?

Log in

No account? Create an account

Previous Entry | Next Entry

In Deutschland ist gerade - endlich, dürfte man fast sagen - eine Debatte über den alltäglichen Sexismus entbrannt, nachdem eine Journalistin die sexuelle Belästigung öffentlich gemacht hat, die sie durch den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle erfahren hat. Ich will mich gar nicht zum Gesamtthema äussern - aber einen wenig beachteten Aspekt der Geschichte herausgreifen, den ich für besonders wichtig halte.

Einer der Vorwürfe, den sich die Journalistin Laura Himmelreich nach ihrem Artikel anhören musste, lautete ungefähr so: "wenn es für Sie so furchtbar schlimm war, warum sagen sie erst jetzt etwas? Zufällig gerade jetzt, wo er ein höheres Amt anstrebt..."

Der Vorwurf ist Schwachsinn - ich werde gleich zeigen, warum - und er legt die Denk- und Machtstrukturen offen, die sich hinter dem alltäglichen Sexismus verbergen.

Auf seine Essenz reduziert beinhaltet der Vorwurf folgende Elemente:

1. Wenn Frau Himmelreich sich so sehr belästigt gefühlt hätte, hätte sie ja gleich etwas sagen können. Das heisst, es war offenbar nicht so schlimm.
2. Frau Himmelreich nutzt ihre Informationen aus, um Herrn Brüderle zu schaden. Das ist unfair.

Beide Argumente sind dumm.

Ja, wenn man glauben würde, jene, die sie äusserten, würden sie tatsächlich aufrichtig vertreten, dann müsste man sie nur schon deswegen aus der Politik fernhalten, weil sie keine Ahnung von Taktik haben. Warum sollte man jemandem politische Macht anvertrauen, wenn er schon im privaten Umfeld bei der ersten kleinen Auseinandersetzung so kläglich scheitert? Aber Gemach - der Vorwurf ist natürlich genauso Teil eines Machtkampfes wie alle anderen Reaktionen und damit sind nur jene dumm, die sich von sowas tatsächlich überzeugen lassen.

(Ich empfehle hier ausdrücklich, einmal Machiavellis "Der Fürst" zu lesen. Vor allem Frauen. Man sollte sich das Buch mit einer kühlen, analytischen Distanz zu Gemüte führen.)

Darum handelt es sich bei dieser Geschichte nämlich zuallererst; um einen Machtkampf zwischen einem männlichen Politiker und einer weiblichen Journalistin. Und unter diesem Aspekt sollten wir auch die Argumente betrachten. Denn hier offenbaren sich schon einmal die grundlegenden Machtunterschiede zwischen Männern und Frauen in unserer patriarchalen Gesellschaft.

Rainer Brüderle belästigt Frau Himmelreich. Er nimmt sie als Objekt wahr, er fühlt sich ihr überlegen und will seine Macht an ihr demonstrieren. Damit verhält er sic unfair und beweist eine schwerwiegende Charakterschwäche, denn offensichtlich ist er keiner jener Menschen, die Respekt gegenüber Menschen zeigt, die er als ihm unterlegen wahrnimmt. Denn egal, wie "harmlos" oder "normal" er sein Verhalten wahrnimmt, er zeigt, dass er sie nicht respektiert, dass er sie nicht als Person wahrnimmt, sondern als Objekt zu seiner persönlichen Befriedigung oder seiner persönlichen Belustigung. Das alleine ist schon ein Grund, warum man ihm keine politische Verantwortung übergeben sollte - denn wer auf diese Art zeigt, wie er mit Schwächeren umgeht, hat in einer verantwortungsvollen Position nichts verloren. Wenn man den Charakter einer Person kennen will, sollte man schliesslich schauen, wie er seine Untergebenen behandelt - nicht seine Gleichgestellten oder gar die darüber.

Er verhält sich gleichzeitig aber auch absolut naiv. Er bemerkt nicht, dass sein Opfer eben keine wehrlose, ihm unterlegene Frau ist. Sie ist eine Journalistin einer grossen Publikation, die potentiell viel Räsonanz erzeugen kann mit allem, was sie weiss. Es ist eine Binsenwahrheit, dass Medien eine hohe Definitionsmacht im Staat haben. Wer da so leichtfertig einer Vertreterin dieser Macht eine Waffe gegen sich in die Hand gibt, der hat eigentlich alles verdient, was er sich damit an Problemen einhandelt.

Die Tatsache, dass Frau Himmelreich diese Waffe weder gleich abgibt noch sie verwendet, solange sie ihren Gegner nur halb im Visier hat, zeigt, dass sie mehr vom Spiel begriffen hat als er. Wie dumm wäre sie gewesen, ein so gutes Druckmittel gegen einen Politiker einfach aus der Hand zu geben, weil das "fair" gewesen wäre?

