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Jetzt läuft wieder die Fussball-WM, dieses Jahr in Brasilien, und die Presse überschlägt sich mit selbstgefälligen Begründungen, warum auch dieses Jahr kein afrikanisches Team um den Weltmeistertitel mitspielen wird. Die Begründungen dafür - die nicht zwangsläufig falsch sind - klingen ziemlich selbstgefällig: zu unprofessionell, zu schnell werden Spieler nach Europa gebracht statt richtig zu Hause ausgebildet... und dann geben wir noch einen Hauch Esoterik dazu, mixen das beliebte rassistische Bild es faulen, unorganisierten Afrikaners an sich hinzu und fertig ist die Sauce. "Wir" machen das hier alles viel besser - deswegen werden "wir" auch gewinnen.

Ich stimme mit den Beobachtungen insofern überein, dass es in absehbarer Zeit sehr schwierig sein wird für ein afrikanisches Team Weltmeister zu werden (obwohl natürlich alles möglich ist, Griechenland wurde 2004 Europameister und darauf hat keiner gewettet) - aber ich glaube, da liegt mehr dahinter. Die Gründe, warum afrikanische Teams - und generell Teams aus Regionen, die im aktuellen politisch-wirtschaftlichen Weltgefüge systematisch benachteiligt sind - in nächster Zeit nicht Weltmeister werden, sind im Kontext verwurzelt, der weit über Fussball hinausgeht. Solange diese Rahmenbedingungen bleiben, wäre es für ein afrikanisches Team eine um ein Vielfaches grössere und bemerkenswertere Leistung, Weltmeister zu werden, als für ein europäisches Land. Und das umfasst selbst Fussball-Zwerge wie die Schweiz.

Auf den Einwand - aber Brasilien! Aber Südamerika! - werde ich am Ende noch eingehen. Im Hinterkopf behalten.

Bevor ich hier jetzt weiterschreibe, noch ein paar Hinweise: Ich bin keine Fussballexpertin. Ich arbeite beruflich mit komplexen Systemen und politischen Narrativen. Das heisst, dieser Blogeintrag zeigt nicht das "Gesamtbild" und blendet insbesondere fussballerische Besonderheiten aus. Das heisst, es gibt Dinge, die hier nicht auftauchen werden, zum Beispiel der zentrale Einfluss des Trainers, der Vorbereitung, der Taktik etc. - ich denke aber, dass manche davon aus dem Kontext, den ich im Folgenden schildern werde, heraus entstehen. Sie sind damit nicht falsch. Sie entstehen aus dieser Situation heraus, genau wie der Mechanismus, den ich hier beschreibe und sind davon abhängig. Ändert sich der Kontext nicht, werden sich auch die vermeintlichen "Fehler" dieser Mannschaften wiederholen. Denn wenn so unterschiedliche Mannschaften wie Ghana, Kamerun oder Nigeria auf ähliche Art scheitern, kann es nicht an den Fehlern Einzelner liegen.

Ich weise ausserdem noch darauf hin, dass meine Beobachtungen erstmal auf Anekdoten beruhen und es wünschenswert wäre, wenn das unabhängig und vertieft geprüft würde.

Meine Überlegungen keimen in zwei Anekdoten aus der Fernsehberichterstattung der letzten zwei Tage:

1. Weil Honduras (das zwar nicht in Afrika liegt, aber was den hier verhandelten Kontext betrifft durchaus vergleichbar ist) ein Gruppengegner der Schweiz ist, portratierte das Schweizer Fernsehen in einem kurzen Magazinbeitrag letzten Sonntag einen Spieler (ich konnte leider die entsprechende Sendung und seinen Namen gerade nicht finden), der vor zwei Jahren bei einem bewaffneten Raubüberfall schwer verletzt wurde und sich seither zurück auf die Ersatzbank der honduranischen Nationalmannschaft gekämpft hatte. Er sagte, er hätte in Honduras Angst um sein Leben und vor allem um das seines Sohnes und dass dies seine Hoffnung sei: "Ich möchte eine gute WM spielen, mich gut präsentieren und einen Vertrag im Ausland erhalten. Ich will ins Ausland. Meine Familie ist hier in Honduras nicht sicher."

