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Wenn an sich die Nachrichten über die Ukraine im Augenblick so anschaut, könnte man den Eindruck bekommen, dass die Situation dort völlig klar ist. Die Geschichte geht etwa so:

In Kiew ist eine demokratisch eingestellte, europäisch gesinnte Übergangsregierung nach einer friedlichen Revolution legitim an die Macht gekommen. Sie versucht ehrlich, das Land in eine bessere (europäische) Zukunft zu führen. Dieser Effort wird untergraben vom autokratischen Herrscher Russlands, der die Krim annektiert, in der Ostukraine brutalen Krawall schürt und seine Armee an der Grenze aufzieht, weil er die Ukraine für sich gewinnen will. Er verhindert so bedauerlicherweise, dass für das Land endlich alles gut wird. Wir müssen ihn unbedingt daran hindern. Das sind wir der demokratischen Tradition schuldig.

Diese Erzählung, in der die Rollen sehr klar verteilt sind, wird da und dort vielleicht mit Nuancen versehen, es wird vielleicht darauf hingewiesen, dass die Ukraine in einen pro-westlichen, ukrainisch-sprechenden Westen und einen pro-russischen, russisch-sprechenden Osten geteilt ist, dass nicht alle Mitglieder der Übergangsregierung wirklich nette Gesellen sind, dass das Land ein Problem mit Korruption hat und weiteres mehr... aber diese Nuancen sollten in der Berichterstattung niemanden darüber hinwegtäuschen, dass die Situation trotzdem völlig klar ist; und dass auch eindeutig ist, wo für uns im Westen die Sympathien zu liegen haben.

Wenn man sich dem verweigert, wird man sehr schnell mit dem Label "Putin-Versteher" (ich hab es noch nie in er weiblichen Form gehört, aber ich gehe davon aus, es wäre dann "Putin-Versteherin") versehen, womit allen anderen dann endgültig klar sein sollte, was von dieser Person zu halten ist.

Ich möchte in diesem Eintrag aufzeigen, warum dieser Eindruck, warum diese eindeutige Erzählung zum Konflikt brandgefährlich ist und warum ich mich mit meinen bescheidenen Mitteln und meiner kleinen Reichweite dagegen wehren will, dass diese Erzählung Überhand nimmt. Ich werde ausserdem erklären, warum ich laut und deutlich sage: nein, ich will mich nicht für eine Seite entscheiden.

Beide sagen das gleiche. Beide sind idiotisch. Es gibt kein "kleineres Übel" in dieser Geschichte. Wir brauchen Alternativen.

Die anderen Erzählungen


Vielleicht ist es gut, an dieser Stelle erstmal die zweite dominante Erzählung einzubringen (jene, die man sich in Russland erzählt), die in diesem Konflikt vorherrscht, damit man Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen kann:

In Kiew hat nach einem vom Westen angestifteten Putsch eine ukrainisch-nationalistisch eingestellte Gruppierung die Macht an sich gerissen, nachdem sie den demokratisch gewählten Präsidenten aus dem Amt gejagt und bereits ausgehandelte Verträge verletzt hat. Diese Regierung leugnet die Interessen des russischsprachigen Ostens der Ukraine und strebt an, alles Russische aus der Ukraine zu verbannen, ja vielleicht sogar zu vernichten. Wir müssen sie unbedingt daran hindern, das sind wir den russischsprachigen Ukrainern schuldig.

Ganz grundsätzlich, gleich am Anfang: beide Erzählungen sind nicht falsch. Sie sind aber auch nicht vollständig. Es sind nur zwei von ganz vielen möglichen Ausschnitten und Kombinationen, mit denen man die Situation umschreiben könnte.

So gibt es z.B. auch politische Parteien, linke und rechte. Man könnte die ganze Geschichte als reine internationale Interessenpolitik beschreiben (Westen vs. Russland), man könnte historische Ereignisse und den Umgang damit einfliessen lassen, Psychogramme der Beteiligten (wie teilweise gemacht wird) erstellen, die Tatsache hervorheben, dass die heutige Ukraine noch weitere Minderheiten beherbergt, z.B. (muslimische) Tataren oder jene Überbleibsel der jüdischen Diaspora, die sowohl den 2. Weltkrieg als auch die Sowjetzeit überstanden haben.

Ausserdem könnte man die ausserordentlich patriarchale Gesellschaftsstruktur dazunehmen oder die Tatsache, dass es eine dünne, aber reiche Oligarchenschicht gibt, die an Demokratie nicht interessiert ist (während es durchaus demokratische Kräfte gibt), ausserdem könnte man Entscheidungen aus der Sowjetzeit und aus der Umbruchzeit der Sowjetunion einbeziehen, Kapitalismus, Globalisierung, Korruption, "Kampf der Kulturen" (das Buch von Samuel P. Huntington! Das verdammte Buch hat tatsächlich ein ganzes Kapitel über die Ukraine. Und wenn man weiss, welchen Einfluss es auf das aussenpolitische Denken in den USA hatte, dann kann einem alleine schon deswegen Angst und Bang werden)...

Ein Beispiel für eine alternative Erzählung habe ich gerade heute in einem ansonsten relativ belanglosen Interview mit Femen-Aktivistinnen (egal, was man ansonsten von ihnen hält - es ist eine alternative Sicht) gelesen, die selbst im Dezember noch in Kiew auf dem Maidan für Demokratie demonstriert haben und mittlerweile im Exil sind, ihre Version lautet so:

In Kiew ist seit Jahren eine kleptokratische Elite an der Macht, gegen die sie sich als Aktivistinnen zur Wehr setzen. Sie haben im Dezember auf dem Maidan zusammen mit anderen für Demokratie und gegen diese Kleptokraten demonstriert, haben aber den Kampf verloren. Die Übergangsregierung, die jetzt an der Macht ist, rekrutiert sich aus der gleichen Elite wie jene, die vorher an der Macht waren - nur, dass sie statt Russland zugewandt nun "dem Westen" zugewandt sind. Aber es ist der gleiche Personenkreis. Damit ist ein demokratischer Wandel unter den aktuellen Bedingungen, mit diesen Beteiligten, nicht möglich. Sie setzen sich sowohl gegen Kiew, als auch gegen Russland zur Wehr.

Kurz: die Elemente, aus deren man schöpfen kann, um die Geschichte des Konflikts in der Ukraine zu erzählen, sind reichhaltig und verworren. Und das an sich ist auch noch nicht problematisch. Erzählungen sind im Prinzip ein gutes Instrument, mit dem man Komplexität ordnen kann, wenn man sie bewusst einsetzt.

Chaotische Situationen lösen bei Menschen in der Regel grosses Unbehagen aus und können sie sogar handlungsunfähig machen. Die bequemste, und für viele Leute angenehmste Art, dieses Unbehagen aufzulösen und mit den vielen Widersprüchen und Unklarheiten umzugehen, ist, sie einfach auf ein eindeutiges schwarz-weiss Schema zu reduzieren. Man definiert eine Seite als "richtig", nimmt deren positiven Seiten und Vorteile stärker wahr und blendet die Nachteile aus. Alles andere, was es nicht in diese richtige Schublade passt, ist "falsch", man blendet die Vorteile aus und beleuchtet negative Seiten stärker. [Wer mehr wissen möchte, auch wenn es vielleicht etwas chaotisch und unausgegoren formuliert ist - siehe unten im ausgelagerten Theorieteil.]

Mit einem solchen Vorgehen kann eine unterschiedliche Anzahl von Gruppen entstehen, die innerhalb der Gruppe jeweils eine ähnliche Sichtweise auf die Situation haben. (Im Prinzip hat jedes Individuum eine eigene, persönliche Sicht - aber wenn man nur individuelle Sichten hat, die sich gar nicht überschneiden, vereinzelt man. Das heisst, man hat auf jeden Fall einen Antrieb, sich ähnlich denkende Menschen zu suchen oder sich der Sichtweise einer bestehenden Gruppe anzuschliessen.) Diese Gruppen können, besonders, wenn die Komplexität und die Dissonanz gross ist, eine hohe Motivation entwickeln, anderen ihre eigene Sicht der Dinge aufzuzwingen.

