?

Log in

No account? Create an account

Previous Entry | Next Entry

Im Januar konnte man sie wieder im Fernsehen beobachten, die lächerlichen Würstchen, die sich selbst als Elite unseres Universums sehen, als Top-Shots, jene, die jährlich Milliardensaläre und -boni "verdienen". Die Würstchen waren im dem Fall ehemalige UBS-Chefs, die kleinlaut vor dem britischen Parlament in London Auskunft über den sogenannten "Libor-Skandal" gaben.

Ja, es täte ihnen leid. Das seien damals schwierige Zeiten gewesen, sie wären ja so beschäftigt damit gewesen, die Bank vor der Krise zu retten, dass sie schlicht nicht alles hätten beachten können, sorry. Das seien die Fehler von Individuen gewesen, die leider, leider die internen Reglemente überschritten hätten. Diese würden mit aller Härte zur Verantwortung gezogen, solche Regelverstösse seien wirklich schrecklich. Blablabla.

Bullshit.

Ich hätte die Verteidigungslinie dieser Würstchen fast wortwörtlich schon schreiben können, bevor sie auch nur ein Wörtchen gesagt hatten. Es ist die Verteidigungslinie, die hochbezahlte Wirtschaftsanwälte immer fahren, wenn innerhalb eines grossen Wirtschaftskolosses etwas illegales passiert: wir waren's nicht, es waren böse, unwichtige Einzelpersonen, die ihre Kompetenzen überschritten und Fehler gemacht haben. Die grossen Obermotze der Firma sind unschuldig, sie tragen keine Verantwortung, sie sollten nicht belangt werden. Und ausserdem passierte der Fehler sowieso nicht hier, sondern ganz anderswo. (Aber dieses Hin- und Herschieben zwischen Ländern ist nochmals ein anderes Problem.)

Man könnte nun sagen - in Ordnung, die Würstchen haben ein Recht wie jeder andere, sich zu verteidigen und es ist ja auch wirklich schwierig, alles mitzukriegen und alles zu verantworten, was innerhalb einer so kolossal grossen Firma passiert.

Aber - genau diese angeblich so grosse "Verantwortung" ist es ja, die die Würstchen immer anführen, um ihre exorbitanten Vergütungen zu rechtfertigen. In vermeintlich "guten Zeiten", wenn die Schönwetterkapitäne mit geschwellter Brust auf der Kommandobrücke stehen und ihr Schiff durch die spiegelglatte See manövrieren, dann ist "Verantwortung" das Zauberwort, mit dem sie ihren Lebensstandard und ihre Vergütung rechtfertigen. Schliesslich ist es ja wirklich eine enorme Last auf den eigenen Schultern, für so ein grosses Schiff verantwortlich zu sein.

Nur - wir haben es oben gelesen - sobald das Wetter schlechter wird, sobald das Schiff in unruhigere oder trübere Gewässer gerät, ist es vorbei mit der grossen Verantwortung. Dann schwillt die geschwellte Brust ab, der Kapitänsshut wird diskret versteckt und wenn das Schiff dann gegen einen Felsen fährt, dann ist selbstverständlich der Maschinist Schuld oder der Matrose aber sicher nicht der Kapitän, der sich bei der erstbesten Gelegenheit inklusive Tafelsilber und Rettungsbooten aus dem Staub gemacht hat.

So läuft das - und man kann es ihnen innerhalb der "Rationalität" des Kapitalismus nicht einmal vorhalten, wenn man die Wahl hat zwischen "exorbitante Vergütung als Gegenleistung für grosse Verantwortung und persönliches Risiko" und "exorbitante Vergütung und null persönliches Risiko" wäre es ja auch eine seltene Dummheit, wenn man ersteres wählen würde.

