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"Was uns die ­Ereignisse vom Sommer 1914 lehren, ist, wie schnell alles schlimmer werden kann, wenn Kanäle der Kommunikation nicht mehr offen sind, wenn das Gespräch versiegt und ein Kompromiss unmöglich wird."

Christopher Clark in einem Interview.

Obwohl ich das in dem oben verlinkten Artikel beschriebene Buch The Sleepwalkers (Die Schlafwandler) noch nicht fertig gelesen habe, stimme ich dem Abschlusssatz des Interview bereits uneingeschränkt zu. Ich möchte die Gelegenheit nutzen - auch im Hinblick auf das 100-jährige Gedenken an das Attentat von Sarajevo - das Buch unbedingt zu empfehlen. Christopher Clark arbeitet darin auf eine sehr eindrückliche und sehr nachvollziehbare Art heraus, wie eingeschränkte Perspektiven, persönliche Einschätzungen, Ideologien und unbewusste mentale Modelle (Vorstellungen, wie die Welt aussieht) bei unerschiedlichen Beteiligten unterschiedliche Interpretationen der gleichen Situation hervorrufen und wie ihre Reaktionen wiederum zu Reaktionen der anderen Beteiligten führen.

Es zeigt, wie sich hinter dem Rücken und in den blinden Flecken der Entscheidungsträger eine viel grössere Gefahr für das gesamte System aufbaut, als ihnen bewusst ist. Und wie diese Gefahr dann unerwartet explodiert.

Es zeigt, wie man "denkt, dass der andere denkt, dass man denkt", wie man daraus sein eigenes Verhalten ableitet und wie man daraus im gesamten gesellschaftlichen System, in das man eingebettet ist, unbewusst übergeordnete Dynamiken erzeugt, verstärkt und/oder weiterführt.

Es zeigt, wie unterschiedliche Mitspieler am Tisch unterschiedliche, mehr oder weniger legitime (aber eigentlich immer zumindest nachvollziehbare) Interessen verfolgen - und diese Interessen bisweilen gerade deshalb aus den Augen verlieren, weil sie blind bleiben für den Gesamtkontext. (Man könnte die gleiche Art von Buch auch über die Finanzkrise 2008 schreiben. Wäre sehr spannend, aber noch zu früh.)


Alle Beteiligten haben ihre ureigene Perspektive auf die gleiche Situation. Sie interpretieren sie, sie definieren ihre Ziele, handeln wieder, wie sie es für sich selbst am besten oder nützlichsten finden. Sie haben Überzeugungen, rote Linien, Absichten, Eigenheiten und Interessen - aber es gibt niemanden in dem ganzen Kuchen, der noch einen Überblick hätte, wie sich das gesamte System damit verändert. Es ist eine Chronik von Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen, naiven Handlungen, Überschwang und ganz, ganz, ganz viel Blindheit auf allen Seiten. Alle Beteiligten beurteilen die Situation immer wieder neu aus ihrer Perspektive, werden durch ihre eigenen blinden Flecken getäuscht und nutzen ihre Macht dazu, ihre Sicht durchzusetzen, ohne zu merken, dass sie damit auf ihren eigenen Untergang hinarbeiten.

Es gibt solche, die den Krieg herbeisehnen mit den Bildern heroischer Schlachten aus der Vergangenheit vor Augen. Sie glauben, zu wissen, was Krieg bedeutet, weil sie "schon einmal" dabei waren - ignorieren aber, dass ein Krieg im beginnenden 20. Jahrhundert ein anderer ist als er es noch im ausgehenden 19. Jahrhundert war. Nicht nur, aber auch aufgrund technischer Neuerungen und veränderten Rahmenbedingungen. Es gibt solche, die den Krieg billigend in Kauf nehmen, weil sie die Tragweite unterschätzen und glauben, sie würden ihn dann schon "in den Griff bekommen" oder glauben, er würde sich auf eine kontrollierbare Region beschränken. Es gibt solche, die so von ihrem Tagesgeschäft eingenommen sind, die so dermassen von einer Krise zur nächsten eilen, dass sie immer nur Schritt für Schritt, Tag für Tag handeln - ohne zu bemerken, dass sie sich damit immer weiter in den Morast reiten.