Diese Gefahr besteht natürlich auch, wenn eine Gruppe mehr Macht hat als andere und/oder die eigene Sichtweise einen unauflösbaren Interessenkonflikt mit einer oder mehreren anderen Gruppen enthält. Sodass aus der Wahrnehmung der einzelnen Gruppe nicht möglich ist, die beiden Sichtweisen miteinander zu vereinbaren - sondern es auf ein "wir oder ihr" hinausläuft. Das ist besonders dramatisch, wenn sich zwei dominante Erzählungen darauf einschiessen, sich gegenseitig als Feind zu sehen, von denen nur einer gewinnen und der andere verlieren kann. [Auch dazu, unten im ausgelagerten Theorieteil viel mehr]



Die Propagandaaussagen


Wenn wir von diesen Grundannahmen ausgehen, müssen wir gar nicht so genau wissen, was wirklich alles dort abläuft. Wir müssen auch nicht genau wissen, was die einzelnen Gruppen sonst noch heimlich beabsichtigen. Wir müssen uns nicht einmal damit aufhalten, ob die Dinge, die gesagt werden, faktisch stimmen. Wir können unser Urteil alleine daraus ableiten, was wir als Publikum durch die Propaganda erfahren. Erstdurch die Propaganda können die nötigen Menschenmassen überhaupt aktiviert werden, deshalb ist sie relevant.

Und damit wird auch klar, warum die Lage beängstigend ist:

Wir haben wie oben geschildert, zwei mächtige Propagandamaschinerien, die im Augenblick auf Hochtouren laufen und die uns die dominanten Erzählungen liefern, die den Verlauf des Konflikts aktuell bestimmen. Es ist sogar erstmal komplett unwichtig, dass es Nuancen innerhalb dieser Propagandamaschinerien gibt - das, was zählt, ist die allgemeine, dominante Stossrichtung, die danach Handlungen motivieren und den individuellen Blick auf den Konflikt fokussieren.

Fangen wir mit der Propagandamaschinerie an, deren Existenz als Propagandamaschinerie für Leserinnen und Leser im Westen leichter verdaulich ist - jene von Putin in Russland.

Es ist jene der Gegenseite. Diese lässt sich erfahrungsgemäss leichter als Propagandamaschinerie entlarven und sie ist erst noch verhältnismässig zentral und direkt vom aktuell mächtigen Teil der russischen Oligarchie gesteuert. Es ist damit aus unserer Perspektive weniger schwierig zu durchschauen, dass es sich um Propaganda handelt, nicht um neutrale Information - also um das penetrante, massive Verbreiten einer vereinfachenden Erzählung, zur Durchsetzung und Unterstützung der eigenen Interessen.

Was sind die richtungsweisenden Kernelemente dieser russischen Maschinerie und was ist die Motivation?

(Ich formuliere die Elemente hier so, wie ich sie aus Sicht der Propaganda wahrnehme - das bedeutet nicht, dass ich sie persönlich akzeptiere oder gar unterschreibe. Das gilt auch für alle folgenden formulierten Argumente.)

Hier die Elemente, mit denen Russland seine Position untermauert:

- Die Ukraine gehört in den Einflussbereich Russlands, ein Einflussverlust kann nicht toleriert werden
- Russland anerkennt die neue Übergangsregierung in Kiew nicht, da sie mit undemokratischen Mitteln an die Macht gekommen ist
- Die russsischsprachige West-Ukraine steht unter dem Protektorat von Russland und man ist notfalls bereit, für deren Interessen einzutreten (bis zum Einsatz welcher Mittel?)
- Die aktuelle Regierung in Kiew betrachtet Russland als Feind (und "sie hat damit angefangen") und wird deshalb umgekehrt von Russland als Feind betrachtet
- Russland ist nach den Wirren des Zusammenbruchs der Sowjetunion auf dem internationalen Parkett wieder eine Macht, die ernstgenommen werden will
- Russland ist bereit, die Ernsthaftigkeit dieser Willensbekundung zu demonstrieren. Es ist ein entschlossenes, starkes Land.
- Der Westen begeht mit seinem Einmischen in die Ukraine Vertragsbruch gegenüber dem, was beim Fall des Ostblocks 1989/90 vereinbart wurde (keine Expansion der NATO, kein Ausbreiten der europäischen EInflusszone über die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion hinaus. Wobei man für die baltischen Staaten schon eine Ausnahme gemacht hat)
- Russland hat kein Interesse daran, dass der Konflikt eskaliert und setzt auf Verhandlungen
- Aber wenn es vom Westen erzwungen wird, wird Russland nicht den Schwanz einziehen - es ist nicht zu tolerieren, dass der Westen den Einflussbereich Russlands kanibalisiert

Hierzu noch separat die "Zusätze" der "pro-russischen" Aktivisten in der Ostukraine:

- Die aktuelle Regierung in Kiew missachtet die legitimen Interessen der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine
- Sie will das gesamte ukrainische Staatsgebiet unter Kontrolle der pro-westlichen, ukrainischsprachigen Westukraine bringen
- Die aktuelle Regierung in Kiew ist mit Gewalt und auf undemokratische Weise an die Macht gekommen, sie ist nicht legitim
- Die Aktivisten vertreten ihre legitimen Interessen und tun das gleiche, wie die jetztige Regierung vor einigen Monaten selbst getan hat
- Russland muss die russischen "Brüder und Schwestern" in der Ost-Ukraine unterstützen, sonst droht ihnen die Unterjochung oder gar Vernichtung durch die West-Ukrainer

Im Westen ist es für uns mitunter schwieriger, zu akzeptieren, dass es sich ebenfalls um eine Propagandamaschinerie handelt.

Es ist schwerer verdaulich und könnte beim einen oder der anderen hier akute Ablehnung auslösen. Wenn das bei euch der Fall ist und ihr noch nicht voller Wut aufgehört habt zu lesen - woher kommt eure Wut? Worauf fusst sie? Welche Dissonanz habe ich ausgelöst? Auch im Westen ist jedenfalls eine solche Maschinerie in Gang geraten - sie wird nicht zentral gesteuert, es ist keine Behörde dahinter, die vorschreibt, was es zu schreiben oder berichten gilt (obwohl diese sich sicher auch nicht dagegen wehren und in ihren Pressemitteilungen und öffentlichen Aussagen die dominante Erzählung zementieren).

Die dominante Erzählung hier scheint geradezu aus dem akuten Bedürfnis heraus entstanden zu sein, sich nicht auf die verwirrende Komplexität der Situation einlassen zu müssen.

Das liegt an einer anderen komplexen Konstellation von Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und aufschaukeln - ich kann es hier nur streifen: Nachrichtenmedien stehen unter Publikationsdruck und haben wenig Zeit, vertieft zu recherchieren. Sie haben zu wenig Personal und verlassen sich immer mehr auf Agenturmeldungen und Pressemitteilungen, ohne die einordnende Arbeit zu machen. Medien, die nach strikt kaptialistischem Prinzip geleitet werden, messen ihren Erfolg an Verkaufs- und Klickzahlen. Einfache Erzählungen, die bei den Leserinnen und Lesern keine Dissonanz auslösen, kommen besser an - sie lassen sich leichter konsumieren und sagen einem in "wenigen Worten, wie es ist". Das kommt an. Sie reduzieren damit den Denkaufwand sowohl bei den Produzenten wie bei den Konsumenten der Nachrichten. Dadurch schaffen sie aber gerade den Nährboden für die Propaganda, um die es hier geht und dafür, dass alternative Erklärungsmuster weggedrängt werden. Sie unterstützen diesen Sog entwickelt, den die Situation zu entwickeln droht.

[Ich gebe Sympathiepunkte an alle, die jetzt dachten - aber hallo, was labberst du hier, du willst uns her ja auch gerade eine einfach Erzählung unterjubeln. Jepp. Zweifel beibehalten!]