Der Vorwurf, dass sich Frau Himmelreich natürlich sofort hätte wehren sollen, wenn sie ein Problem hat und nicht warten, bis ihr Vorwurf maximale Wirkung erzielt, heisst nichts anderes, als dass von ihr erwartet wird, die Gefühle und Vorteile von Herrn Brüderle über den eigenen Vorteil zu stellen. Und genau hier wird aus einem Einzelfall das erste Mal ein allgemeiner Fall. Wir Frauen werden immer noch dazu sozialisiert und gedrängt, den eigenen Vorteil und die eigenen Verletzungen hintanzustellen, um jene der Männer zu schützen. Der Mann hat einen Anspruch darauf, dass die Frau ihm unfaires Verhalten nachsieht und den Vorteil, den sie aus seinem ungeschickten Verhalten zieht, nicht gegen ihn zu verwenden. Sonst wäre sie kalt und biestig. Und Frauen sollen ja weder das eine noch das andere sein.

Aber warum sollte ein Mensch mit angemessenem Selbstrespekt die Gefühle eines Arschlochs über die eigene Würde stellen? Warum sollte sie dem Mann, der sie erniedrigt und unterschätzt hat, einen solchen Gefallen tun? Er hat geglaubt, er hätte die Macht über sie. Er hat sich verschätzt. Sie wehrt sich. Warum sollte sie nicht ihre Waffen und den Zeitpunkt des Einsatzes wählen, wenn sie es kann?

Natürlich ist das "unfair" - aber er hat nicht fairer gespielt. Es ist ein weiterer bezeichnender Punkt, dass in solchen Diskussionen immer vom schwächeren Teil Fairplay verlangt wird, während der mächtigere Teil spielen kann, wie er will. Das nenne ich nicht Fairplay, das nenne ich Selbstgerechtigkeit und Arroganz. Denn es heisst ja nichts anderes, als dass der schwächere Teil sich bitte schön schuldig fühlen soll, dass er den stärkeren Teil an seinem Schwachpunkt erwischt hat und dass er selbst nicht darauf vorbereitet war. Sozusagen, als würde Achilles "unfair" rufen, weil jemand ihn ausgerechnet an seiner verletzlichen Ferse angegriffen hat.

Fairplay muss vom mächtigeren Teil ausgehen, denn der kann und muss es sich leisten, wenn er als solches wahrgenommen werden soll. Es ist vor allem ein weiterer Beweis dafür, dass die Brüderle-Seite hier alles andere als fair spielt, wenn sie den Treffer, den Frau Himmelreich ihm versetzt hat, mit einem so idiotischen und unfairen Argument herunterputzen will.

Also - ich weiss, das klingt genau so sehr nach Kindergarten, wie es auch ist - aber wenn der Gegner wiederholt nicht fair spielt, warum sollte man selbst "fair" spielen und ihn gewinnen lassen?

Und das ist ein Punkt, bei dem wir ganz genau hinschauen müssen und dem wir uns alle bewusst sein müssen. Es geht um einen Machtkampf und derjenige, der gewinnt, hat hinterher die Deutungshoheit über den Vorfall. Machtkämpfe werden immer dreckig gespielt. Frauen spielen nicht sauberer als Männer. Aber Frauen gehen ein viel grösseres Risiko ein, wenn sie sich darauf einlassen, denn ihnen wird schon alleine die Teilnahme am Kampf negativ ausgelegt. Genau deswegen braucht Frau Himmelreich jede Unterstützung, die sie bekommen kann. Sie ist weder hysterisch, noch kaltherzig, noch falsch, noch unfair, noch kleinlich - sie ist einfach ein Mensch, der angegriffen wurde und sich nun wehrt. Punkt.

Sie ist ausserdem ein Mensch, der stark genug war, den Gegenangriff mit den eigenen Mitteln, zum selbstgewählten Zeitpunkt und nach den eigenen Regeln auszuführen. Damit hat sie, besonders als Frau, meinen Respekt verdient.

Herr Brüderle ist in dieser Situation zu keinem Zeitpunkt ein Opfer, ausser vielleicht, dass er der doofen patriarchalen Sozialisation aufgesessen ist und geglaubt hat, er könne wahllos angreifen, wen er will und er könne selbst nicht getroffen werden. Aber damit erregt er nicht gerade mein Mitleid. Wer unfair spielt und damit auffliegt, muss die Konsequenzen tragen Er hätte auch einfach von Anfang an fair spielen können.