Das Problem liegt also nicht bei den Würstchen persönlich - sie sind einfach nur genau die rückgratlosen Gernegrosse, die in unserem Gesellschaftssystem an die Spitze gespült werden - sondern bei uns, bei uns als Gesellschaft. Denn es gibt nicht nur die Würstchen, die davon profitieren, sondern auch uns, die wir dieses Verhalten nicht nur tolerieren, sondern fördern und juristisch absichern. Ein Justizsystem, indem sich jemand aus der Verantwortung stehlen kann, nachdem er jahrelang Millionenvergütungen für seine grosse "Verantwortung" bekommen hat, hat irgendwo einen Fehler. Und eine Gesellschaft, in der breite Teile auch noch der Meinung sind, dass alleine die Tatsache, dass man es an die Spitze des Konzerns geschafft hat, die Millionenvergütung rechtfertigt, hat irgendwie ein Wahrnehmungsproblem. Da wird also nicht erfolgreiches Handeln belohnt, sondern nur das "erfolgreich erscheinen". Wenn alleine der Schein schon ausreicht, warum sollte man auch Sein?

Ein Schiff bei schönem Wetter auf hoher See ohne Wellengang zu steuern kann sogar ein Computer, dafür braucht es keine besonderen Fähigkeiten. Und all jene, die in den letzten Jahren beim kleinsten Gegenwind gescheitert sind, sind nicht etwa mit Schimpf und Schande vertrieben worden, sondern sitzen immer noch gemütlich in ihren Villen und jammern von "unvorhersehbaren Risiken, die ja keiner sehen konnte und Fehlern von kleinen Angestellten, für die sie ja wohl nichts können. Man kann ja nicht überall sein."

Ich sage es nochmals: Bullshit!

Das gleiche Spiel mit maximalem Profit bei minimalem persönlichen Risiko wird nicht nur in der Wirtschaft gespielt, sondern auch in der Politik - nur, dass es dort letztlich eher persönliche Konsequenzen hatte. Der ehemalige Bürgermeister von Duisburg beispielsweise, der unbedingt die Werbung und das Prestige der Loveparade bei sich in der Stadt haben und nichts von Risiken hören wollte, zeigte plötzlich mit dem Finger wie wild in alle Richtungen, Hauptsache weg von sich, als die Sache auf tragische Weise schiefging und Menschenleben kostete.

Ich war wirklich schockiert darüber, wie wenige Leute in meinem Umfeld nachvollziehen konnten, warum ich es gerade in dieser Situation wichtig gefunden hätte, dass da der politische Verantwortungsträger das Rückgrat gehabt hätte, hinzustehen und zu sagen: ich trage die Verantwortung für diese Tragödie, weil ich die Papiere unterschrieben habe, also werde ich auch die Konsequenzen tragen.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein Mensch, der diesen Schritt tut bzw. getan hätte, unseren Respekt verdient hätte und weniger Konsequenzen zu fürchten hätte als einer, der wie der reale Bürgermeister alles ganz weit von sich weist. Schliesslich hat er ja vorher auch die Privilegien des Bürgermeisteramts gerne genossen. Warum sollte man überhaupt politische Verantwortungsträger in die Exekutive wählen, wenn die ohnehin nur ein bisschen Champagner trinken wollen?

Wenn wir die faulen Ausreden von sogenannten "Verantwortungsträgern" akzeptieren, haben wir nicht nur das Problem, dass damit die falschen Leute an die Spitze gespült werden. Es hindert Menschen, die Verantwortung ernst nehmen, auch daran, sich für den Spitzenposten zu interessieren und es bringt ohnehin schon schwächere Menschen mit weniger Verdienst in tieferen Positionen in Schwierigkeiten. Wir haben also arrogante Schwächlinge oben, arme Schwächlinge unten und irgendwo in der Mitte verteilt jene, die Verantwortung ernst genug nehmen, sie nur anzunehmen, wenn sie sie auch tragen könnten.

Warum sollte sich eine Firma überhaupt einen teuren CEO und einen mindestens ebenso teuren Verwaltungsrat leisten, wenn die betreffenden Leute den Gewinn absahnen, die Firma ruinieren, die Augen schliessen und bei der kleinsten Turbulenz den Schwanz einziehen?