Es ist eines der spannendsten Paradoxe systemischer Betrachtungsweisen, dass sie in der Lage sind, vermeidliche Widersprüche miteinander zu vereinbaren, ohne dass man Kompromisse eingehen muss. Das Buch zeigt exemplarisch, wie ein Ergebnis (in diesem Fall ein fürchterlicher Weltkrieg) "unvermeidlich", fast schon schicksalhaft wird; nicht, weil es eine äussere göttliche Macht so will, sondern weil sich die Handlungen aller Beteiligten auf dieses eine Ergebnis hin zuspitzen. Das geschieht ausserhalb ihrer bewussten Wahrnehmung und auf der Basis von Strukturen, die sie vorher selbst geschaffen haben - allerdings nicht mit der Absicht, einen Weltkrieg zu erzeugen, sondern ironischerweise oft gerade mit der Absicht, den Frieden zu wahren und gleichzeitig das eigene Land voranzubringen.

Das heisst aber auch, dass dieser "unvermeidliche" Krieg keineswegs "alternativlos" gewesen wäre (es gibt immer Alternativen, immer). Er wäre durchaus vermeidbar gewesen - wenn, wie Clark im oben zitierten Schlusssatz des Interview so schön sagt - die Kanäle der Kommunikation offen geblieben und ein Austausch der unterschiedlichen Perspektiven noch möglich gewesen wären. Hätten die einzelnen Beteiligten jeweils voneinander gewusst, hätten sie all die Informationen gehabt, die wir jetzt in diesem Buch bekommen, wäre ihnen womöglich frühzeitig Angst und Bang geworden ob dessen, was sie gerade erzeugen und man hätte mehr dafür getan, die Eskalation zu vermeiden. Der Krieg ist auch deshalb ausgebrochen, weil sich nach und nach ein Klima des Misstrauens aufbauen konnte, das Gespräche über gemeinsame Interessen nicht mehr zugelassen hat und jeder Beteiligte den anderen illegitime, böswillige Absichten vorgeworfen hat. Weil mangelnde Kommunikation dazu geführt hat, dass man die veränderte Dynamik des Systems nicht mehr erkannt hat.

Kommunikation bedeutet in diesem Fall nicht, dass man einfach "mal drüber redet". Es bedeutet auch nicht, dass man seine eigenen Interessen und Perspektiven aufgibt, sodass sich letztlich derjenige durchsetzen kann, der sich am wenigsten um die Interessen der anderen schert oder diese gegeneinander ausspielt. Es geht eben genau darum, dass man durch den Austausch der unterschiedlichen Perspektiven besser einschätzen kann, in welche Richtung man sich als Gesamtheit bewegt, wenn alle so weitermachen und falls die Richtung erschreckend ist, lässt sich auch sehen, wo man am leichtesten umsteuern kann. Das klingt alles sehr theoretisch und idealistisch - wird aber im Buch schon sehr anschaulich klar. Da liest man von Leuten, die Angst haben oder gescheiert sind, aber einen Sündenbock für ihre Probleme gefunden haben. Menschen, die von einem Freund enttäuscht wurden, die ihre Handlungsmöglichkeiten schwinden sehen, die einfach nur eigennützig nach Macht, Einfluss oder Heldentum streben... aber alles Menschen, alle mehr oder weniger isoliert. Menschen, die Annahmen darüber treffen, wie die anderen Beteiligten handeln könnten und ihre eigenen Handlungen an diesen Annahmen ausrichten. Sie sind aber so in ihrer eigenen Sichtweise, ihrer eigenen Welt egfanngen, dass sie nicht sehen, dass sie mit ihren Handlungen unter Umständen das Gegenüber gerade erst recht dazu drängen, sich so zu verhalten wie sie es in ihren schlimmsten Vermutungen schon befürchtet hatten - was wiederum nur die Annahme bestärkt, dass man richtig lag und weiteres Misstrauen sät. Dabei waren auf beiden Seiten bloss die Annahmen falsch.