Es scheint jedenfalls, als müssten die staatlichen Stellen gar nicht eingreifen, um Propaganda zu betreiben. Sie müssen gar nichts machen. Die Presse übernimmt die Propagandaaufgabe unreflektiert, automatisch, freiwillig und ohne, dass man die Pressefreiheit einschränken müsste. (Beängstigend genial, eigentlich, dieses System. Und so subtil.)

Diese Propagandamaschinerie hat sich auf folgende Interessen festgelegt:

- Die Ukraine muss in Europa integriert werden
- Eine Integration der Ukraine in Europa geht nur gegen Russland
- Die Ukraine muss vom russischen Einfluss befreit werden, die Situation zwingt dazu
- Eine demokratische Ukraine ist nur unter Anleitung des Westens möglich
- Der Westen hat nicht aktiv dafür gesorgt, dass die Ukraine sich Europa zuwendet - die Ukraine will das selbst so und das hat Russland zu akzeptieren
- Die Ukraine steht damit unter dem Protektorat des Westens
- Der Westen hat kein Interesse daran, dass der Konflikt eskaliert
- Eine Rückkehr der Ukraine in den Einflussbereich Russlands ist aber nicht akzeptabel (bei der Aussage bin ich mir unsicher, wie weit sie gehen würde)
- Putin ist ein autokratischer Diktator, der territoriale Ansprüche verfolgt und wir müssen ihn daran hindern, diese weiter auszuleben, sonst wird er Europa in seinem Kern bedrohen

Hierzu, separat aufgeführt, noch die Interessenbekundungen der aktuellen Übergangsregierung der Ukraine:

- Die Übergangsregierung ist durch eine friedliche Revolution an die Macht gelangt und hat die Unterstützung der breiten Bevölkerung
- Die Ukraine muss von allem russischen Einfluss befreit werden und sich endgültig von Putin emanzipieren (es ist nicht klar, wie weit das gehen würde)
- Wenn es nötig ist, assoziiert man sich dazu auch mit Europa
- Die Aufständischen in der Ost-Ukraine sind von Russland gesteuerte Terroristen. Sie haben keine legitimen Interessen und müssen bekämpft werden
- Der Westen muss die aktuelle Regierung unterstützen, sonst wird die Ukraine von Russland überrollt und einverleibt

Bevor ich alles zusammensetze - noch einmal der Hinweis, dass dies nicht alle möglichen Aussagen sind - sondern nur jene, die ich als dominant wahrnehme. Andere mögliche Aussagen fehlen komplett.

Zum Beispiel jene, dass gewisse demokratischen Kräfte, die dazu beigetragen haben, Janukowitsch zu verdrängen, den anschliessenden Machtkampf gegen die west-ukrainischen Nationalisten wohl verloren haben und noch mehr in Bedrängnis geraten, je mehr der Konflikt in Gewalttätigkeit ausartet. Oder dass die Ukraine als Brücke zwischen Russland und Europa dienen könnte, die entweder in einem gemeinsamen oder gar keinem Einflussbereich liegt (kein Nullsummenspiel!).

Weiter fehlt zum Beispiel, dass Russland und der Westen gemeinsam mit der Ost- und der West-Ukraine das geteilte Interesse haben, dass die Region stabil bleibt und sich entsprechend entwickeln kann. Es fehlt, dass eine breite, arme Bevölkerung einer kleinen, stinkreichen Elite gegenübersteht, die sich vor allem in den Wirren um das Ende der Sowjetunion schamlos bereichert hat und die eigene Macht zementiert. Nicht erwähnt ist, dass Russland und der Westen sehr viele gemeinsame Werte und Interessen teilen, auf denen man aufbauen könnte. Oder, dass Nationalismus ein verfluchtes Relikt aus dem 18./19. Jahrhundert ist, das noch nie besonders nützlich, aber oft sehr schädlich war und seine Zeit lange überdauert hat. Man könnte auch drauf hinweisen, dass mit der OSZE ein Gremium bestehen würde, das sowohl Russland als auch die europäischen Kräfte umfasst und die Möglichkeit hätte, beruhigend einzuwirken. Es wird aber mit aller Macht daran gearbeitet, es aus dem Konflikt herauszuspedieren und Russland darin derart zu isolieren, dass kein vernünftiges Verhandeln merh möglich ist... usw.

Ausserdem ist hier wie gesagt nur beachtet, was tatsächlich geäussert wird. Allfällige mehrstufige Strategien, Taktiken und verborgenen Interessen fehlen. Die sind hier aber auch erstmal nicht wichtig. Mit noch mehr Analyse liesse sie sich wahrscheinlich auch herausschälen, welche Hintergedanken noch reinspielen. (Man muss dann aber aufpassen, nicht in Verschwörungstheorien zu verfallen oder zu viel Interpretationsspielraum zu beanspruchen.)

Das Bild auf meinem Puzzle

Wenn man sich die dominanten Argumente so durchliest, dann sieht man schnell, dass sie sich ohne grosse Widersprüche nahezu perfekt zu einem Bild zusammenbauen lassen. Die Sicht im Landesinnern der Ukraine (soweit sie nach aussen dringt) und die Sicht auf der Internationalen Ebene sind nahezu deckungsgleich.

Wir haben zwei Blöcke, die sich gegenüberstehen und die sich gegenseitig fast exakt das Gleiche vorwerfen, bis hin zu den gleichen öden und deplazierten Hitler-Vergleichen. Die vier aktuell wichtigsten Akteurgruppen im Konflikt (pro-russische Akteure in der Ost-Ukraine, Russland, Übergangsregierung in Kiew, Westen) sind sich im Wesentlichen über die Struktur des Konflikts einig - und sie sind sich auch einig darin, dass der jeweils andere die Schuld dafür trägt. Alle verfolgen damit nach eigener Wahrnehmung eine Verteidigungsstrategie.

Das - meine Damen und Herren - ist, was an diesem Konflikt gefährlich ist. Wenn sich alle Akteure einig sind, wie ein chaotischer Konflikt strukturiert ist und sich alle damit rechtfertigen, sich ja bloss zu verteidigen, dann stehen schon viele Figuren auf dem Spielfeld.

Bedeutet das, es wird zwangsläufig einen Krieg geben?

Nein.

Im Mai sind jetzt erstmal Wahlen und obwohl die Hoffnung klein ist - es könnte Überraschungen geben. Wir können hoffen, dass die beiden aktuell dominanten Konfliktparteien die Wahlen sowohl im Westen wie im Osten des Landes verlieren (vorausgesetzt, die Wahlen find demokratisch und es kommt zu keinen Manipulationen). Eine neue Regierung könnte eine neue Erzählung starten und bzw. eine aus den Medien gefallene erneut stärken. Das könnte den Konfliktparteien den Wind aus den Segeln nehmen und, man darf ja träumen, vielleicht im Westen ein Umdenken bewegen und Putin den Abzug ohne Gesichtsverlust ermöglichen. Aber... naja... oder?

Es ist auch wahr, dass auf der internationalen Ebene sowohl Russland wie auch der Westen relativ glaubwürdig vertreten, nicht an einer globalen Eskalation interessiert zu sein.

Wenn man es einigermassen rational betrachtet, dann ist das so.

In einem Krieg zwischen dem Westen und Russland gibt es für keine Seite viel zu gewinnen und für alle sehr, sehr viel zu verlieren. (Das Verhältnis zwischen einem möglichen Gewinn und einem möglichen Verlust ist sehr unausgeglichen. Der Verlust ist hoch, egal, ob man "gewinnt", schliesslich droht am Horizont sogar ein Atomwaffeneinsatz und das will hoffentlich niemand.  Der mögliche Gewinn ist dagegen mikrig. Würde ich jetzt sagen)

Für Russland  - allem protzigen Kriegsgerede zum Trotz -  gibt es sogar noch weniger zu gewinnen (aber auch weniger zu verlieren) als für den Westen. Russland hat gerade erst eine brutale Krise überwunden und eine erneute Niederlage würde das Land wohl erstmal definitiv vom internationalen Parkett verschwinden lassen. China könnte sich freuen. Eine Kriegsindustrie würde zwar einen Teil der Schwerindustrie wieder in Gang bringen und die Leute beschäftigen - aber letztlich... nein, es ist kein erfolgversprechendes Aufbauprogramm oder ich übersehe etwas. Und dass sie es tatsächlich gewinnen könnten...?

