen, dass das angenommene Weltbild nicht zutreffen könnte.

Es gibt komplett unterschiedliche Vorgehensweisen im Umgang mit einer stabilen, im Kern berechenbaren Situation und im Umgang mit einer volatilen, ungewissen Situation - Vorgehensweisen, die seit der Krise 2008 in anderen Bereichen heftig diskutiert werden.

Dass es sich um diese 1 von 100 Wahlen handeln könnte (oder 1 von 1000 oder was auch immer das tatsächliche Verhältnis ist), hat sich im Frühjahr bereits deutlich abgezeichnet und darauf beruhte auch meine damalige düstere Prognose. Das republikanische Parteiestablishment biss sich an Trump im Vorwahlkampf die Zähne aus, keine ihrer bewährten Strategien schienen zu fruchten, weil alles, was eine Kandidatur normalerweise abschiessen konnte, bei ihm abprallte. Das hat mich damals aufhorchen lassen. Auf der demokratischen Seite mobilisierte gleichzeitig Bernie Sanders die Wählerschaft mit einer Botschaft, die in einem "normalen" Wahlkampfjahr von der demokratischen Partei nicht einmal mit der Kneifzange angefasst worden wäre.

Auf beiden Seiten gab es also diese Dynamik, die darauf hindeutete, dass die etablierte politische Weisheit dieses Jahr nicht gelten würde - und dass es eine erhebliche Dynamik gegen das "Parteiestablishment" in beiden Parteien gibt. Das bedeutete auch, dass sich die demokratische Partei sich mit Hillary Clinton als Kandidatin ein zusätzliches Handicap auferlegte - nämlich jenes, dass sie wie kaum jemand anderes mit dem Establishment identifiziert wird.

Ich will damit keineswegs sagen, dass sie deswegen keine Chance hatte oder dass es gar der Fehler der demokratischen Partei war, dass ein misogyner Rassist US-Präsident wurde - die Verantwortung tragen jene, die ihn gewählt haben sowie jene, die nicht an der Wahl teilgenommen haben - aber mein Punkt ist der: gerade weil man sich derart auf die vermeintliche Objektivität dieser nackten Umfragezahlen verlassen hat, hat man dieses spezifische Handicap in der Kampagne unterschätzt und nicht wirklich eine Lösung dafür gesucht. Ich denke, man hätte Trumps Momentum evtl. rechtzeitig im Frühjahr stoppen können, wenn nicht noch bis zur Wahl hin die Mehrheit der politischen Analystinnen und Analysten im Innersten überzeugt gewesen wären, dass dieses Momentum gar nicht wirklich existiert - sondern bloss eine Art quotenbringende Schaumschlägerei ohne Konsequenzen sei. (Die Umfragen waren doch so klar!)

Und das, obwohl man das genau gleiche Problem vor einem halben Jahr schon beim Brexit hatte. (Meine Hoffnung, dass sich meine Prognose nicht bewahrheiten würde, beruhte eigentlich darauf, dass der Brexit für die USA als Weckruf hätte dienen können...)

Die ausgeklügelten Modelle - gerade auch das gefeierte Modell von Nate Silver und Five-Thirty-Eight - basierten im Kern auf der Hypothese, dass der Ausgang vergangener Wahlen ein wichtiger voraussagender Faktor für den Ausgang dieser Wahlen sein würde. Das war ein wichtiger Bestandteil jenes "Geheimrezepts", das ihm erlaubte, die letzten Wahlen von 2012 viel genauer vorherzusagen als jene Umfragen, die die aktuelle Stimmung ungewichtet wiedergaben. Silvers Hypothese stimmt in den 99 von 100 oder 999 von 1000 Fällen, in denen es sich um eine "normale" Wahl handelt - aber sie ist hinfällig, wenn man erstmal davon ausgeht, dass es sich um die eine Ausnahme handeln könnte. Wenige hatten den Mut, sich tatsächlich ernsthaft auf dieses Szenario einzulassen, dass 2016 diese Ausnahme sein könnte. Es gibt natürlich jedes Jahr Argumente, die auf eine Ausnahme hindeuten können - aber ernsthaft, waren sie jemals so klar wie dieses Jahr?