2. Der Ghanaer Alex Tachie-Mensah war am Dienstag Studiogast beim Schweizer Fernsehen, sowohl während des Spiels zwischen dem Iran und Nigeria, als auch während des Spiels von Ghana gegen die USA (wobei ich letzteres selbst nicht gesehen hatte). Vor dem Nigeria-Spiel dämpfte er die Erwartungen an die Mannschaft und bekräftigte sein Urteil auch in der Pause und nach dem Spiel. Er bemängelte: "die sind kein Team. Das sind alles Einzelspieler, die herausragen wollen. Da ist keiner bereit, für das Team zurückzustehen. Diese Bilder [von der nigerianischen Mannschaft, die in einem Kreis zusammensteht] sind nicht echt, sie fühlen das nicht wirklich."

Obwohl das Anekdoten sind, sind es zwei Feststellungen, die man auf diese Art einmal zögerlich verallgemeinern kann:

1. In afrikanischen Mannschaften (und Mannschaften in vergleichbarer Situation) gibt es Spieler, die in der WM ihre einmalige Chance sehen, aus ihrer aktuellen Lage zu entfliehen. Auf ihnen ruhen nicht nur ihre eigenen Hoffnungen, sondern die Hoffnung der gesamten Familie.
2. Afrikanische Mannschaften haben Schwierigkeiten, einen Mannschaftsgeist aufzubauen.

Diese beiden Haltungen sind natürlich voneinander abhängig. Sie verstärken sich gegenseitig. Das zweite folgt aus dem ersten und das erste folgt wiederum aus dem zweiten.

Noch einmal anders formalisiert: Spieler der afrikanischen Mannschaften verfolgen an der WM zwei Ziele, die sich nicht unbedingt miteinander vereinbaren lassen. Diese Ziele sind:

1. Als Team Weltmeister werden. (Oder zumindest so nahe wie möglich an den Weltmeistertitel zu kommen)
2. Individuell glänzen und sich damit einem ausländischen Club empfehlen.

Das zweite Ziel ist für einzelne Spieler - je nach Situation und Mannschaft vielleicht sogar für die Mehrheit der Spieler - existentiell. Die Chance ihres Lebens. (In dieser Hinsicht sind Fussball-WMs den Gladiatorenkämpfen im Geiste vielleicht gar nicht so unähnlich.)

Die ideale Lösung, diese beiden Ziele miteinander zu vereinen, besteht darin, das zweite Ziel dem ersten unterzuordnen. Ein Team aus guten Einzelspielern, das als Team auftritt und die Stärken der einzelnen Spieler ins grosse Ganze einordnet, ist kaum schlagbar. Es sind die Triple-Bayern von 2012/13. Eine Mannschaft aus 23 individuell starken Einzelspielern, von denen auch die Besten jederzeit ausfallen konnten, ohne dass die Mannschaft auseinanderfällt - das Rotationsprinzip erlaubt Erholung für die einzelnen Spieler und eine Unberechenbarkeit für den Gegner und das starke Kader kann auch den Ausfall von sogenannten "Leistungsträgern" mühelos verkraften. (Dazu noch die privilegierten Bedingungen im Bayern-Umfeld, die ich hier ausblende, die das aber natürlich erst möglich gemacht haben.) Selbst mit einem weniger hochkarätigen Kader als die Triple-Bayern - eine Mannschaft, die so funktioniert, als Mannschaft, als Einheit, kann es weit bringen. Auf diese Art, mit viel taktischem Geschick und einer Spur Glück, hat Otto Rehagel die höchst mittelmässigen Griechen zum Europameistertitel geführt.