Frau Himmelreich hat also - ob bewusst und berechnend oder instinktiv - das Spiel genau richtig gespielt. Sie hat gemerkt, dass sie nach der Attacke von Herrn Brüderle etwas gegen ihn in der Hand hat und sie hat mit ihrem Gegenangriff geschickt darauf gewartet, dass er sich öffentlich genug exponiert, um eine möglichst grosse Wirkung zu erreichen. Das ist nicht unfair, das ist extrem klug und wäre sie ein Mann gewesen, hätte dieses Vorgehen auch keinerlei Aufsehen erregt. I

ch wünsche mir, dass sie von vielen Frauen in ähnlichen Situationen jetzt Rückendeckung erhält und dass wir als Gesellschaft die Gelegenheit nutzen, den Brüderles und Co. hier draussen klar zu machen, dass die Party vorbei ist. Wer nach Macht strebt, darf sich keine solchen Fehltritte mehr leisten oder er muss jederzeit damit rechnen, dass sie im ungünstigsten Moment ans Licht kommen. Weil sie nicht in Ordnung sind, weil wir als Gesellschaft ein solch stumpfsinniges Machtverhalten nicht mehr akzeptieren. Weder von Männern, noch von Frauen übrigens. Wir müssen ihnen klarmachen, dass solche Fehltritte immer Konsequenzen haben können. Egal, ob man sie zum Zeitpunkt des Angriffs als mächtig oder als wehrlos wahrnimmt. Machtverhältnisse können sich verschieben. Das muss man wissen, wenn man im politischen Spiel aktiv sein will. Wer sich solch gedankenloses Verhalten geleistet hat und eine Machtposition anstreben will, muss darauf vorbereitet sein, dass es ans Licht kommt und hohe Wellen werfen kann. Das ist nicht schön. Aber warum sollte das Leben von Leuten wie Brüderle mehr Ponyhof sein als unseres?

Jene Frauen und Angehörige von Minderheiten, die es in der Politik heute weit nach oben gebracht haben, zeichnet genau diese Fähigkeit aus. Es sind Menschen, die es geschafft haben, sich aus einer Schwächeposition heraus an die Spitze zu kämpfen. Das schafft man nicht, wenn man nicht gnadenlos für den eigenen Machtwillen kämpft. Deswegen sind auch so viele Politikerinnen taktisch ihren männlichen Widersachern überlegen. Deswegen hat es Frau Merkel quasi im Alleingang geschafft, die gesamte Anden-Connection in der CDU ins Abseits zu spielen. Aber das bedeutet auch - so eklig man das persönlich finden mag - dass man manchmal, vor allem, wenn man angegriffen wird, knallhart für den eigenen Vorteil spielen muss.

Der moralische Anspruch an Frauen, man möge doch "Rücksicht nehmen" und "fair spielen" ist nur eines von vielen Instrumenten, die Frauen daran hindern sollen, nach Macht zu streben. Während es Männer wie Rainer Brüderle für selbstverständlich halten, dass die ganze Welt sie in ihrem Streben zu unterstützen und auf seine Begehrlichkeiten Rücksicht zu nehmen hat, müssen Frauen bedacht und strategisch handeln und sie ihre Gelegenheiten erkennen. Anders geht es nicht.

Die Zeiten, die nun auf uns zukommen, sind hochgefährlich. Denn wenn die Männer vom Schlag eines Rainer Brüderle erst einmal merken, dass ihre alten Strategien nicht mehr wirken, und dass Frauen und andere Minderheiten ihr bisheriges Machtmonopol von überall her bedrohen können, werden sie zurückschlagen. Sie tun es ja bereits an vielen Fronten. Natürlich werden sie das, wer gibt schon gerne Macht ab? Wer will schon ständig auf der Hut sein müssen, wenn er vorher einfach tun und lassen konnte, wie ihm gerade beliebte? Wir dürfen uns auf keinen Fall ausreden lassen, dass wir selbst legitime Interessen haben. Wir dürfen uns nicht ausreden lassen, dass es legitim ist, für unsere Anliegen und vor allem für unsere Würde und unsere Menschlichkeit zu kämpfen. Denn wenn wir es irgendwann schaffen, dieses systematische und gesellschaftlich legitimierte Machtgefälle zwischen Männern und Frauen aufzuheben, dann haben wir endlich eine Chance, neue Fairplay-Regeln zu finden, die nicht eine Seite so unverdient bevorzugen.

Der Schritt in diese Richtung muss auch von den Mächtigen selbst kommen. Aber wir anderen sollten uns weder für dumm verkaufen noch mundtot machen lassen. Machtkämpfe sind eklig, nervig und kindisch. Man kann sie ruhig vermeiden, wenn man sie nicht aushält. Aber es gibt keinen Grund, sich nicht zu verteidigen, wenn man angegriffen wird. Und man darf sich nie, nie, nie im Leben einreden lassen, man müsse ungerechtfertigte Angriffe von anderen einfach hinnehmen.

Tags:

Comments