Ich hoffe sehr, dass dieser Umstand nun stärker ins Bewusstsein rückt und Methoden, die auch immer wieder in Frage stellen, ob das Modell in diesem jeweils konkreten Fall überhaupt anwendbar ist, in Zukunft mehr Beachtung finden.
Als ich letzten Freitagmorgen das Radio einschaltete, liefern gerade die Nachrichten - und einen Moment lang dachte ich, ich höre nicht richtig. Das britische Volk hatte tatsächlich für einen Austritt aus der EU gestimmt, obwohl es in den Tagen davor noch eher nach einem Verbleib ausgesehen hatte. Den Vormittag über häuften sich dann die Krisenmeldungen und irgendwie wirkte es alles ziemlich surreal.

Ich möchte schon seit Freitag ein paar Dinge dazu aufschreiben, aber konnte mich irgendwie nicht kohärent ausdrücken. Jetzt habe ich mich entschieden, nur auf einen der vielen Aspekte dieses Referendums speziell einzugehen: was passiert, wenn man rückgratlosen Schönwetterkapitänen die Kontrolle über ein Land überlässt. Die politische Krise, in der Grossbritannien seit dem Brexit-Entscheid steckt, ist hausgemacht und ist in erster Linie die Folge der katastrophalen Fehlkalkulation von zwei privilegierten Männern, die gerne zocken.

Das Wort "privilegiert" ist in der Social-Justice-Bewegung ja gleichzeitig zentral und umkämpft - aber im konkreten Fall ist es wirklich wörtlich zu verstehen. David Cameron und Boris Johnson sind Söhne der britischen oberen Mittelklasse, jener Gesellschaftsschicht, die das Land seit dem Bedeutungsverlust der Aristokratie geprägt und regiert hat. Sie wuchsen gutsituiert auf, genossen die die Eliteausbildung in den exklusivsten Internaten und Universitäten des Landes - und scheinen ihren Anspruch auf politische Macht als eine Art Geburtsrecht anzusehen. Und es scheint, als hätte dieses Rundum-Sorglospaket ihrer Herkunft dazu geführt, dass sie sich nicht einmal im Albtraum vorstellen konnten, dass irgendwas mal so richtig schiefgehen könnte. Wohl, weil noch nie etwas für sie so richtig katastrophal schief ging, so, dass sie es gespürt hätten. Nichtmal nach der Finanzkrise von 2008 und der anschliessenden Eurokrise.

Aber fangen wir doch mal von vorne an, wie sich das ungefähr abgespielt haben dürfte:

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Einigermassen selbstgefällig liess Marvel Comics letzte Woche eine Bombe platzen. Steve Rogers, der ursprüngliche Captain America und damit einer der zentralen Superhelden im Marvel Universum, werde in einer neuen Comicreihe als Nazi entlarvt. Die Marvel-PR-Maschinerie erklärte ausserdem, dass es sich dabei keineswegs um einen Traum, eine alternative Realität oder sonst einen Kniff handle - der Comic sei vielmehr sorgfältig so konzipiert worden, dass klar werde, dass der beliebte Superheld "schon immer" Mitglied der Nazi-Organisation Hydra war. All seine Abenteuer aus den letzten 70 Jahren waren damit letztlich Handlungen eines Nazi-Schläferagenten.

Man konnte die schelmische Freude der Verantwortlichen über ihren Coup bei jeder öffentlichen Äusserung und bei jedem Tweet erkennen. Die Provokation war gelungen, die Aufmerksamkeit war da und man konnte genüsslich ernten, was man erzeugt hatte.