Über die Zeit kommen auch  individuelle Spieler in dieser Situation zu Glanzmomenten und können sich profilieren. Es ist eine klassische Win-Win-Situation. Es war kein Zufall, dass Frank Ribéry als Fussballer des Jahres 2013 nominiert war, nicht obwohl, sondern weil er sich ins Gesamtgefüge der Bayern integriert hat. Aber - es ist auch kein Zufall, dass er diese Auszeichnung nicht gewonnen hat.

Diesem tollen Bild steht eine weitere Möglichkeit zum Erfolg gegenüber. Wenn 22 Spieler einer Mannschaft sich der Mannschaft und deren Zielen unterordnen (oder 21 oder 20), aber ein einzelner Spieler (oder zwei, vielleicht auch drei) sich darüber hinwegsetzen und ihre individuelle Stärke zeigen und entfalten können, kann es eine Mannschaft ebenso weit bringen. Das sind die Star-Ensembles. Das ist Argentinien unter Maradona, das sind die Argentinier heute mit Messi, das sind die Portugiesen mit der Überfigur Cristiano Ronaldo. Ohne eine solide, noch besser eine sehr gute Mannschaft im Rücken sind diese Spieler nicht viel. Aber wenn... dann ziehen diese individuellen Spieler den Jackpot im Jackpot. Sie gewinnen nicht nur Titel mit ihrem Mannschaften, sie werden auch Fussballer des Jahres. Sie werden zu Legenden.

Diesen Traum träumen viele.

Wenn man nun ein Kader von 23 Spielern hat, von denen jeder - oder die Hälfte, oder nur schon ein Drittel - der Spieler sich selbst für diesen einen Spieler hält, der den Unterschied macht, hat man ein Problem; wenn jeder sich nicht nur insgeheim, sondern auch durchaus selbstbewusst offen für den Messi, den Maradona, den Pele seines Teams hält... und mehrere Möchtegern-Superstars gleichzeitig auf dem Rasen stehen. Sie alle wollen die einmalige Gelegenheit der WM nutzen, ihre individuelle Brillianz zu zeigen, vier, fünf Gegner eigenhändig ausdribbeln und dann die Kugel versenken. Den spektakulären Weitschuss schaffen. Dem grossen Messi den Ball abluchsen und dann selbst auflaufen. Sogar wenn es nominal eine solche Ausnahmefigur innerhalb der Mannschaft bereits gibt - sie bewegen sich in einem harten alles-oder-nichts Umfeld von erfolgshungrigen Konkurrenten, die der Welt zeigen wollen, dass sie selbst eigentlich der wahre, der verkannte Star wären. Kein Wunder zerfällt eine solche Mannschaft sehr schnell. Es gibt Konflikte. Kaum noch jemand stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Immer mehr Spieler verfolgen das zweite Ziel vor dem Ersten. Viel Spass dem Trainer...

Und Tschüss.

Der Vollständigkeit halber gibt noch das Szenario, in dem sich alle Spieler dermassen als Teil der Mannschaft sehen, dass sich keiner mehr für den Erfolg verantwortlich fühlt und niemand mehr bereit ist, diesen Extra-Einsatz zu zeigen, der wirklich gute Teamplayer auszeichnet; wo Team zu "Toll, ein anderer macht's" wird. Aber dieses Szenario ist hier nicht das Thema.

Es gibt ausserdem natürlich Mannschaften, die schlichtweg daran scheitern, dass sie nicht genügend talentierte und erfahrene Spieler aufbieten können. Das ist sicher auch für afrikanische Teams ein Thema - aber die Diskussion, um die es hier geht, hat sich ja gerade deshalb angezettelt, weil man sich einig zu sein scheint, dass es sehr viele talentierte Fussballer in afrikanischen Ländern gibt. Man geht gerade aufgrund dessen davon aus, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein sollte, dass eine dieser Mannschaften Weltmeister wird.

