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Die Magie ist in den Zeilen!

„Zwischen den Zeilen steht nichts“, diese Aussage pflegte mein Deutschlehrer immer wieder zu wiederholen. Ich stimme ihm zu. Man braucht nur ein Buch aufzumachen und hinzusehen um zu merken, dass er recht hat. Zwischen den Zeilen steht nichts.

Natürlich, mag man erwidern, „zwischen den Zeilen lesen“ sei nicht wörtlich zu verstehen, es sei eine Metapher und bedeute, dass man den tieferen Sinn einer Geschichte aufnehmen soll.
Und genau hier setzt die Aussage meines Deutschlehrers ein. Wenn man sich darauf einlässt, dass zwischen den Zeilen nichts steht, muss man sich ein anderes Motto zu Nutzen machen: „Look closer.“ (Die Tagline des Films „American Beauty“)

Nicht zwischen den Zeilen zu lesen heisst nicht, so zu tun, als hätten Sätze und Geschichten nur den unmittelbar erkennbaren Sinn. Es bedeutet, sich die Wörter, die Sätze, den Aufbau, ihre Geschichten, ihr Klang, ihre Bedeutungen… genauer anzusehen. Zwischen den Zeilen ist nur ein Hohlraum; das was sich nicht unmittelbar aus einem Text erschliesst, das, was er unterschwellig mitträgt, ist ebenfalls im Text selbst. Es ist in den Wörtern, es ist in der Syntax versteckt.

Wenn man sich auf diese Arbeit einlässt, wird man zum Detektiven, dann fängt man an zu suchen, zu entschlüsseln, was vorher verschlüsselt wurde. Diese Verschlüsselung wird von den wenigsten Autoren bewusst gemacht – es ist die Magie von Wörtern und deren Zusammenspiel, das man nur beschränkt lernen kann.

Die Detektivarbeit bedeutet nicht, herauszufinden, „was uns der Autor sagen wollte“ – es bedeutet, herauszufinden, was die Wörter, Sätze und Abschnitte bedeuten und in uns auslösen. Warum sie auf diese Art angeordnet wurden und auf keine andere. Warum man das, was da steht, nur so und nicht anders schreiben konnte - weil es nur so das aussagt, was die Wörter aussagen sollen. Wenn ein Text das schafft, dann macht er etwas richtig. Zu behaupten, diese Aussage wäre zwischen den Zeilen, bedeutet die Macht der Sprache, die Macht der Worte, die Macht der Sätze unterschätzen.

Es ist gefährlich, die Macht der Wörter zu unterschätzen. Nicht umsonst gehören zur Magie nicht nur Handbewegungen und Gedanken, sondern auch Wörter, Sprache, Sätze, die richtig ausgesprochen werden müssen, wenn sie heilen und nicht zerstören sollen. Die Magie ist nicht zwischen den Zeilen, die Magie ist in den Zeilen.