Ich denke, ein erster grosser Schritt wäre schon, dass die ganzen "Verantwortungsträger" wieder zuallererst persönlich für den Schaden geradestehen müssen, bevor irgendwelche anderen Stellen einspringen. Sprich - wenn eine Bank in Schwierigkeiten gerät, wird zuerst einmal das Privatvermögen und der vergangene "Verdienst" der ganzen Verantwortungsträger eingezogen oder vielleicht die "Verantwortungsträger" verhaftet (sprich, wenn das Vermögen nicht mehr auffindbar ist, dann wird bis auf das Existenzminimum alles liquidiert und blockiert, was noch da ist, wie bei jeder Kleinunternehmerin, die bankrott geht) und zwar egal, was der Auslöser für die Krise war. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Banker profitieren schliesslich in besonderem Masse von Finanzblasen, also sollten sie auch in besonderem Masse den Schaden persönlich tragen, wenn die Blasen platzen. Das wäre wirklich Kapitalismus. Ich bin sicher, das würde das Ausmass zukünftiger Blasen schon um einiges reduzieren. Und wenn sich keiner finden liesse, der bereit wäre, diese Art der Verantwortung zu übernehmen, dann wäre wenigstens ein erster Schritt gemacht, um das System wirklich nachhaltig zu reformieren, ohne die aufgeblusterten Wichtigtuer an der Spitze.

Wichtig ist, dass eine solche Haftung unabhängig von juristischer Schuld oder dem Auslöser der Krise passieren müsste - wenn eine systemrelevante Bank in Schwierigkeiten geriete, egal aus welchem Grund, dann sollten zuerst all jene haften, die sich selbst als "Verantwortungsträger" brüsten und/oder vorher besonders viel Geld abgezogen haben. (Und die Investoren, die haften ja sowieso.) Wenn dann immer noch ein Risiko für das Gesamtsystem besteht, kann immer noch der Staat einspringen.

In der Innovation gibt es den Begriff von "high risk, high return"-Projekten. Das sind Projekte, die mit hohen Risiken verbunden sind und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit scheitern werden, zum Beispiel, weil sie wirkliches Neuland betreten - aber wenn sie erfolgreich sind, versprechen sie auch einen überproportional hohen Gewinn. Das sind Projekte, die oft wirkliche Neuerungen bringen und deswegen auf keinen Fall verhindert werden dürfen, auch wenn es bedeutet, dass ein grosser Teil davon scheitern und das darin investierte Geld verloren ist. (Es ist eben nicht verlorenes Geld, sondern das Geld, das in die gescheiterten Projekte investiert wurde, wurde eigentlich in jene investiert, die dadurch nicht scheitern.) Auf diese Weise kann Marktwirtschaft tatsächlich ein gesundes Umfeld sein. Es gibt "low risk, low return"-Projekte für jene, die das Risiko scheuen oder es nicht auf sich nehmen können. Es gibt "high risk, high return"-Projekte für jene, die es sich leisten können oder abenteuerlustiger sind. Aber wir müssen verhindern, dass es dieses "(no or) low risk, high return"-Verhalten gibt, wie es die Top-Bankwürstchen gezeigt haben. Das schadet nicht nur der Wirtschaft, sondern der ganzen Gesellschaft - und eben ganz besonders jenen, die ohnehin schon schwach sind. Fragt mal die Jugendlichen in Griechenland oder Spanien. Die hatten nie eine Chance, weder die eine noch die andere Art von Projekt in Angriff zu nehmen, weil einige "no risk, high return"-Banker ihre Zukunft in Geiselhaft genommen haben und daran immer noch verdienen!

Über die letzte mögliche Alternative, "high risk, low return"-Projekte müssen wir uns keine Sorgen machen. Wer dumm genug ist, ein hohes Risiko für einen tiefen Gewinn in Kauf zu nehmen, ist wirklich selbst schuld und dürfte auch die Konsequenzen dafür zu tragen haben.