Das ist aber nur eine (etwas grössere) Hoffnung und wie alles Folgende viel Spekulation. (Also bloss nicht als Prognosen interpretieren! Ich lotse Möglichkeiten aus. Jemand, der das Ergebnis komplexer Situationen vorhersagen will, ist eine ganz eigene Art von verrückt.)

Es gibt genügend historische Beispiele, in denen eigentlich keine Seite ein rationales Interesse an einem Krieg hatte, aber man sich gegenseitig aufgeschaukelt hat, bis man den Punkt überschritten hatte, an dem man noch hätte umkehren können, ohne das Gesicht zu verlieren. Man könnte diese Argumentation zum Beispiel für den ersten Weltkrieg führen, dessen Ausbruch sich ausgerechnet dieses Jahr zum 100. Mal jährt.

Russland hat nicht die Macht und den ideologischen Überbau, den die Sowjetunion als "ultimativer Feind" im kalten Krieg hatte. Es kann dem Westen nicht mit der gleichen Macht Paroli bieten. Es ist eine Art kapitalistische Oligarchie, die ihre mangelnde Legitimität mit dröhnendem Nationalismus übertönt. Bei allem nötigen Respekt, aber das heutige Russland erscheint nicht als ein dermassen bedrohlich-übermächtiger Gegner, wie die UdSSR es damals tat.

Das kann man erstmal positiv werten. Es droht vielleicht kein Szenario eines neuen kalten Krieges.

Aber ein weniger übermächtiger Feind kann auch den Leichtsinn schüren - und vergessen lassen, dass Russland trotzdem über funktionsfähige Atomwaffen und eine stattliche Armee verfügt, ausserdem eine sehr leidensfähige Bevölkerung hat, die man zum Mitmachen in einem Krieg wohl bewegen könnte (wenn auch eher aus Trägheit, denn aus Euphorie). Wenn wir es schon von Erzählungen haben, sollten wir nicht vergessen, dass Russland seinen  nationalen Mythos stark daraus schöpft, mindestens seit Napoleon noch jede Invasion seitens von Europa abgewehrt zu haben - koste es, was es wolle.

Die USA sind zwar immer noch die mächtigste Armee der Welt und jener Russlands klar überlegen - aber das Land ist nach zwei wenig ruhm- und ertragreichen und kräftezehrenden Kriegen relativ kriegsmüde.

Das kann man als positives Zeichen werten.

Es kann aber auch bedeuten, dass die starke Rüstungsindustrie in den USA den Konflikt forciert, in der Hoffnung, dass er eben kalt bleibt und nicht eskaliert.  Ein neuer "Mini-"Kalter Krieg könnte neue Rüstungsausgaben rechtfertigen und Investitionen in diesem Bereich regelrecht befeuern. Ausserdem haben die ersten Ausläufer des Wirtschaftskriegs ja schon begonnen.

Leider muss das aber nicht bedeuten, dass man damit in die wohlig-behagliche Nostalgie des kalten Krieges zurückfallen wird, wie sich das einige alten Akteure auf beiden Seiten wohl wünschen - denn die Bedingungen haben sich verändert. (Das übersehen echt viele!)

Was vielen im Westen vielleicht nicht bewusst ist:

Russland hat die traumatische Erfahrung gemacht, was es für ein Land bedeutet, wenn es einen kalten Krieg verliert. Und diese gefühlte Niederlage steckt noch tief in den Knochen. Sie war äusserst schmerzhaft. Wer mir das nicht glaubt, sollte einfach mal in der russischen Provinz mit den Leuten reden und sie fragen, was sie von der Perestroika, Gorbatschow und Jelzin halten... die hätten lieber den starken Stalin zurück, mit all seinen unberechenbaren Gräueltaten. Der hat wenigstens den Krieg gewonnen. Obwohl Putin ein opportunistischer Nationalist ist und mit Kommunismus  nichts am Hut hat (Stalin ja auch nicht, wenn man es genau nimmt) - er würde sich Stalin zum Vorbild nehmen. (Nicht Hitler!) Das könnte innerhalb von Russland zum Schluss führen, dass man besser die Niederlage in einem "richtigen" Krieg riskiert, sobald es opportun ist, als am Ende noch einen kalten Krieg zu verlieren...

Der Westen hingegen hat die Erfahrung gemacht, dass sich kalte Kriege gewinnen lassen, wenn man den Gegner nur lange genug hinhält und eine genügend grosse Drohkulisse aufbaut. Man blendet hier innenpolitische Faktoren aus und führt den "Sieg" im kalten Krieg im Wesentlichen auf den Sieg im Wettrüsten zurück. Das kann zu unbesonnenem Handeln führen. Gerade, weil der Gegner nicht mehr die bedrohliche, übermächtige Sowjetunion ist, denen man immerhin so weit vertraut hat, dass auf keiner Seite ein Interesse besteht, einen Weltenbrand auszulösen.

Es war damals mehrmals verdammt knapp. Niemand sagt, dass es beim nächsten Mal und unter den aktuellen Bedingungen wieder so glimpflich ausginge.

Man will lieber gar keine Szenarien entwickeln... man kann erstmal nur hoffen, dass ich hier eine zu grosse Phantasie habe und mir zu viele Dinge ausmalen kann. Ich sehe hier wie gesagt keine riesige Gefahr, aber das Potential ist da und ich hoffe bei allem, was mir heilig ist, dass die Leute, die das Sagen haben, dieses Potential nicht unterschätzen.

Ich bin keine Panikmacherin. Ich will diese Erzählungen weder schüren noch heraufbeschwören und es bereitet mir keine Freude, sie durchzudenken. Aber man muss sich auch weniger wahrscheinliche Szenarien vorstellen können, wenn die Konsequenzen drastisch wären.

Deswegen gehen wir jetzt mal hoffnungsvoll vom Fall aus, dass sich der Konflikt wie der Balkankonflikt in den 90er-Jahren tatsächlich auf die Ukraine beschränken liesse und der grosse Flächenbrand ausbleibt.

Ich gehe ausserdem davon aus, dass beide aktuell dominanten Seiten weiterhin die Propaganda bestimmen werden. Sie haben sich darauf eingeschossen, die andere Seite als mit Gewalt zu bekämpfenden Feind zu betrachten. Beide Seiten fühlen sich von der Rückendeckung ihres jeweiligen "internationalen" Partners bestärkt und befeuern die interne Feindschaft mit ständig neuen Provokationen.

Das heisst, sie kämpfen weiter entweder darum, die ganze Ukraine alleine zu beherrschen oder sich als eigenständiger Staat abzuspalten. Eine gemeinsame Lösung ist nicht möglich, da man sich wahrscheinlich nicht gemeinsam an einen Tisch setzen würde, solange es keine neuen Stimmen, keine neuen Erzählungen in diesem Trauerspiel gibt. Wenn das so ist, dann kann es blutig werden; bis eine Seite gewinnt, beide Seiten müde werden oder man sich überraschend mit einer Abspaltung zufriedengibt (was die Zustimmung der internationalen Konfliktparteien mitbedingen würde, die daraus einen internationalen Konflikt gemacht haben.)

Alternativen wären möglich, aber machen wir uns keine Illusionen... auch schwierig umzusetzen.

Eine Alternative, die wie oben geschlidert relativ glimpflich ablaufen könnte, wäre eine Aufspaltung des Landes in einen westlichen und einen östlichen Staat, entlang der aktuellen Konfliktlinien. Eine solche Alternative kann aber nur funktionieren, wenn sie sich ohne Gesichtsverlust für alle beteiligten Konfliktparteien umsetzen lässt - und es wäre halt ein weiterer Staat, der unter dem Druck des Endes des Ostblocks auseinandergefallen wären. Ich kenne die Details zu wenig, um sagen zu können, wie realistisch und wie wünschenswert diese Alternative wäre. Ich kenne sie auch zu wenig, um abschätzen zu können, wieviel Gewalt das verhindern würde - und wie die Wahrnehmung in Russland und im Westen dann wäre. (Also, wer sich als "moralischer Sieger" einer solchen Lösung fühlen würde.)