Wie kommt das jetzt alles zusammen? Was haben diese Dynamiken speziell mit afrikanischen Teams zu tun? Ist doch einfach nur die Aufgabe eines guten Coaches, oder? Kommt in den besten Teams und Ligen vor... sollen sich halt zusammenraufen.

Ja. Aber.

Hier kommt der berühmte Kontext ins Spiel.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine afrikanische Mannschaft in die dritte der oben beschriebenen Kategorien fällt, ist wesentlich grösser als bei einer europäischen Mannschaft. Das liegt nicht an irgendwelchen esoterischen Charakterschwächen. Für die Spieler der afrikanischen Mannschaften geht es an einer WM in der Regel schlicht um viel mehr als für die Spieler europäischer Mannschaften. In afrikanischen Mannschaften spielen mehr Spieler um ihre Existenz und um die Existenz ihrer Familien. Damit sind sie auch eher versucht, ihre eigenen Ziele über die Ziele der Mannschaft zu stellen. Sie haben damit mehr zu gewinnen. (Und mehr zu verlieren - aber dafür braucht man schon etwas Reflexion.)

Es ist mir wichtig, hier kurz innezuhalten und zu betonen, dass das nicht für alle afrikanischen Spieler immer zutrifft. Aber es trifft auf sie eher zu, vor allem, wenn sie noch jung sind bzw. auf tendentiell mehr Spieler innerhalb afrikanischer Mannschaft als anderswo. Es geht damit um eine Tendenz -  Ausnahmen sind möglich, aber schwieriger zu erreichen.

Warum spielen sie um ihre Existenz?

In Europa ist Profifussballer zwar für viele junge Männer ein Traum, gerade wenn sie in ärmeren Verhältnissen aufwachsen. Aber dieser Traum ist nur einer von vielen, den sie verfolgen können - es ist eine von vielen (theoretischen) Aufstiegschancen innerhalb unserer Gesellschaft (und sie nehmen gerade drastisch ab, aber das ist ein anderes Thema). Es ist durchaus möglich, diesen Traum eine Weile mit Elan zu verfolgen, aber dann einen anderen Weg einzuschlagen, wenn es mit der Fussballkarriere nicht klappt. Sie haben meistens nach einem gescheiterten Versuch noch nicht allzu viel verloren. In den meisten fussballerisch erfolgreichen europäischen Staaten kommen die Buben schon sehr früh in Ausbildungs- und Clubsysteme hinein, in denen sie sich als Fussballer entwickeln können und die ihnen auch nahelegen, Alternativen zu suchen, wenn es mit der Karriere nicht klappt. Sie werden beraten, sie sind eingebunden, sie sind nahe bei ihren Familien. Sie haben die Chance, schon von Beginn weg in guten Ligen zu spielen und wenn sie es in die Nationalmannschaft geschafft haben, haben sich schon einiges erreicht. Sie wollen sich an einer WM allenfalls noch für den nächsten Karriereschritt empfehlen, aber sie haben es im Grundsatz bereits geschafft. Sonst wären sie nicht im Nationalteam.

Wenn sie an der WM nicht besonders gut spielen, ist das nicht so wahnsinnig tragisch - sie spielen in ihren Clubs auf europäischer Ebene oder in einer guten nationalen Liga immer wieder gegen starke Gegner, wo sich die nächste Chance bietet, sich den Club-Scouts zu empfehlen. Kaum ein europäischer Fussballer spielt an einer WM um seine Existenz. Kaum ein europäischer Fussballer muss in die Augen einer zutiefst enttäuschten Familie schauen, die ihre ganze Hoffnung in den talentierten Sohn gesteckt hat, der ihre Zukunft verbessern soll. Und wenn sie diese Familie zu Hause hatten, dann ist wegen einer verpatzten WM noch nicht allzu viel vertan - sie haben es ja schliesslich bereits im Clubfussball geschafft, sonst wären sie nicht im Aufgebot der Nationalmannschaft. Europäische Spieler können es sich leisten, sich dem Teameffort unterzuordnen, in erster Linie solide zu spielen und dabei vielleicht persönlich nicht allzu sehr herauszustechen.