Ihnen gegenüber stand eine Masse an schockierten und teilweise tief verletzter Fans, insbesondere jüdischer Fans. Captain America ist eine Propagandafigur, die im 2. Weltkrieg von jüdischen Zeichnern geschaffen wurde, mit dem expliziten Ziel, die amerikanische Faszination mit dem Faschismus zu bekämpfen und ihnen die liberalen Grundwerte entgegenzuhalten, auf denen der amerikanische Traum gründet. Er war also eine explizit anti-faschistische Kampffigur (wenn auch eine liberale, keine linke). Für zahlreiche jüdische Fans war er zusammen mit Superman von DC-Comics ein Hoffungsschimmer in einer antisemitischen Welt.

Für sie war die Marvel-Bombe weit mehr als nur ein "Plottwist". Es war ein aufrichtiger Schock.

Die Reaktion der Marvel-Verantwortlichen zeigt aber, dass ihnen diese Verletzung offensichtlich komplett egal ist - und so wütend es mich macht, ich wollte auf diesen speziellen Aspekt der Geschichte hier noch genauer und allgemeiner eingehen. Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung eines "gelungenen Plottwists" und jener einer tiefen Verletzung. Es ist nämlich auch die Wahrnehmung zwischen einer privilegierten und einer unterdrückten Gruppe oder eine dieser unterschwelligen Machtdemonstrationen, die den Opfern sehr bewusst sind, den Tätern aber nicht unbedingt.

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Ich wollte auch noch kurz ein paar Anmerkungen zu den Ereignissen an Silvester in Köln machen. Ich war nicht in der Lage, es strukturierter auszuformulieren.

Eigentlich ist es ja relativ einfach:

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern nur ernst nimmst, wenn es dir gerade in den Kram passt, bist du sexistisch.

Wenn dich das Leid von Vergewaltigungsopfern nur berührt, wenn die Täter "fremdländisch" sind, bist du obendrauf noch xenophob - und falls du weiss bist, rassistisch.

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern für deine eigenen politischen Ziele missbrauchst und instrumentalisierst, bist du ein unsensibles Arschloch. Egal, wie "ehrenwert" dein Ziel ist.

Wenn also mehrere Duzend Frauen in Köln vergewaltigt werden, ist das ein Horror, schrecklich und empörend. Punkt.

Wie reagiert man da also auf diesen Vorwurf:

"Warum schreit ihr Gutmenschen-Feministinnen nicht auf, wenn es arabische Täter sind?"

Gegenfragen:

1. Warum schreit ihr Nazis nicht auf, wenn die Täter weiss und einheimisch sind?

2. Warum nutzt ihr das Leid dieser Frauen, um Feministinnen anzugreifen statt eure Stimme und eure Energie dezidiert für die vergewaltigten Frauen einzusetzen?

3. Warum ist es euch so wichtig, dass sich die Feministinnen ausgerechnet gegen diese Täter wenden? Was macht diese Täter anders als jeden anderen Täter, der euch so demonstrativ egal ist?

4. Warum reagiert ihr so zögerlich, wenn die Täter weiss und privilegiert sind oder aussehen wie ihr? Müsstet ihr euch nicht viel mehr empören, wenn "einer von euch" die körperliche Integrität von Frauen verletzt?

Und etwas allgemeiner, warum diese Frage entlarvend ist:

Aus individueller Sicht des Opfers ist es vollkommen egal, wer die Täter waren, das Leid ist so oder so schlimm. Deswegen gilt es da auch nichts zu relativieren oder schönzureden. Die Opfer und ihr Leid müssen im Zentrum der Diskussion stehen, sie brauchen Unterstützung und vor allem Validierung. Sie müssen von uns hören, dass das, was ihnen passiert ist, in keinem Fall und unter keinen Umständen irgendwie zu rechtfertigen ist und die Täter gesucht und zur Rechenschaft gezogen werden. Sie wurden Opfer eines Verbrechens. Punkt.