So sehr ich Nationalismus und "Nation" als Kategorien eigentlich ablehne... es wäre wohl andererseits pragmatisch, unter den gegebenen Bedingungen ein alternatives Konzept eines ukrainischen Staates zu entwickeln, das losgelöst von der Sprache und der aktuell empfundenen "Nationalität" funkitioniert. (Keine "russischen" oder "ukrainischen" Ukrainerinnen und Ukrainer mehr.) So etwas könnte z.B. ein in kleinräumige Einheiten aufgeteilter föderaler Staat mit einer schwachen Zentralregierung sein - analog zu den USA oder der Schweiz. Das ist schwierig umzusetzen, auf die eigene Art problematisch und braucht Zeit, die wohl im Augenblick fehlt. Vor allem angesichts der Tatsache, dass diese Stimmen, die es zu Beginn der Krise noch gab, mittlerweile in der Propagandaschlacht untergegangen sind. Ich habe mir aber schon sagen lassen, dass es solche Bestrebungen tatsächlich gibt und sich eigentlich sowohl West- wie auch Ost-Ukraine als Teil einer Ukraine empfinden, die das gesamte aktuelle Staatsgebiet umfasst.

Ich fürchte fast, es könnte dafür schon zu spät sein.

Es müsste sich unerwartet eine eigenständige, dritte Stimme herausbilden oder aus unverdächtiger Seite anbieten, die genügend Macht hat oder erzeugen kann, um sich der Kriegsrhetorik entgegenzustellen und dafür zu sorgen, dass ernsthafte Alternativen wieder diskutiert werden können.

Das ist, was ich der Ukraine am ehesten wünsche.

Und das ist der Grund, weshalb mir das nakte Grauen kommt, wenn ich noch einmal die Mär vom bösen Putin und den lieben Leuten in Kiew höre. Oder die Mär von den armen Ost-Ukrainern und den bösen Tyrannen im Westen. Das ist die gleiche verdammte Geschichte. Die hitzköpfigen Pro-Westler und die "Putin-Versteher" unterstützen die gleiche Dynamik und sie führt in ein potentielles Blutbad oder schrammt jedenfalls verdammt nah dran vorbei.

Wenn man mich zwingen will, nur zwischen diesen beiden Seiten zu wählen, ist mir egal, wer gewinnt. Es kommt im Endeffekt aufs Gleiche raus und das ist ekelhaft. Ich lasse mir nicht von einer Propagandamaschinerie einen Feind einreden. Ich habe das Glück, Russland als einen Ort kennen und schätzen gelernt zu haben, an dem ich ich gute Erfahrungen gemacht und interessante Menschen getroffen habe. Das Land ist in der gleichen Intensität liebens- und hassenswert und ich lasse es mir nicht auf die hassenswerte Dimension reduzieren. Ich will auch den Leuten dort nicht die Möglichkeit endgültig verbauen, eine Alternative zum System Putin einzufordern - was aber passieren wird, wenn wir sie weiterhin zu Feinden hochstilisieren wollen. Genausowenig will ich mich gegen den Westen stellen, wo ich sozialisiert und aufgewachsen bin, dessen Werte ich in Vielerlei Hinsicht teile und in dessen Ramen es viele hochspannende Dinge gibt, die man weiterentwickeln kann.

Ich lasse mir nicht einreden, die Situation sei alternativlos. Und mindestens so lange, wie ich den Luxus habe, dass meine eigene Existenz nicht bedroht ist, werde ich daran auch festhalten.

Und wenn Kriegsgurgeln auf beiden dominanten Seiten mir einreden wollen, ich müsste mich eben doch für eine von beiden, "die weniger schlimme" entscheiden, dann sag ich laut und deutlich und voller Überzeugung:

Nein. Fuck you.


Einige Nachbemerkungen

Ich habe die theoretischen Überlegungen, auf dem das alles basiert, nach unten in eine Art "Anhang" ausgelagert. Sie sind relativ schwierig zu lesen, sowohl für Leute vom Fach, die sich über die Grobschlächtigkeit und Unausgegorenheit der Sache nur an den Kopf fassen können, als auch für Laien, denen dann wahrscheinlich der Hintergrund fehlt, um wirklich folgen zu können. Ich habe es trotzdem hier angehängt, damit man wenigstens einen Eindruck bekommt, wo die Gedanken hier herkommen. Und auch als Angebot, falls man sich wundert, wo die Konzepte herkommen könnten. Aber das ist keine rigide wissenschaftliche Analyse - das sind Gedanken. Aus der Freizeit. Weil es mich beschäftigt. Ich habe auch keine Zeit, noch länger daran zu feilen.

Meine Absicht ist es, "das grosse Ganze" zu betrachten. Ich möchte einen Schritt zurücktreten und einige der Kräfte und Dynamiken herausarbeiten, die ich im Moment in Bewegung sehe. Ich möchte aufzeigen, welche Interessen und Elemente in die Erzählung hineinspielen, welche Teile dabei akzentuiert und verstärkt werden - und welche ausgeblendet werden. Ausserdem mache ich einen Versuch zu ergründen, was das bedeuten könnte.

Das heisst auch, meine Absicht ist, die wohlige Eindeutigkeit der eingangs geschilderten Erzählung etwas zu durchbrechen und das Blickfeld zu öffnen. Ich nehme in Kauf, dabei beide Seiten dieser gleichen eintönigen Sichtweise gleichermassen gegen mich aufzubringen. Ich habe mein Ziel erreicht, wenn einige Leserinnen und Leser ihren Blick wieder öffnen können und sich nicht einfach blind vom Sog mitreissen lassen. Ich muss meiner Sorge Luft machen, ohne, dass ich eine pfannenfertige Alternative ins Spiel bringen könnte. Aber es gibt sie, es muss sie geben. Es muss Alternativen zu diesem Trauerspiel geben.

Dieser Eintrag gärt schon sehr lange in mir und er wird wahrscheinlich noch weiter gären. Komplexität in Worte zu fassen ist eine unglaublich schwierige Sache und man kann eigentlich nur scheitern, wenn man etwas lebendiges und vielschichtiges mit einem linearen Mittel wie einem Text erfassen will. Deswegen fühle ich mich auch immer unwohl dabei, die Gedanken überhaupt auf Papier bzw. Bildschirm zu bringen - denn das, was ich schreiben kann, ist immer notwendigerweise unvollständig und auch nur eine andere Brille, die man anzieht, um die gleiche Komplexität anzuschauen. Es wird also viel zu ergänzen oder wieder zu verwerfen geben, aber ich lege mein Unbehagen hier mal ab, in der Hoffnung, vielleicht einen Denkanstoss geben zu können. Das wirkt vielleicht koketierend und wie zu viel Selbstschutz - aber es ist mir wichtig, das gesagt zu haben, um überhaupt etwas zu sagen zu wagen.

So, genug der Entschuldigungen und Rechtfertigungen.

Theoretische Herleitungen, die ich ausgelagert habe

Wie entstehen solche Erzählungen - und warum sind sie wichtig?


Wir haben oben festgestellt, dass komplexe Situationen über Erzählungen fassbar gemacht werden können. Diese Erzählungen sind nicht falsch, aber erzählen immer nur ein Teil dessen, was möglich wäre.

Obwohl eine komplexe Situation viele Elemente beinhaltet, die sich wiedersprechen oder schlecht einordnen lassen, kann man daraus aber natürlich nicht jede beliebige Erzählung basteln. Die einzelnen Elemente unserer Geschichte sind ja nicht voneinander unabhängig.