Das Interview hat mir aber gerade noch ein anderes, ein fundamentales Missverständnis über dieses Buch vor Augen geführt.

Ich war lange verwirrt über die teilweise heftige Kritik an Clarks Buch, als würde er damit wahlweise einen "gefährlichen Tabubruch" begehen oder "eine alte Debatte aufheizen, die bereits in den 60er-Jahren abschliessend geführt wurde" und die "nichts neues" bringt. Das widersprach so ziemlich meiner Wahrnehmung eines Buches, das die unglaubliche Leistung erbringt, die innere Komplexität einer Situation aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und Motivationen, Zufälligkeiten, Missverständnisse und Fehlinterpretationen sichtbar zu machen und wie nebenbei zeigt, wie daraus  ein explosives Umfeld geschaffen wird, das im ersten globalen industrialisierten Krieg mündet. Wie gelungen diese Leistung letztlich ist, kann ich noch nicht sagen, ich bin ja noch nicht durch - aber alleine den Ansatz zu wagen ist lobenswert und alleine der erste Teil über das Chaos im Balkan öffnete mir den Horizont und ermöglichte einen völlig neuen Blick auf diesen Krieg, über den man doch schon alles zu wissen glaubt.

Ich denke, ein Teil meiner Verwirrung über die Kritik lag an meiner privilegierten Perspektive auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und sozialisiert worden, wohne immer noch hier. Die Schweiz war als neutrales Land nicht direkt am Kriegsgeschehen beteiligt, weder im 1. noch im 2. Weltkrieg. Entsprechend war die Schuldfrage für uns nie wirklich zentral. Ja, man hat sie sogar liebend gern ausgeblendet, sonst hätte man sich ja damit befassen müssen, welche teilweise unrühmliche Rolle man selbst in dem Krieg gespielt hat. (Im 2. Weltkrieg noch mehr als im ersten. Aber die Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg ist uns ja dann in den 1990er-Jahren um die Ohren geflogen.)

Wir haben in der Schweiz das Privileg, den Krieg aus einer beobachtenden Perspektive zu betrachten, ohne persönlich emotional involviert zu sein. Keiner meiner Vorfahren ist an der West- oder Ostfront gestorben. Mein letzter Vorfahre, der unmittelbar an einem Krieg beteiligt war, hat meines Wissens in den napoleonischen Kriegen auf Seiten Frankreichs mitgekämpft.

Nach dem Interview kann ich besser nachvollziehen, welche Rolle die Frage nach der Kriegsschuld in den am Krieg beteiligten Nationen spielt. Mir wurde bewusst, welche Geister diese Frage heraufbeschwören kann. Viel wichtiger aber, diese Frage hat mich jetzt erkennen lassen, wo aus meiner Sicht das fundamentale Missverständnis liegt:

Schuld ist ein mehrdeutiger Begriff und es werden verschiedene Bedeutungen implizit miteinander vermischt.

Es gibt Schuld im Sinne von Ursache, Auslöser des Krieges. Dieses Verständnis von Schuld ist aus systemischer Sicht absolut nutzlos. In komplexen Systemen gibt es keine Ursachen in dieser Form. Es ist eine Frage, die sich gar nicht stellen kann. Ursachen und Wirkungen lösen sich in den Systemzusammenhängen auf, bedingen und beeinflussen einander. Das bedeutet, dieses Verständnis von Schuld wird durch das Vorgehen in Clark's Buch in Frage gestellt - und das auch vollkommen zu recht. Ursache und Wirkung sind, sobald man ein Ereignis in seinen grösseren Kontext einbettet, nicht mehr voneinander zu unterscheiden - eine Wirkung kann mehrere Ursachen haben, sie kann weitergetragen werden und wieder auf die ursprüngliche Wirkung zurückfallen. Zwei Ereignisse können voneinander gleichzeitig Wirkung und Ursache sein. Das liegt daran, dass in allen komplexen Systemen Wirkungsketten und Regelkreise entstehen, die man an jeder beliebigen Stelle starten kann. Ich hoffe, das wird weiter unten dann noch anschaulicher, aber Komplexität ist... komplex und lässt sich schlecht in einer linear aufgebauten Sprache ausdrücken.