Aus systemischer, politischer Sicht ist es zusätzlich aber besonders wichtig, dass es einen lauten und dezidierten Aufschrei gibt, wenn Vergewaltigungen durch reiche, privilegierte, mächtige, weisse Männer auffliegen. Also Geschichten wie Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn und mehr. Nicht, weil das Leid, das andere Täter verursachen in irgendeiner Art weniger schlimm ist und diese nicht verfolgt werden müssten oder politisch unwichtig wären - sondern weil privilegierte weisse Männer am meisten Macht und Einfluss haben, am ehesten ungeschoren davonkommen und am schwierigsten wegen Vergewaltigung zu belangen sind. Diese Männer stürzen oft nur wegen Vergewaltigungsgeschichten, wenn jemand anderes mit genügend Macht ein Interesse daran hat, sie auszuschalten.

Diese Männer haben am meisten Einfluss darauf, ob eine Kultur als Ganze Vergewaltigung toleriert oder nicht - im Positiven wie im Negativen. Wenn der CEO einer Grossbank, der Spitzenpolitiker und der weisse Hollywoodstar mit Vergewaltigung davonkommen und gar nicht oder nur milde bestraft werden, ist der gesellschaftliche Schaden viel grösser, als wenn ein Tellerwäscher oder ein Flüchtling davonkommt. Dass letztere davonkommen ist eine Schande und generell ein Zeichen für die systemische Misogynie in unserer Kultur - wenn Mächtige davonkommen, setzt man da noch einen drauf.

Wenn Mächtige ungestraft vergewaltigen können, gibt es kein grundsätzliches Signal, dass Vergewaltigung in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Das Signal ist dann:

"wenn du nicht mächtig genug bist, wirst du wegen Vergewaltigung bestrafst - sonst darfst du."

Nur, wenn Macht diese Täter sie nicht mehr vor den Konsequenzen ihrer Tat schützt, kann sich tatsächlich grundlegend etwas ändern. "Der Fisch stinkt vom Kopf her", wie man so schön sagt - wenn man den Gestank bekämpfen will, muss man dort beginnen, wo er herkommt.

Ich habe den leisen Verdacht, dass die Empörung von Rechts wegen der Vorfälle in Köln neben Xenophobie und Rassismus auch aus dieser Narrative heraus entsteht.

Wenn man Vergewaltigung eigentlich als Privileg von Mächtigen ansieht, ist der Eindruck, dass jemand "ungeschoren davonkommt" auch ein Zeichen von dessen Macht. Das passt einerseits in ihr Schreckgespenst eines unheimlichen, übermächtigen Feindes aus dem Orient, der Europa und seine Kultur vernichten wird. Ein Schreckgespenst, auf dem der Kern ihrer Politik und ihres eigenen Machtanspruchs basiert ("wir sind die einzigen, die etwas tun, um diesen Feind zu bekämpfen!") und das man seit Jahren mit Feuereifer konstruiert, aufbläht und überhöht, um sich selbst daran zu ermächtigen. Und wenn man ganz genau hinschaut, könnte man die Empörung auch so verstehen, dass man empört ist darüber, dass diese garstigen Feministinnen ihnen scheinbar ihr legitimes Privileg bei jeder Gelegenheit streitig machen wollen ("nichtmal mehr in den Auschnitt gucken darf man!") - und scheinbar dem bösen Schreckgespenst nicht. Denn dass man dieses menschenverachtende Privileg grundsätzlich niemandem zugestehen will und Vergewaltigungen grundsätzlich bekämpfen könnte, das kommt in dem Weltbild gar nicht vor.

Leider springen viel zu viele reflexartig auf diese Taktik an...

Da bleibt nicht mehr viel Mitgefühl übrig für die Opfer.

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Dass heute der Tag ist, an dem Marty McFly in der Zukunft ankommt, haben wohl die meisten hier mitbekommen. Ich nehme das mal als Gelegenheit, um ein paar Bemerkungen zu Innovation zu machen.

Erschreckend viele Menschen glauben leider immer noch, dass Innovationen in erster Linie technisch sind - die "innovativen Köpfe" sind nach der dominanten Narrative Ingenieure, Tüftler, Programmierer oder irgendwelche Menschen mit weissen Laborkitteln. Das ist eine enge Sicht, die uns nicht weiterhelfen wird.