Patriarchale Gesellschaftsstrukturen und Kapitalismus hängen zusammen, genauso wie Nationalismus (ein grundsätzliches Thema für sich, für ein anderes Mal). Wie man sich auf dem links-rechts-Schema einordnet, hat wiederum eine Auswirkung darauf, durch welche Wertebrille man die Situation betrachtet (in dem Sinne, welchen Wert man auf abstrakte Dinge wie Sicherheit, Freiheit, Gleichheit, Wohlfahrt legt und mit welchem Verständnis man diese Begriffe füllt - darüber könnte ich leicht noch mindestens einen Eintrag schreiben), usw. Es gibt Erzählelemente, die sich gegenseitig verstärken und in die gleiche Richtung ziehen. Es gibt andere, die sich gegenseitig aufheben und ausbalancieren. Manchmal funktioniert das auf überraschende Art, über mehr als eine Ecke und ist weder auf den ersten Blick wirklich sichtbar, noch wenn man sich im Detail verliert. (Noch so ein Thema, über das man sich verlieren könnte.)

All diese Geschichten, die daraus entstehen und einen schlüssigen Eindruck machen, sind irgendwie wahr - oder halt eben, nicht falsch. Alle Geschichten, die eine genügend starke Anhängerschaft finden, werden wahr (gemacht). (Das übrigens, nur so am Rand, ist eine der Ursachen für Propaganda... vielleicht ein anderes Mal mehr.)

Das ist eine höchst unangenehme Erkenntnis - denn das bedeutet nichts anderes, als dass völlig unklar ist, was eigentlich sozusagen "wirklich" abläuft. Zu viele Elemente spielen hinein und zu viele Dinge, teilweise auch völllig widersprüchliche und gegenläufige Dinge passieren gleichzeitig. Sie ergeben für sich betrachtet erstmal keinen Sinn und verändern sich erst noch, wenn man anfängt, mit einen zu interagieren.

Die meisten "normalen" (modernen) Menschen können mit so einer Situation überhaupt nicht umgehen.

(Ich will niemandem etwas unterstellen und ich wäre sehr froh, wenn weniger Leute so wären - aber es ist eine Beobachtung, für die sich auch psychologische Forschungsergebnisse heranziehen lassen. Bis zu einem gewissen Grad wird die Fähigkeit, die Komplexität einer Situation aushalten zu können, sogar als krank angesehen oder ist für die Betroffenen in unserer Gesellschaft mit erheblichen Nachteilen bis zum persönlichen Scheitern verbunden.)

Die Dissonanz, in der ein Sinn und ein roter Faden fehlt, schmerzt fast körperlich. Man will sie weghaben, so schnell wie möglich. Es darf nicht sein, dass etwas gleichzeitig gut und böse ist, nützlich und schädlich, auf unterschiedlichen Ebenen - obwohl wir diese Erfahrung im Grunde im täglichen Leben ständig machen.

Wir wissen z.B. dass zu viel Alkohol trinken die unangenehme Nebenwirkung eines Katers haben kann - trotzdem nehmen wir diese Folgen in Kauf, weil wir den positiven Effekt des Alkoholrauschs spüren möchten. Das geht meistens, indem man einfach während des Trinkens nicht an den Kater denkt und sich wenn der Kater da ist, schwört, es nie wieder zu tun.

Der Abschweifung kurzer Sinn: Obwohl die Welt uns ständig widersprüchliche Signale sendet (die vielleicht, wenn man das Ganze betrachtet, überhaupt nicht mehr widersprüchlich sind, sondern nur so erscheinen) und obwohl wir alle wissen, dass alles immer Vor- und Nachteile hat, die es abzuwägen gilt - wir mögen das nicht so wirklich.

Es stört uns. Es stresst uns. Deswegen wollen wir die Dissonanz weghaben. Und zwar schnell. Denn es wäre ja eher ungut, einen solchen Schmerz nicht bekämpfen zu wollen.

Eine Strategie ist, diese Dissonanz gar nicht erst entstehen zu lassen und möglichst schnell dafür zu sorgen, dass sie "verschwindet".

Natürlich verschwindet sie nicht wirklich und vor allem nicht sofort. Sie ist immer noch da. Sie wird ausgeblendet und "geordnet".

Die leichteste, bequemste und (wie wir später sehen werden gefährlichste) Strategie, so etwas aufzulösen, ist, sich auf eine flache Sicht auf die Vor- oder die Nachteile festzulegen, also irgendwo ein fixes "das ist richtig/gut" und ein fixes "alles andere ist falsch/böse" zu definieren und dann bei dem, was man als gut erkannt hat, die Vorteile überzubetonen und die Nachteile auszublenden, bis sie "verschwinden". Bei allem anderen werden die Nachteile überbetont und die Vorteile ausgeblendet, bis sie weg sind.

Hurra!

Wir haben nun ein eindeutiges Bild und können mit dieser neu gebauten Brille die Situation betrachten und daraus ganz wunderbare Erzählungen basteln, die bestätigen, dass unsere Brille super ist und extrem gut auf die Situation passt. Ideal geradezu! Plötzlich ergibt alles so wunderbar Sinn! Das Chaos ist weg, die Lage ist glasklar - und damit kann man wunderbar und relativ sorgenfrei handeln. Man weiss sofort, in jeder Situation, was die richtige Entscheidung ist, man braucht bloss die Brille zu konsultieren und sie sagt einem, was zu tun ist.

Aber dadurch, dass wir nun handeln, verändern wir die Situation, die wir ursprünglich betrachtet haben. Wir schaffen die Voraussetzungen dazu, dass sich das, was wir über die Situation bisher nur vermutet haben, tatsächlich herausbilden kann. Dadurch, dass wir Elemente überbetonen, die in unsere Erzählung hineinpassen, bekommen sie mehr Raum und können sich entwickeln.

Andere hören unsere Erzählung, sie bekommen unsere Handlungen und deren Konsequenzen mit, und sie reagieren darauf. Wenn wir über eine gewisse Macht verfügen oder erlangen können, können wir unsere Erzählung anderen sogar aufzwingen und sie müssen nach unserer Erzählung handeln, ob sie das wollen oder nicht.

Die Situation wird bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich so, wie wir sie schon vorher gesehen haben - nicht, weil sie von Anfang an so war, sondern weil wir sie mit unseren Handlungen dazu gemacht haben. Es ist aber nicht so, dass wir die Erzählung aus dem nichts heraus geschaffen haben, sondern alle Elemente, die wir verwenden, waren schon da; wir haben nur einen Filter darübergelegt und dieser Filter sorgt nun dafür, dass sich die Fiktion in der "Realität" einnistet.

Das Problem ist, dass diese Strategie dennoch nicht wirklich reibungslos funktioniert.

Das Chaos ist nicht weg, es ist bloss ausgeblendet, zwischenzeitlich etwas geordnet und weggedrängt. Es wird immer versuchen, sich über Hintertüren einzuschleichen. Es wird andere Menschen geben, die da nicht mitspielen wollen oder können oder die Lage mit einer anderen Brille betrachten. Es wird auch Elemente von ausserhalb geben, aus dem Körper, aus der Natur, aus einem Zufall, etc. die das Ausblenden nicht zulassen und eine Auseinandersetzung erzwingen.

Ich kann mir zwar ein sehr tragfähiges, widerspruchsfreies Konstrukt im Kopf bauen, das mir rechtfertigt, warum Alkohol trinken uneingeschränkt gut ist und die Nachteile nicht existieren, völlig übertrieben sind und falls es sie gäbe, wirklich auszuhalten wären, weil und sowieso... wenn mein Körper anfängt, zu rebellieren und z.B. eine Leberzirrhose entwickelt oder ich in meinem Leben ständig mit Leuten konfrontiert werde, die mir diese Geschichte nicht abkaufen und "Probleme machen", dann bleibt die Dissonanz erhalten wie Nadelstiche oder sogar Schläge; fiese Erinnerungen daran, dass meine Brille nicht so uneingeschränkt passt, wie ich es mir einbilde.