Schuld und Ursache sind nicht das gleiche - weil die Ursachen für ein politisches Ereignis immer komplex sind und übers System verstreut liegen.

Das heisst aber nicht - und das ist wahrscheinlich die Angst, die zu den heftigen Reaktionen geführt hat - dass es auch keine moralische Schuld am Krieg gibt.

Nehmen wir ein einfacheres Beispiel, um das zu illustrieren.

Mir ist auf meiner Reise in der Mongolei von Taschendieben meine Kamera und Bargeld gestohlen worden. Es ist klar, dass die Schuld an diesem Diebstahl bei den unbekannten Taschendieben liegt. Es ist verboten zu stehlen. Die Kamera und das Geld gehörte ihnen nicht und ich habe ihnen nicht erlaubt, sie zu nehmen - also haben sie sich schuldig gemacht. Kämen sie vor Gericht, würden sie schuldig gesprochen und müssten mir eine Entschädigung bezahlen. Das ist vollkommen klar. Die Regeln in der Mongolei erlauben Diebstahl nicht. Tut man es trotzdem, trägt man die Schuld für die eigene Handlung. Man nimmt damit auch die Konsequenzen in Kauf, die das eigene nicht-regelkonforme Verhalten auslösen.

Betrachten wir in diesem Beispiel aber die Ursachen für den Diebstahl, ist die Situation nicht mehr so klar. Es wäre nicht passiert, wenn ich nicht dort gewesen wäre. Also ist meine Präsenz am Bahnhof von Ulaan Baator eine Ursache für den Diebstahl. Ich war die einzige westliche Touristin im ganzen Zug und auch als solche zu erkennen. Das hat Aufmerksamkeit auf mich gelenkt und war eine weitere Ursache. Ich bin mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches reicher als die Taschendiebe und dies nicht, weil ich es mir irgendwie "verdient" hätte, sondern einfach nur, weil ich das Glück hatte, in der Schweiz geboren worden zu sein. Selbst wenn ich nach Schweizer Verhältnissen alles andere als reich bin. Wahrscheinlich hatten die Diebe die Kamera und das Geld nötiger als ich.  Das ist ein anderer Faktor, der dazu beigetragen haben dürfte, dass ich für sie als Diebstahlopfer in Frage kam. Es könnte sein, dass die Diebe mich bewusst in eine verwirrende Situation gelockt haben, um mich zu bestehlen - oder vielleicht habe ich ihnen bloss die Gelegenheit geboten. Sie hätten mich vielleicht nicht bestohlen, wenn die wirtschaftliche Situation in der Mongolei besser wäre, wenn die Polizeipräsenz am Bahnhof höher gewesen wäre... wenn, wenn, wenn... man kann weitermachen bis in die Absurdität und darüber hinaus. Es wird aber klar, dass sehr viele harte und weiche Faktoren, offensichtliche und verborgene, dazu geführt haben, dass das Ereignis eingetreten ist.

Das bedeutet aber nicht - und das ist der Punkt, wo Ursache und Schuld voneinander unbedingt getrennt werden müssen - dass mich eine Schuld trifft. Ich habe mich (soweit ich weiss) innerhalb der Regeln, die in der Mongolei gelten, korrekt verhalten. In einer ganz anderen Art von Gesellschaft wäre die Handlung der Taschendiebe womöglich kein Diebstahl gewesen. Vielleicht gäbe es in einer anderen Gesellschaft das Recht darauf, sich das zu nehmen, was man benötigt, wenn man es mehr benötigt als die Person, die es hat. Dann würde sich die Schuldfrage umdrehen, dann hätte ich mich nämlich schuldig gemacht, einer Person, die eine Kamera mehr benötigt als ich, ihren rechtmässigen Zugang dazu verweigert zu haben.