Innovationen können ganze Gesellschaften in Bewegung setzen, im Grossen und im Kleinen, im Guten und im Schlechten. Die vielbeschworenen MINT-Fachkräfte sind nur eines von vielen Puzzleteilen für Veränderung. Charles Babbage ohne Ada Lovelace hätte eine Rechenmaschine, keinen Computer erfunden. Die Geschichte des Personal Computers lässt sich nicht ohne die Hippies in San Francisco und ihre antiautoritären Ideen erzählen. Ohne Jules Verne, und die Kriege des frühen 20. Jahrhunderts, gäbe es kaum die Raumfahrt, die wir heute haben.

Viele globale Krisen, die wir heute haben, entstanden gerade dadurch, dass man im Machbarkeitswahn zu eng und kurzfristig gedacht hat. Das sollte nicht ausschliesslich Grund zur Kritik sein, sondern auch zu einer breiteren Sichtweise anregen.

Innovationen entstehen dort, wo Phantasie, Mangel, Bedarf, Kunst, Spielfreude, Pragmatismus, Geschäftssinn und Können zusammentreffen.
wie wir unsere Zukunft verloren habenCollapse )
Letzten Dienstag ist ein Flugzeug von Germanwings in Frankreich abgestürzt. Gestern wurde bekannt, dass die ermittelnde Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht hat. Es ist die Rede davon, dass der Co-Pilot in der Vergangenheit an Depressionen gelitten habe. Und nun überschlagen sich die Medien mit Fragen an Flugsicherheitsleute und Fluggesellschaften, was denn eigentlich getan würde, um das "Risiko psychisch kranker Piloten" zu verringern - exemplarisch hier der Spiegel.

Ich gehe im Folgenden von diesem Status Quo aus - denn mir scheint, als wären meine Überlegungen auch relevant, wenn es im Fall des konkreten Absturzes neue Entwicklungen gäbe und sich letztlich herausstellen würde, dass der Co-Pilot doch nicht schuld ist oder es nichts mit seinem psychischen Zustand zu tun hat. Denn es ist eine Frage, die eigentlich die Flugsicherheit tatsächlich generell betrifft.

Mein Problem ist nämlich nicht so sehr mit den Fluggesellschaften an sich, sondern in den Botschaften, die hier gerade kommuniziert werden.

In den Medienberichten wie dem oben verlinkten im Spiegel wird die Frage anhand einer einzigen Achse diskutiert: wie kann eine Fluggesellschaft psychisch kranke Menschen herausfiltern, bevor sie ans Steuer eines Flugzeugs gelangen? Wie können "solche Menschen" daran gehindert werden, ins Cockpit zu kommen?

Die Diskussion ist dabei sehr stark auf Regeln, auf medizinische Abklärungen, auf Verhindern und Ausgrenzen fokussiert. Im Schweizer Radio wurde ein Flugsicherheitsexperte interviewt, der versichert hat, dass es regelmässige psychologische Checks gäbe, dass eine Fluggesellschaft selbstverständlich niemanden fliegen lassen würde, der "nicht flugfähig" sei, dass Piloten sich gegenseitig überwachen würden, blabla, blubb.

Diese Aussagen sollten bei mir als potentiellen Fluggast wohl Vertrauen schaffen - dass die Fluggesellschaften das "Problem" ernst nähmen, dass man darauf achten würde, dass "solche Menschen" nicht ins Cockpit kämen. Die Botschaft hat etwas von "Unkraut entfernen" - was nicht gerade förderlich ist, wenn man möchte, dass sich das "Unkraut" selbst meldet.

Die für mich entscheidende Frage hat bisher aber noch kein Medium gestellt: (Man darf gerne unten Artikel verlinken, falls ich sie nicht gesehen habe - ich bitte darum, es würde mein Vertrauen in die Menschheit etwas stärken)

Was passiert mit einem Piloten, der aus psychischen Gründen nicht mehr fliegen darf? Wie wird mit ihm umgegangen? Welche Hilfe kann er erwarten? Mit welchen Konsequenzen muss er rechnen? Welche realistischen Perspektiven hat er?