Sprich - wir haben in der Wirtschaft nicht nur, ja vielleicht nichteinmal in erster Linie ein Ethikproblem. Wir haben ein systemisches Verantwortungsproblem. Wenn es grosskotzige Schwächlinge gibt, die sich selbst als "Verantwortungsträger" stilisieren, absahnen, politisch vernetzen, lobbyieren und eine neue Aristokratie bilden können, aber die Risiken knallhart an die Allgemeinheit weitergehen dürfen, dann hat die Allgemeinheit ein Problem.

Ja, es wäre unter diesen Bedinungen sogar besser, wenn die grossen Firmen einfach keine CEOs und keine "Verantwortungsträger" hätten - ihre Arbeit würde in keiner Weise besser oder schlechter, nur vielleicht etwas zufälliger (was gar nicht unbedingt schlechter wäre). Auf jeden Fall würden sie eine ganze Menge Geld einsparen, das sie in sinnvollere Dinge investieren könnten. Wir müssen als Gesellschaft diesen Erpressungs- und Rechtfertigungsversuchen von oben widerstehen und die verdrehte Argumentationslogik als das erkennen, was sie sind: faule Ausreden zum Selbstzweck.

Wenn also wieder einmal so ein anzugtragendes Würstchen zu euch sagt, er würde seinen Millionenverdienst "verdienen", weil er schliesslich ganz toll viel Verantwortung trägt, dann fragt mal -  wo ist dein persönliches Risiko? Was würde es für dein Vermögen und deinen Verdienst bedeuten, wenn dein Hilfsbuchhalter einen gravierenden Fehler macht? (Die wahrscheinlichste ehrliche Antwort: Der Hilfsbuchhalter würde entlassen, für den CEO hätte es entweder keine Konsequenzen oder er bekäme eine Abgangsentschädigung.)

Und vergessen wir endlich dieses ganze Gerede von "High Potentials" und den "Besten", die man halt nur bekäme, wenn man sie auch entsprechend bezahle. Mit hohen Vergütungen bekommt man nicht die besten - mit hohen Vergütungen bekommt man Menschen, denen eine hohe Vergütung besonders wichtig ist. Ja, mit einer realistischen Vergütung findet man bei einer sorgfältigen Auswahl sogar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Menschen, die eine Arbeit nicht nur des Geldes wegen gut erledigen wollen.

Es ist unser kollektives Problem, wenn wir zulassen, dass diese Würstchen nach ihrem Scheitern auch noch ihre Haut retten können. Denn ein Sozialhilfeempfänger, der auf die gleiche Art argumentieren würde wie die Würstchen, der würde vom Staat keinen Rappen mehr erhalten als das absolute Existenzminimum. Er hat nur das Pech, dass er im Gegensatz zu den Würstchen über weniger Macht und scheinbare Druckmittel verfügt. Und ich für meinen Teil habe mehr Sympathie und Mitgefühl für Menschen, die im Kleinen täglich versuchen zu überleben und sich dabei vielleicht verrennen, als für solche, die sich aufblasen und in eine Position begeben, die zu gross für sie ist. Wenn es keine Menschen gibt, die die Spitzenposition bei einer Grossbank in guten wie in schlechten Zeiten wirklich ausfüllen können, dann wäre es vielleicht ein untrügliches Zeichen, dass Grossbanken schlicht zu gross sind für Menschen. Punkt.

Comments

( 1 comment — Leave a comment )
matrixmann
Feb. 18th, 2013 03:17 pm (UTC)
Hm... Vielleicht ist sogar etwas wahres dran, dass sie (Spitzenbanker) nicht allem hintherkontrollieren können. Aber - dann wäre das das sicherste Zeichen dafür, dass sie eventuell einem viel zu großen Geschäft aufgesessen wären. Ein Geschäft, dass man nicht mit einem 24-Stunden-Tag bewältigen kann.
Man muss es verkleinern und anderen das Feld überlassen.
Das eigene Gewicht richtet einen zu Grunde.
( 1 comment — Leave a comment )