Die Ursache für ein Ereignis geht also im System auf und ist immer verteilt - die Schuld entsteht aus dem Urteil, das über das Verhalten der Einzelnen getroffen wird.  Wie das Urteil entsteht und worauf es fusst... ist ein anderes hochkomplexes und volatiles System, über das man noch seitenweise Ausführungen schreiben könnte. Gleichzeitig ist das aber natürlich nicht unabhängig von der Situation selbst - denn das Wissen (oder Vermuten) darüber, wie das Urteil über mein Verhalten aussehen würde, führt ja auch dazu, dass ich mein Verhalten entsprechend anpasse - oder nicht. Und die Tatsache, dass ich etwas in Kauf nehme, beeinflusst wiederum das Urteil.

Ich hoffe, spätestens an der Stelle wird klar, dass moralische Schuld ein höchst prekärer und schwammiger Begriff ist, der in irgendeiner Form in ständiger Verhandlung steht. Jeder und und jede "weiss" irgendwie,was damit gemeint ist. Trotzdem ist es nie klar, nie sicher. Es gibt einen ganzen Philosophiezweig, der sich mit solchen Fragen von Gerechtigkeit, Ethik und Moral befasst und ich begebe mich bereits auf dünnes Eiss, wenn ich sage, dass das Urteil über die moralische Schuld an einem Ereignis immer ein Ergebnis gesellschaftlicher Verhandlungen ist. Diese Verhandlungen werden selbst innerhalb komplexer Strukturen geführt, die ihre eigenen Dynamiken haben.

Diese Schwammigkeit des Begriffs und der prekäre Status der moralischen Schuld ist es wahrscheinlich auch, was dazu führt, dass man gerne Schuld und Ursache zu einer Einheit zusammenführen würde. Könnte man moralische Schuld auf eine einzige, klar definierte und "objektiv feststellbare" Ursache zurückführen, wäre sie "eindeutig". Diese Illusion von Klarheit und Unvermeidbarkeit, die durch das vermischen von Schuld und Ursache entsteht, überdeckt häufig, dass Urteile über moralische Schuld alles andere als objektiv sind und dass da nicht nur "gute" Absichten dahinterstecken, ja, dass diese Urteile oft selbst nur ein Abbild herrschender Machtverhältnisse sind.

Zurück zu Clark's Buch: Nur, weil das Buch aufzeigt, dass die Ursachen, die zum ersten Weltkrieg geführt haben, in einem komplexen Zusammenspiel innerhalb eines komplexen gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen System entstanden sind, wird Deutschland keineswegs von seiner Kriegsschuld freigesprochen.

Genausowenig wie ein Dieb freigesprochen wird, weil er aus wirtschaftlicher Not gehandelt hat, eine schwere Kindheit hatte oder mit dem Diebesgut bloss die medizinische Behandlung seiner krebskranken Frau bezahlen wollte. Schuld entsteht durch persönliches (Nicht-)Verhalten, durch willentliche (oder unwillentliche) Regelverletzung, durch Schaden, den man anderen zum eigenen Vorteil zufügt, und so weiter. (Wie gesagt, darüber könnte man sich bücherweise auslassen und es wird auch gemacht.)

Noch ein anderer, etwas weit hergeholter Vergleich: wenn ich mit einer Nadel in einen Ballon steche und dieser platzt, bin ich natürlich nicht die einzige Ursache, dass er platzt. Ich bin aber womöglich alleine Schuld daran.

Damit der Ballon platzen konnte, musste er mit Luft gefüllt sein. Wäre er nicht aufgeblasen gewesen, hätte die Nadel nichts bewirkt. Sie hätte höchstens in Zukunft verhindert, dass er ausgeblasen werden kann, wenn es mal jemand versucht hätte. Bevor er aufgeblasen werden konnte, musste ihn jemand herstellen. Irgendwo musste die Nadel herkommen. Hätte ich keine Nadel gehabt, hätte ich nicht hineinstechen können. Hätte ich noch länger gewartet, wäre der Ballon vielleicht von alleine geplatzt. Zum Beispiel, weil jemand immer noch neue Luft hereinblässt. Dann wäre diese Person Schuld am Platzen gewesen. Oder jemand anderes hätte eine Nadel genommen und vor mir hineingestochen. Dito.