(Kurze Anmerkung: europäische Teams und "Europa" meint hier in erster Linie Teams, die überhaupt an der WM spielen (können). Teams, die sich qualifiziert haben. Dafür müssen sie die europäische Qualifikation erfolgreich bestritten haben. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit auch hoch, dass europäische Nationalspieler an der WM in einer guten nationalen Liga oder mit ihren Clubs auf europäischer Ebene spielen bzw. Gelegenheit hatten, sich Scouts einer guten Liga zu empfehlen.)

Für afrikanische Spieler hingegen erscheint Fussball vielfach als einer der ganz wenigen Auswege aus der Misere, ja vielleicht der Einzige, vor allem, wenn sie Talent haben. Sie werden vielleicht vor Ort als entdeckt, kommen entweder sehr früh nach Europa, weit weg von ihren Familien und ihre gesamte Existenz wird dem Fussball untergeordnen oder sie spielen in kleinere Ligen, die nie im Blickfeld der Öffentlichkeit sind. Gerade wenn sie aus ärmeren Verhältnissen stammen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Hoffnung einer ganzen Familie oder gar eines ganzen Dorfes auf ihnen ruht. Afrikanische Mannschaften geraten als Nationalteams genau einmal alle vier Jahre ins Blickfeld der Öffentlichkeit, nämlich während der WM. An der WM haben sie nur die drei Spiele der Gruppenphase auf sicher, um sich möglichst gut präsentieren zu können. Von diesem Auftritt hängt dann unter Umständen sehr, sehr viel ab, was die persönliche Zukunft betrifft. Ob sie weiter in einer afrikanischen Regionalliga oder irgendwo in China spielen, ob sie in Qatar das grosse Geld verdienen oder in Europa eine grosse Chance bekommen. Ob sie die Zukunft ihrer Familie sichern können, die Auswanderung oder die Rückkehr ins eigene Land, oder was immer sie sich erträumen.

Es ist das Paradoxe an dieser Situation, dass sie wahrscheinlich mehr Chancen hätten, von Scouts wohlwollend betrachtet zu werden, wenn sie als stützender Pfeiler einer funktionierenden Mannschaft auftreten würden - aber es benötigt schon einiges an persönlicher Reife und Reflexionskraft, diese auch zu bemerken, wenn man plötzlich die Chance sieht, entweder einen guten Pass zu spielen und sich auf die Mitspieler zu verlassen, statt zum effektheischerischen Dribbling anzusetzen. Zumal, wenn immer die "Gefahr" droht, dass der Mitspieler dann das Dribbling macht und die grossen Ah's und Oh's erntet.

Es gibt sie natürlich, die afrikanischen Spieler, die bei grossen europäischen Clubs spielen und damit ähnliche Chancen und ähnliche Möglichkeiten haben wie die Europäer - aber sie sind  nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme im Team. Unter Umständen ruht auf ihnen ruht nicht mehr die Existenz ihrer Familie, die sie schon gesichert haben, aber dafür die Hoffnungen eines ganzen Landes, das sonst kaum im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Man kann diese Geschichten beliebig drehen und wenden. Man kann sie ausschmücken, man kann sie nuancieren - aber die Tatsache bleibt: der Auftritt an einer WM ist für afrikanische Spieler in den allermeisten Fällen viel existentieller als für europäische. Es geht bei ihnen viel eher darum, sich mit einem glänzenden Auftritt die Zukunft zu sichern (oder wenigstens Ruhm und Ehre), oder bei Scheitern in (vielleicht sogar akute) Schwierigkeiten zu geraten. Es geht für die einzelnen Spieler persönlich um mehr als "nur" den WM-Titel für die Mannschaft oder das Land. Sie spielen schlicht und einfach um mehr. Es steht mehr auf dem Spiel.