Kommt diese Dissonanz auf, habe ich verschiedene Möglichkeiten:

1. Ich ignoriere sie einfach und zwar so lange, bis es mich umbringt.

 2. Ich kann mich auf diese Argumente, also die Rückkehr der Dissonanz einlassen - muss dann aber meine Brille (z. B. dass Alkohol uneingeschränkt supertoll ist) entweder aufgeben oder zumindest nunancieren und anpassen.

3. Ich bekämpfe alle und alles, was die Tönung meiner Brille in Frage stellen könnte. Statt die Brille anzupassen, vernichte ich lieber diejenigen, die sich ihr nicht anpassen wollen. So lange, bis sich die äussere Realität meiner Brille so weit angepasst hat, dass kaum noch störende Dissonanz entsteht. (Das fiese ist aber, dass mit jeder "grossen" Dissonanz, die man abbaut, eine kleinere ihren Platz einnehmen kann, wie eine Hydra, deren Kopf doppelt nachwächst mit jedem Kopf, den man ihr abschneidet.)

Wir haben also die Möglichkeit, uns durch unsere eigene Brille in letzter Konsequenz umbringen zu lassen, unsere eigene Brille in Frage zu stellen und anzupassen - oder wir können den Rest der Welt in Frage stellen und zwingen, sich unserer Brille gefälligst anzupassen.

Es tut mir wirklich ausserordentlich leid, das hier schreiben zu müssen, weil es mir manchmal bis ins tiefste meiner Existenz schmerzt und ich es nicht wahrhaben will - aber... die "normale" Reaktion ist die dritte.

Man bekämpft lieber alles, was die Unzulänglichkeit der eigenen Brille bestätigen würde, als sich damit auseinanderzusetzen, dass die Brille vielleicht nicht so toll ist, wie man denkt. (Noch eine Abschweifung - das Gegenteil, eine zu stark nuancierte Brille ist auch problematisch, weil es im Extrem handlungsunfähig machen kann. Aber hier täte sich nochmals ein neues Feld auf und das ist schon viel zu lang.)

Wie aus Erzählungen Konflikte werden


Wenn wir nun verschiedene Leute haben, die verschieden eingefärbte Brillen tragen, die ihre Wahrnehmung einer Situation filtern und als Grundlage für Erzählungen dienen, ist das erstmal noch überhaupt nicht tragisch. Das ist sowieso der Fall. Es gibt keine zwei Menschen, die exakt genau die gleiche Brille tragen und die unterschiedlichen Nuancen unserer Wahrnehmung sind ein Teil dessen, was unsere Identität herausbildet. Die meisten Menschen sind auch bis zu einem gewissen Punkt durchaus in der Lage, sich auf die Dissonanz einzulassen und ihre eigene Sichtweise nicht komplett durchdrücken zu wollen - und man könnte sich durchaus gesellschaftliche Systeme vorstellen, die hervorragend funktionieren und Raum bieten, diese unterschiedlichen Sichtweisen aufzunehmen und auf bereichernde Art zu nutzen. Aber das ist ein Thema, das hier aussen vor bleiben muss.

Meistens gruppieren sich Menschen, die ähnlich eingefärbte Brillen tragen, zusammen und bilden eine Erzählung, unter die sie sich alle stellen können und für die sie nur wenig Dissonanz ertragen müssen. Die neue Erzählung sorgt dann noch dafür, dass die eigenen Brillenfarben sich annähern und aus einer Ansammlung verschiedener Einzelpersonen ein "wir", eine Gruppe wird.

Auch das ist, für sich genommen, noch nicht schlimm.

Es gibt aber mindestens drei Konstellationen, die gefährlich sind:

1. Gefährlich wird es, wenn wir einen Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen haben, aber eine starke Gruppe die Macht (oder den Willen zur Macht) hat, die von ihrer Brille abgeleitete Erzählung gegenüber allen anderen gewaltsam und in letzter Konsequenz durchzusetzen. Kann sich niemand wirksam dagegen zur Wehr setzen, führt das letztlich zum Genozid und endet erst, wenn innerhalb des konfliktsystems niemand mehr da ist, um vernichtet zu werden.

Es wird nie möglich sein, alle Menschen exakt auf eine Linie zu bringen - und wenn alle hinter einer groben Linie stehen, wird die nächste Schicht von Dissonanzen sichtbar und auch diese muss beseitigt werden. Wer ein grausiges, aktuelles Anschauungsbeispiel dafür haben will, wohin das führen kann, schaue sich Nordkorea an. Dort ist die gesamte Bevölkerung in so einem System gefangen, das sich ausserdem dermassen selbstständig gemacht hat, dass nichteinmal vermeintliche Angehörige der dominanten Gruppe die Macht haben, daran etwas zu verändern. Es ist die Variante 1 der oben genannten Verhaltensweisen im Angesicht von Dissonanz - stur festhalten, bis man stirbt. In diesem Fall nicht als einzelne Person, sondern als gesamtes Land.

Oft kommt es aber in einer solchen Konstellation zu einem kurzen, heftigen Konflikt, der auf den ersten Blick bald beendet scheint, weil sich die dominante Gruppe erwartungsgemäss durchsetzt. Er zieht sich dann aber ewig lange hin, ohne je wirklich aufgelöst zu werden, solange es noch unterdrückte Gruppen gibt, die mit allen ihren bescheidenen Mitteln gegen die dominante Gruppe ankämpfen. Man betrachte die aktuellen Beispiele Afghanistan oder Irak, wo sich die USA zwar dank militärischer Überlegenheit durchsetzen konnten, aber trotzdem nichts gewonnen haben.

Solche Situationen können eine Weile scheinbar stabil und friedlich sein, solange die starke Gruppe stark genug ist, um ihre Erzählung dominant zu halten und es niemanden gibt, der es wagt, sie in Frage zustellen. Sie darf nicht skrupellos genug sein, ihre dominante Stellung bis aufs Letzte durchzudrücken, dann kann das eine Weile gutgehen. Meistens wird es aber auf lange Sicht auf jeden Fall gefährlich, sobald die bis anhin absolute Macht Kratzer bekommt. Nicht zuletzt deshalb, weil es vorher so trügerisch stabil wirkt. Solange die Macht stark genug war, wurden die Bruchlinien und Dissonanzen ausgeblendet, obwohl es sie schon lange gab.

2. Ebenso gefährlich wird es, wenn sich in einem Konflikt zwei ähnlich starke Gruppen gegenüberstehen, die der gleichen Erzählung folgen, aber sich gegenseitig die Rolle des Sündenbocks zuteilen. Im "besten" Fall  führt dies zu einem "Gleichgewicht des Schreckens", zu einem kalten Krieg, bei dem beide Seiten wissen, dass sie die gegenseitige vollkommene Zerstörung riskieren, wenn sie den Konflikt tatsächlich austragen.

So ein Gleichgewicht ist dennoch potentiell gefährlich, weil letztlich trotzdem beide Seiten in ihrer Version dieser Erzählung das Ziel anstreben, den Gegner zu vernichten und sie können es versuchen, sobald sie nicht mehr davon überzeugt sind, sich selbst ebenfalls zu vernichten. Oder, wie es beim Zusammenbruch der Sowjetunion passiert ist, bis einer der beiden Gegner implodiert und für den anderen Gegner kein ausreichender Grund mehr besteht, die Feindschaft weiter zu pflegen. (Die Erzählung wird nach Variante 2 oben angepasst.)

Hierzu gäbe es einiges mehr zu sagen, was ich jetzt nur anmerke, ohne darauf einzugehen - unter anderem, warum es kein Zufall war, dass die Sowjetunion implodiert ist. Warum es dennoch nicht bedeutet, dass der Westen damit langfristig gewonnen hat. Ausserdem, warum sich ein solcher "Sieg" gar nicht so angenehm anfühlt, wie man es sich in der Propaganda vorher ausgemmalt hat. Der böse Feind ist ein essentieller Bestandteil der Erzählung, nach der man sich die Welt vorher geordnet hat. Fällt der Feind weg, weiss man plötzlich nicht mehr so genau, was nun eigentlich richtig ist und wer man selbst ist. Welche Rolle man spielt. Wenn es kein scheinbar unmittelbar sichbares "falsch" mehr gibt, gegen das man sich abgrenzen kann, fällt die innere Einigkeit, die im Kampf gegen den Feind entstanden ist, unter Umständen plötzlich weg. Es besteht die aktute Gefahr, dass dadurch plötzlich Konflikte im Innern ausbrechen, die vorher zugunsten des Konflikts mit dem Feind unsichtbar waren.