Das heisst, Schuld am Platzen bin ich zwar - ich habe die Nadel geführt und den Ballon zum Platzen gebracht. Aber die alleinige Ursache bin ich nicht.

Um bei dem Bild zu bleiben - das Buch von Clark beschreibt, wie der Ballon hergestellt wurde. Es schildert, wie Nadeln hergestellt und verteilt wurden; auch, wie Nadelstiche danebengingen, wenig bewirkten oder überklebt wurden. Es schildert, wie der Ballon aufgeblasen wird. Wie unterschiedliche Leute mit Nadeln um den Ballon herumfuchteln... es erklärt auch, wie es dazu gekommen ist, dass ich mit meiner Nadel am nächsten am Ballon dran war und am meisten Motivation oder Überzeugung hatte, hineinzustechen.

Das alles spricht mich nicht von der Schuld frei, mit meiner Nadel den Ballon zerplatzt zu haben. Sogar, wenn man argumentieren könnte, dass jene, die den Ballon aufgeblasen haben, ihn absichtlich an meine Nadel heran geblasen haben - ich hätte ja die Nadel wegdrehen oder zurückziehen können etc.

Jetzt, da ich das alles geschrieben habe, fällt mir auf, dass dieses Vermischen von Ursachen und Schuld generell Schwierigkeiten bereitet.

Das liegt mitunter an einem mechanischen, komplizierten - aber nicht komplexen Denken. Das mechanische Denken sieht Ursachen und Wirkungen als eine lineare, nachverfolgbare, unveränderbare Kette. Die Vorstellung, das Bild dahinter ist, dass Ursachen und Wirkungen eine Kette bilden, die man Wirkung für Wirkung zurückverfolgen kann, bis man die eine, unverrückbare Ursache findet. Diese erste, ursprüngliche Ursache trägt dann die objektiv festgestellte Schuld.

 Wir sehen zwar vielleicht, dass es auch lange Wirkungsketten geben kann - aber sie sehen in dieser Vorstellung aus wie Dominosteine. Fällt der erste Dominostein, fallen alle weiteren auch, bis keine mehr dastehen, die noch umfallen könnten. Sind sie einmal umgefallen, bleiben sie liegen. Ich kann die umgefallenen Dominosteine zurückverfolgen bis zum Hintersten, hinter dem kein weiterer Stein liegt - et voilà, da ist der Schuldige.

Das funktioniert nicht.

Denkt man in einem komplexen Umfeld auf diese Weise, landet man früher oder später bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei. Die Dominosteine stehen in mehreren, teilweise miteinander verbundenen Kreisen, Flächen und Armen - es gibt zwischendrin Steine, die den Impuls in mehrere Richtungen weitergeben und solche, die ihn überhaupt nicht weitergeben. Ausserdem gibt es Steine, die fallende Steine wieder aufrichten und dann diesen aufrichtenden Impuls weitergeben. Liegende Steine bleiben nicht einfach liegen. Und dazu werden auch noch ständig neue Steine hinzugestellt, alte weggenommen, mehrere parallel zueinander gestellt usw. Ausserdem sind es eigentlich nicht Steine, die nur zwei Zustände haben (liegend oder stehend), sondern eher wie Regler an einem Mischpult, aber das wird jetzt schon wieder so komplex, dass die Sprache zu versagen droht.

Das heisst, und darum geht es ja eigentlich - man wird den "ursprünglichen Stein" nicht finden. Es gibt keinen ursprünglichen Stein. Lineare Ursachen sind eine Illusion. Ein reduziertes, bequemes Gedankenmuster, das nur in einem sehr eingeschränkten Anwendungsbereich funktioniert.