Für mich ist es unter dieser Perspektive einleuchtend, dass afrikanische Teams praktisch immer mit dem Problem zu kämpfen haben, dass aus einer Gruppe talentierter Einzelspieler kein Team wird und sich die Mannschaft voller Eifer selbst auf die Füsse tritt. Und selbst wenn die Mannschaft 7 oder 8 Spieler auf dem Feld hat, die bereit sind, sich ins Team einzuordnen und sich für das Wohl des Teams zurückzuhalten, um die Chancen für alle zu erhöhen - das macht immer noch 3 oder 4, die mit ihren individuellen Ambitionen alles sabotieren können. Nicht aus Charakterschwäche oder dem von Rassisten gerne unterstellen generellen "Disziplinproblem des Afrikaners" oder gar an "Unreife" (noch so ein rassistischer Stereotyp, diese infantilen nicht-weissen Leute, die eine harte Hand brauchen, weil sie eigentlich wie Kinder sind). Die Verlockung, das persönliche Ziel über das gemeinsame zu stellen, ist einfach gross. Des erhöht auch das Misstrauen gegenüber dem Mitspieler, der in diesem Spiel um Aufmerksamkeit auch ein Konkurrent ist. Damit steigt wiederum die Verlockung noch mehr, nicht für das Team, sondern für sich zu spielen. Ob offen, oder insgeheim. Und da hilft es auch wenig, wenn alle öffentlich den Teamgeist beschwören. Solange alle vereinzelt sind und riskieren, ihre grosse Chance zu verpassen, weil ein Teamkollege sie packt... wird das nichts mit dem Team.

Aber die Ursache dafür, die liegt eben auch - und meiner Ansicht nach wesentlich - darin, dass es um mehr geht. Wie europäische Mannschaften zeigen, reicht es natürlich nicht aus, dafür zu sorgen, dass sich der WM-Auftritt weniger existentiell anfühlt - aber es ist ein wichtiges Element.

Südamerikanische Mannschaften - eigentlich aber bei näherer Betrachtung vor allem Argentinien und Brasilien - haben es besser (und fallen öfters in die zweite Kategorie, der Star-Ensembles, die einen einzelnen Superstar bedienen), obwohl die wirtschaftliche und politische Situation in ihren Ländern auch nicht rosig ist und auch da für viele Spieler der Fussball einer der wenigen Auswege aus der Armut ist. Diese Länder hatten aber den Vorteil, dass sie ihre "Fussball-Kultur" schon zu Zeiten entwickeln konnten, als die afrikanischen Länder noch Kolonien europäischer Nationen waren. Ihre eigenen Ligen sind stark und die Spiele innerhalb des südamerikanischen Fussballverbands hochkarätig genug, dass sich Spieler weniger auf die WM als einziges Schaufenster für ihr Können verlassen müssen. Es bestehen ausserdem Strukturen und Verbindungen zu europäischen Ligen oder traditionell zu einzelnen Clubs, die in dieser Form und in diesem Ausmass für Afrika nicht existieren. Sie können sich auch innerhalb von Brasilien oder Argentinien eine solide Zukunft als Fussballer aufbauen, sie schaffen es eher auch ohne WM-Auftritt nach Europa - und die Nationalteams haben eine genug grosse Auswahl an exzellenten Spielern, die nicht mehr um ihre Existenz spielen müssen. (Trotzdem - interessant, dass südamerikanische Teams auch eher an den Starallüren einzelner Spieler scheitern.)