Daher kommt meine Theorie, dass sowohl im Westen wie auch in Russland aktuell viele Leute, vielleicht auch Entscheidungsträgerinnen und -träger, die im kalten Krieg sozialisiert wurden, bewusst oder unbewusst darauf hinarbeiten, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie sehen sich nach der Ordnung, die sich damit in eine als chaotisch empfundene Welt bringen lässt. Aber das war jetzt ein weiterer Abschweifer.

Im nicht so guten Fall liefert diese Konstellation - mit einer Erzählung und zwei Parteien, die für sich gegenseitig den Feind bilden - nämlich die geradezu perfekte Grundlage für einen gewaltsamen, mitunter heftigen Konflikt. Es gibt keine Widersprüche mehr zu verhandeln, es gibt keine Dissonanz mehr, die einen vom Handeln abhält - und handeln bedeutet für beide Seiten exakt das gleiche - nämlich die Provokation gegenseitig aufschaukeln und die Erzählung verstärken, wonach die Anhänger der gegnerischen Erzählung vollkommen anders sind als "wir", dass "wir" uns nicht mit ihnen einigen können - ja, im schlimmsten Fall, dass sie gar nicht wirklich Menschen sind. Es ist die Illusion, wonach es nur zwei verfeindete, miteinander absolut unvereinbare Positionen gibt. Und es wird versucht, alle Betroffenen zu einer Entscheidung zu zwingen, "entweder für uns oder gegen uns".

Das ist gefährlich.

Will man die Eskalation verhindern, auf die beide Parteien in diesem Szenario gleichzeitig und mit viel Elan hinarbeiten, braucht es dringend alternative Erzählungen, die klar sichtbar machen, dass die beiden Postionen nicht absolut unvereinbar sind. Es gibt Punkte, in denen man divergiert und über die man sich streiten kann und muss - aber es gibt immer auch Punkte, auf die man sich einigen könnte, wenn man bei einer eindimensionalen Erzählung zwei, drei oder mehr Dimensionen neu dazugeben öffnen. Das Chaos muss zurück in die Erzählung kommen können, damit es überhaupt möglich ist, Lösungen zu finden, die für alle Seiten lebbar sind, ohne das Gesicht zu verlieren. Das ist ein unheimlich schwieriger Prozess und ich habe grosse Hochachtung vor Leuten, die sich dem stellen.

Das geht nämlich nur, wenn irgendwo, irgendeine Stimme ist, die mächtig genug ist, gehört zu werden und die die dominante Erzählung dezidiert in Frage stellt; selbst dann, wenn sie erstmal keine andere Alternative zu bieten hat, als dass man die gewaltsame Eskalation verhindern will. Diese Stimme kann auch, (ja vielleicht sogar muss) die Stimme des "einfachen Volkes" auf der Strasse sein, das sich der Propaganda beider Seiten verweigert, weil sie kein Interesse an einer Eskalation haben.

Und nur, damit es nicht zu naiv und idealistisch wirkt, und nur, damit niemand auf die Idee kommt, ich würde mir selbst hier etwas anmassen wollen: haben diese Stimmen keine Macht, und keine Mittel in der Hand und hat ausserdem mindestens eine der beteiligten Feindesparteien den absoluten Willen zur Durchsetzung der eigenen Sichtweise, dann sind Verhandlungen kaum möglich. Aus meiner Sicht sind alternative Erzählungen aber dennoch ein Gewinn, den man so lange wie möglich aufrecht erhalten sollte, sofern sie noch in der Lage sind, Dissonanz im Innern der einzelnen Parteien zu erzeugen und zu verhindern, dass sich die ganz grosse Masse hinter die Kriegsgurgeln stellt. Wenn man es schafft, dadurch ihre Macht in Frage zu stellen oder wenigstens an unbequemer Stelle zu pieksen, ist es schon besser als nichts. (Aber ich muss hier keinem erzählen, dass das lebensgefährlich ist.)

Der Krieg lässt sich nicht mehr verhindern, sobald die dominante, eindimensionale Erzählung so viel Kontrolle übernimmt, dass sie sich selbstständig macht. Selbst wenn Anhängerinnen und Anhänger der Kriegsgurgeln dann noch Zweifel bekommen, ist es zu spät. Der Wagen läuft und die Erzählung vermehrt sich ohne unser zutun weiter. Wer nachlesen möchte, wie das funktioniert, dem empfehle ich, einen Blick in "die Schlafwandler" von Christopher Clarke zu werfen. Darin wird anschalich geschildert, wie eine unübersichtliche Situation am Ende des Lebenszyklus eines vorher stabilen Systems (das sich zwingend verändern muss, weil die bisherige Lösung immer instabiler wird) sich verengen kann, bis alle mächtigen Beteiligten plötzlich in eine einzige Richtung ziehen und das ist Gewalt.

3. Gefährlich ist schliesslich auch der Fall von "zu viel Chaos, zu viel Dissonanz". Einerseits führt das natürlich, wie oben beschrieben, dazu, dass "einfache Erzählungen" zur Reduktion der Dissonanz Auftrieb bekommen. Wenn es kein lebensfähiges Gesellschaftssystem gibt, das Dissonanz und ordnende Erzählungen ausbalancieren kann und zur Verhandlung zwingt, ist es nur der erste Schritt zu einem der beiden oben beschriebenen Szenarien. Es kann aber auch zur Radikalisierung von mehreren Gruppen führen, die nicht mehr miteinander sprechen können/wollen und allesamt den Willen und die Mittel haben, die anderen zu vernichten. Das ergibt dann extremst heftige Bürgerkriege, mit bisweilen wechselnden Allianzen, wie wir sie aktuell in Syrien erleben. Es kann im Extrem ebenfalls zu Genozid führen. (Oder auch vergleichbar mit der Situation in Afghanistan. Die zweite Schicht unter der westlichen Intervention, die die Lage dort noch vertrackter macht.)

Ein solcher Konflikt ist im Prinzip noch schwieriger zu lösen als einer, der nur zwei Parteien hat - denn es ist nur schon schwierig, überhaupt zu wissen, wer alles am Verhandlungstisch erscheinen muss. Daher wird im Allgemeinen das Bild mit nur zwei sich absolut gegenüberstehenden Feinden bevorzugt, selbst wenn es eine grobe Vereinfachung ist und den Konflikt nur noch anheizt.

Lustigerweise hat man in Syrien lange Zeit versucht, die Komplexität auf ein "böser Assad vs. die "Guten"" zu reduzieren, um eine Intervention zu rechtfertigen, ist aber letztlich gescheitert, weil sich unter den "Guten" eindeutig radikale Islamisten befinden. Diese hat man auf einer anderen Ebene im Nachgang an den 11. September 2001 dermassen zum absoluten Feind stilisiert, dass die Dissonanz, sie vollkommen als Teil der "guten Seite" zu akzeptieren, zu stark ist. Man definiert zwar Assad als "den Bösen" im Konflikt, aber ist nicht ausreichend in der Lage, seine Gegner als eine homogen "gute" Gruppe darzustellen. Ich denke, das ist ein erklärendes Element, warum in Syrien nicht eingegriffen wurde. (In Libyen hat es ja noch funktioniert.)

Etwas Chaos und Dissonanz ist gleichzeitig aber im besten Fall auch der fruchtbarste Nährboden, auf dem langlebige und friedliche Gesellschaften wachsen können - wenn sich  keine Gruppe zu dominant verhält (falls sie die Macht dazu hat) oder verhalten kann (weil niemand die Macht dazu hat). Auch hier - was erreicht ist, ist nie erreicht, sondern muss ständig neu verhandelt und erschaffen werden. Aber das - und das nun wirklich - ist eine andere Baustelle.