In meinen Augen ist das die einzig sicherheitsrelevante Frage - und es ist nicht eine Frage der Reglementierung. Es ist eine Frage des Vertrauens und der Firmenkultur. Deshalb darf die Antwort auch nicht aus Reglementen, Prozessen und "Programmen" bestehen - ich will wissen, ob ich mich darauf verlassen kann, dass diese Piloten in guten Händen sind und keine Angst haben müssen.
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Drei Dinge wollte ich zu den entsetzlichen Ereignissen in Paris doch noch gesagt haben, weil mich die Dynamik ängstigt:

1. Wer mit Attacken auf Muslime auf die grausamen Morde in Paris reagiert, spielt den Fundamentalisten in die Hände.

Die Leute, die die Angriffe ausgeführt haben, wollen den Westen als Feind sehen - wenn wir uns ihnen gegenüber tatsächlich als Feinde verhalten, ist das Wasser auf ihre Mühlen. Nochmals ganz deutlich: Dann geben wir ihnen genau das, was sie unbedingt von uns wollen. Wir können den Attentätern keinen besseren Dienst erweisen, als wenn wir Muslime aus unserer Gesellschaft ausschliessen und als "böse, feindliche Andere" betrachten. Denn sie wollen von uns als solche und nichts anderes gesehen werden - und sie zehren davon, dass einflussreiche Leute im Westen fieberhaft an diesem Bild arbeiten.

Man kann das eine nicht ohne das andere sehen, sonst sieht man nur die Hälfte des Bildes.

Genau das ist, was sich die Attentäter sehnlichst wünschen - dass immer mehr Muslime "bemerken" (müssen), dass sie bei uns im Westen "nicht dazugehören", "nie dazugehören werden" und mangels Alternative in die Arme von Al-Kaida, IS und Co. flüchten (müssen). Wollen wir weitere Konfrontationen und Anschläge verhindern, ist die (zugegeben vielleicht erstmal kontraintuitive) Reaktion nicht, Muslimen mit mehr Misstrauen zu begegnen - sondern mit weniger! Denn "wir" im Westen haben eine lange, leidvolle Geschichte, in der wir uns über andere gestellt haben, unsere vermeintlich eigene Identität in Abgrenzung von "anderen" aufgebaut haben - und nicht davor zurückgeschreckt sind, diesen Leuten bis heute unsägliche Schmerzen zuzufügen. Es ist an uns, die ersten Schritte zu tun, um daran etwas zu ändern - denn wir (und unsere Vorfahren) haben das verbrochen.

Wer Widerstand leisten will, stellt sich MIT Muslimen entschieden gegen Fundamentalisten. Wer sich in Reaktion auf die Ereignisse in Paris gegen Muslime stellt, stellt sich zu den Fundamentalisten.

2. Menschenrechte - dazu gehört auch die Pressefreiheit - können NUR von staatlichen (und allenfalls parastaatlichen) Organisationen verletzt werden.

Menschenrechte sind Rechte, die Individuen und Gruppen zugesprochen werden, damit sie sich gegen den Machtmissbrauch eines Staates wehren können. Sie beschränken damit ausschliesslich das staatliche Machtmonopol.

In diesem Sinne war der Angriff in Paris grausam, unnötig und gefährlich und es ist zu befürchten, dass noch mehr Leute daran sterben werden - aber es war KEIN Angriff gegen die Pressefreiheit oder das Recht auf freie Meinungsäusserung. Dies zumindest solange der französische Staat nicht beschliesst, als Reaktion darauf Satire zu verbieten oder die Pressefreiheit einzuschränken und danach sieht es ja nun nicht aus.