Afrikanische Mannschaften werden vor diesem Hintergrund erst dann eine echte Chance auf den WM-Titel haben, wenn keine (oder kaum noch) Spieler in ihren Mannschaften an einer WM um ihre Existenz spielen müssen. Wenn sich die Rahmenbedingungen in ihren Ländern - vor allem in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht - für sie so verändern, dass nicht mehr so irrsinnig viel vom Fussball abhängt. Vielleicht sogar erst dann, wenn die Machtverhältnisse in Politik und Wirtschaft es nicht mehr erlauben, die ungemütlichen Nebenwirkungen der aktuellen Systeme still und leise an die Ränder - nach Afrika, Südostasien, Mittelamerika oder den Nahen Osten weitertzureichen wie eine heisse Kartoffel. Klar haben die afrikanischen Verbände Fehler begangen, klar haben sie weniger gute Trainer und eine schlechtere Infrastruktur (was alles auch Folgen und Verstärker der aktuellen Machtverhältnisse sind).D

er Punkt ist - afrikanische Mannschaften müssen unter den heutigen Bedingungen um ein Vielfaches mehr arbeiten, sie müssen noch viel mehr "das Unmögliche möglich machen", damit sie eine Fussball-WM gewinnen können. Auch das ist Kapitalismus.

(Und wenn dieser Beitrag aus irgendwelchem Aberglauben hinaus dazu führen sollte, dass genau jetzt eine afrikanische Mannschaft es allen zeigt - dann: yay!

Ausserdem: Es gibt natürlich noch andere Einschränkungen, die es für ein Team schwierig machen, einen Titel zu gewinnen - z.B. die Grösse des Landes und ein dadurch eingeschränkter "Talentpool" oder halt generell eine mangelnde "Fussballkultur", die auch mangelnde Infrastruktur und Förderung mit sich bringt - das scheint allerdings viel leichter zu überwinden als die Art struktureller und existentieller Schwierigkeiten, mit der afrikanische Länder zu kämpfen haben. Das ist keine Mitleidsmasche. Es geht nicht darum, ein Scheitern schönzureden. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass das Scheitern System hat. Und dass im Übrigen die ganzen "wir fördern Fussball auf der ganzen Welt"-Parolen der Fifa ziemlich hohl sind, wenn man gleichzeitig Fussball weiter kommerzialisiert.)

Noch ein paar ergänzende Inputs:
Dieses Interview mit Urs Siegenthaler geht auch auf die Situation von Fussball in Afrika ein. Anscheinend ist diese "jeder spielt für sich" noch viel tiefer verankert, als ich dachte. Hier das Zitat:

"Wenn Sie nun an Ghana denken, einen Gegner in den Gruppenspielen: Was kommt auf Deutschland zu?
Nordafrika einmal ausgeschlossen, müssen Sie sich schon die Mühe machen und zuerst den Strassenfussball sehen, um den Fussball in Afrika zumindest ein klein wenig zu verstehen. Auf dem Bolzplatz in Afrika greifen Mechanismen, die wir Mitteleuropäer nicht verstehen. Es spielen acht-, neunjährige Kinder, rund um den Platz stehen ältere Leute und wetten. Sie sagen: ‹Der Kleine dort, der schiesst in diesem Match drei Tore. Und der andere, der spielt heute bis um 10  Uhr in der Nacht.› Die jungen Fussballer wissen das natürlich ...

... und müssen den Ansprüchen gerecht werden.

So beginnt bereits in jungen Jahren ihr Überlebenskampf, und so spielen sie dann auch später noch."


Ausserdem erklärte Christian Gross gestern im Studio des Schweizer Fernsehens, warum es logisch sei, dass afrikanische Mannschaften keine guten Goalies hätten. Er sagte (und ich glaube es ihm jetzt einfach mal), dass man in diesen Ländern oft gar nicht auf ein Goal spielen würde und auch keine Goalies hätte. Damit gibt es kaum Kinder, die in diese Rolle hineinwachsen. Und es erklärt bisweilen auch, warum die Spieler dann Probleme haben, das Goal zu treffen. Fand ich auch interessant.

Auf jeden Fall deutet einiges darauf hin, dass es tatsächlich strukturelle Gründe gibt, warum afrikanische Mannschaften an Weltmeisterschaften Schwierigkeiten haben, obwohl Fussball in ihren Heimatländern so wichtig ist.