Nur, weil lineare Ursachen eine Illusion sind, heisst das aber nicht, dass man sich so aus der Verantwortung für das eigene Handeln stehlen kann. Wir sind keine Dominosteine, die einfach umgestossen werden. Wenn ich jemanden schlage, bin ich schuld an seiner Verletzung. Ich habe sie ihm unmittelbar zugefügt und ich trage erstmal die Verantwortung. Aber dann kommt der Kontext dazu. Hätte ich auch nicht zuschlagen können? War der Schlag Notwehr oder ein Reflex? Hat er mich vorher provoziert? Wurde ich von jemandem anderem aufgehetzt? Gab es ein Missverständnis zwischen uns? War der Schlag eine verhältnismässige Reaktion? etc.

Mit anderen Worten: ich habe eine Tat begangen und diese hatte Folgen. Damit trifft mich potentiell eine Schuld. Die Umstände werden herbeigezogen, um das Gewicht meiner Schuld einzuschätzen, zu verstärken, zu nuancieren oder gar aufzuheben. Das ist keine reine Suche nach der Ursache - sondern eine Frage der Beurteilung. Die Beurteilung ist natürlich abhängig vom Kontext - aber die Beurteilung ist keine automatische Folge aus einer klaren, linearen Kette von Ursachen und Wirkungen. Deswegen werden Urteile häufig und mit Vorteil an unbeteiligte Dritte delegiert. Deswegen werden Urteile oft lange verhandelt. Deswegen werden Regeln und Kriterien geschaffen, nach denen ein Urteil orientiert werden kann und um Transparenz zu schaffen. Deswegen konkurrieren sich oft unterschiedliche Urteile über die gleiche Situation. Deswegen wird über Urteile gestritten und gerungen. Deswegen können Urteile korrigiert und angepasst werden. Deswegen lassen sich Urteile dieser Art auch nicht an Algorithmen delegieren.

Dieser prekäre Status des Urteils bleibt. Es ist immer eine Form menschlichen Ermessens. Dieser Status lässt sich nicht in Eindeutigkeit auflösen, indem man suggeriert, jemand Bestimmtes sei an einem Krieg schuld, weil er ihn eindeutig und unverrückbar alleine verursacht habe. Der Krieg ist in einem Kontext entstanden. So oder so. Immer. Es ist eine wichtige - und hochspannende - Arbeit, diesen Kontext zu erkunden und die Strukturen und Mechanismen freizulegen, die den Nährboden für den Krieg geschaffen haben. Aufzeigen, welche Dynamik dafür gesorgt hat, dass plötzlich viele Beteiligte daran arbeiteten, die Basis für einen Krieg zu schaffen.

Wie das Verhalten der Beteiligten danach beurteilt wird, wer die Schuld trägt oder wieviel davon, ist eine wichtige, aber eine andere Diskussion. Man kann sehr wohl alleine die Schuld an einem Krieg tragen, ohne ihn alleine verursacht zu haben.

Also kurz: Christopher Clark: The Sleepwalkers. (Die Schlafwandler.) Unbedingt lesen. Unbedingt wirken lassen. Und langsam ein Gefühl dafür entwickeln, wie komplexe Strukturen entstehen, wie aus einer engen Perspektive logische, nachvollziehbare Entscheidungen einen Nährboden für einen Krieg schaffen. Ein Gefühl dafür entwickeln, wie sich riesige Risiken und Chancen direkt vor unserer Nase verbergen können, ohne, dass wir sie sehen, weil wir alleine zu blind sind.

Comments

( 1 comment — Leave a comment )
gelbes_gilatier
Jun. 27th, 2014 05:22 pm (UTC)
Ich glaube, ich habs schon mal gesagt, aber da große Problem bei Clark ist, dass er außer Englisch keine einzige Sprache der untersuchten Quellen spricht und demnach seine Quellenanalyse bestenfalls äh... abenteuerlich ist (was dann IMHO tatsächlich das ganze Buch inklusive Schlussfolgerungen infrage stellt). Insofern machen sich sämtliche ernsthaften Militärhistoriker*innen nur über das Buch lustig (und winken ab, wenn man fragt, ob man das besser gelesen haben sollte für historische Seminare über den Ersten Weltkrieg...) und verweisen samt und sonders auf Fritz Fischer, der das Ganze schon 1961 besser gemacht hat... gehypt wird aber natürlich nur der Australier *augenroll
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