Individuen und nicht-staatliche Gruppen haben gar nicht die Möglichkeit, Menschenrechte zu verletzen. Wenn sie Taten begehen, die Menschenrechte verletzten, wenn sie von Staaten begangen würden, hat das einen simplen Namen: Verbrechen. Genauso, wie wenn dein Nachbar dich erschiessen würde, weil ihm deine Geranien auf dem Balkon nicht gefallen. Er wäre ein Mörder. Und dagegen gibt es das Strafgesetzbuch, wie für jede andere Art von Verbrechen dieser Art auch. Niemand würde dadurch dein Recht gefährdet sehen, Geranien an den Balkon anzubringen. Selbst dann nicht, wenn dein Nachbar Teil einer radikalen Anti-Geraniums-Guerillaorganisation wäre. Das Recht, Geranien anzubringen, würde erst dann vor einen Menschenrechtshof gelangen, wenn die Anti-Geraniumspartei die Macht in deinem Staat ergreifen und das Anbringen von Geranien unter Androhung von Todesstrafe verbieten würde.

Der IS verletzt unbestritten Menschenrechte auf den Gebieten, die von ihm (als parastaatliche Organisation in einem gescheiterten Staat) beherrscht werden - in Frankreich besitzen weder er noch Al-Kaida diese Macht. Wir sollten sie ihnen auch nicht ohne Not zusprechen.

3. Verliert die globalen Machtverhältnisse nicht aus den Augen.

Nichts illustriert die globalen Machtverhältnisse deutlicher als die Zahl ziviler Opfer; also die Zahl der Personen, die solche Anschläge unverschuldet mit ihrem Leben bezahlen, ohne, dass sie sich wirksam dagegen wehren konnten. Die Anschläge von 9/11 haben rund 3000 zivile Opfer in den USA gefordert - der anschliessende Krieg (als direkte Konsequenz davon, deshalb zähle ich nur Afghanistan) kostete mindestens viermal so viele zivile Opfer (militärische Opfer nicht eingerechnet, konservativste Schätzung) in Afghanistan. Bitte behaltet diese Zahlen im Hinterkopf - und die damit verbundene Tatsache, dass Menschen ausserhalb der westlichen Welt in viel höherem Mass ungefragt ihr Leben für solche Schwachsinnaktionen lassen müssen. Denkt daran, bevor ihr auf die Idee kommt, die 12 Personen in Paris mit Blut zu "rächen" oder ganze Bevölkerungsgruppen für die Taten von Fundamentalisten verantwortlich zu machen und damit in Geiselhaft zu nehmen.

Bisher haben weltweit überwiegende andere den Blutzoll dafür bezahlt, dass fundamentalistische Attentäter den Westen angegriffen haben.

So schlimm und grausam die Islamisten vorgehen, sie haben nach wie vor (zum Glück, aber doch!) nicht die Macht, das Ausmass an Schaden anzurichten, das in "unserem Namen" zur Vergeltung angerichtet wird. Weil jene, die in "unserem Namen" handeln, mehr Macht auf sich vereinen und damit auch ihre eigenen Ansichten schlagkräftig durchsetzen können. Das ist geradezu die Quintessenz von militärischer Macht.

Mitgefühl mit jenen, die ähnlich aussehen wie man selbst und einem ähnlichen Weltbild folgen ist einfach und kostet kaum etwas. Es ist sehr leicht, für jemanden im Westen als Reaktion auf die Anschläge in Paris zu sagen #jesuisCharlie - weil Charlie irgendwie aussieht wie wir und weil Mitgefühl mit den Mächtigen leider paradoxerweise leichter fällt als mit den Ohnmächtigen, gerade, wenn sie sinnlos angegriffen werden. Wollen wir den Fundamentalismus wirksam bekämpfen, müssen wir nach dem ersten Schock Mitgefühl aber besonders für jene aufbringen können, die ganz anders aussehen als wir und deren Gepflogenheiten uns fremd vorkommen. Vor allem, wenn sie Opfer von Krieg und Verbrechen werden. Und erst recht, wenn sie Opfer von Verbrechen in vermeintlich "unserem" Namen werden.

In dieser Hinsicht bin ich schockiert von der Tat in Paris, der Grausamkeit und der Skrupellosigkeit - aber noch viel mehr Angst machen mir unreflektierte Vergeltungsaufrufe, Kommentare, die den Kontext ausblenden und der Aufwind für faschistische Bewegungen in diesem Umfeld.