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Planlos, aber ich weiss, was ich tue

Vor knapp zwei Jahren habe ich nach einer langen Phase von "Writer's Block" eine weitreichende Entscheidung getroffen, die vielleicht eine der besten war, die ich jemals getroffen habe:

Ich habe beschlossen, meine Texte (die Fiktion - hier hab ich ja immer noch geschrieben) nicht mehr - oder nur noch sehr restriktiv - mit anderen zu teilen und einzig und alleine nur noch für mich selbst zu schreiben.

Diese Entscheidung ist mir damals unheimlich schwer gefallen, weil ich zwar auf der einen Seite den Wunsch in mir gespürt habe (und immer noch spüre), meine Geschichten mit anderen zu teilen - andererseits aber genau dieser Wunsch meine Inspiration ausgetrocknet hat und ich nicht mehr schreiben konnte, sobald ich an irgendeine Form von Publikum dachte und an die Erwartungen, die ich damit zu erfüllen hätte.

Ich hatte keine Ahnung, warum das so war und wie das alles zusammenhing. Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt noch einen kleinen Schreibzirkel, innerhalb dessen wir uns über unsere Texte ausgetauscht hatten - und ich kam Monat für Monat ohne eigenen Text zu unseren Treffen, konnte aber einfach nicht wirklich schlüssig erklären, warum das so war. Ich habe zwar gerne mit den anderen über ihre Texte diskutiert, aber nicht über meine.

Mittlerweile bin ich schlauer.

Wenn ich damals doch einmal etwas mitgebracht hatte, wirkte jede Art von Kommentar irgendwie falsch auf mich - ebenfalls ohne dass ich hätte erklären können, warum. Es war auch egal, ob die Kommentare positiv oder negativ waren - jede Art von Kommentar oder Vorschlag, was ich denn tun könnte gegen meine Schreibhemmung, kam mir vor wie am Thema vorbei. Und auch die Art von Auseinandersetzung mit einem Text, die dort gepflegt wurde, hemmte mich mehr, als dass sie mir half. Ich setze mich zwar gerne mit meinen eigenen Texten auseinander und würde sie auch gerne diskutieren - aber ich wünschte mir immer eine andere Art der Diskussion als dort gepflegt wurde. Frustrierenderweise konnte ich aber weder erklären, warum noch wie eine Diskussion denn aussehen würde, die für mich passen würde. Es war ja nicht so, als wäre ihre Form der Diskussion nicht angebracht in dem Kontext, den sich die Gruppe gesetzt hatte - aber meine Geschichten passten nicht in diesen Kontext und ich schaffte es nicht, mich dort hineinzubegeben, ohne komplett zu verstummen.

Ich habe damals, vielleicht aus purer Verzweiflung die oben genannte Entscheidung getroffen - ich schreibe nur noch für mich, damit ich überhaupt wieder schreiben kann und auch endlich so, wie es für mich stimmt. Wenn ich keinerlei Erwartungen ausser meine eigenen erfüllen muss, dann brauche ich auch keine Hemmungen zu haben, es genau so zu tun, wie ich das will.

Es war schwierig, diese Entscheidung zu verteidigen - einerseits gegen Erwartungen und Vorwürfe von aussen (das ist nicht "richtig schreiben"), aber natürlich auch gegen Erwartungen von mir selbst. Denn ich habe mich ja nicht in diese "ich schreibe nur für mich selbst"-Haltung zurückgezogen, weil ich mein einziges Publikum sein möchte, sondern weil ich meinen kreativen Prozess so lange beschützen wollte, bis mir klar wird, was meine starke Blockade ausgelöst hat.

Der Effekt dieser Entscheidung war überwältigend.

Ich habe in dieser Zeit mehrere hundert Seiten geschrieben (zu 95% auf Englisch, weil meine Fiktion sich scheinbar auf Englisch äussert. Eine andere Sache, die ich irgendwann einfach akzeptiert habe - obwohl dies natürlich noch eine zusätzliche, bisweilen peinliche Fehlerquelle ist). Das wenigste davon würde ich irgendeiner Leserschaft zumuten wollen und falls ich irgendwann doch zur Entscheidung kommen würde, Teile davon zugänglich zu machen, gäbe es noch einige weitere Probleme zu lösen (die ich hier jetzt nicht auch noch ausführen kann).

Dieses Posting hier ist also keine Ankündigung, dass man meine Fiktion bald wird lesen können.

Die erste Begründung, die mir für meine Entscheidung eingefallen war und mit der ich sie so notdürftig verteidigt habe, lautete so: für mich erfüllt Schreiben eine andere Funktion als für andere Autorinnen und Autoren. Oder vielleicht erfüllt es die gleiche Funktion, aber auf eine andere Art.

Für mich ist Schreiben eine Art von sehr indirekter Selbstreflexion. Ich meine damit wirklich den Prozess des Aufschreibens, nicht nur Geschichten zu erfinden und darüber zu reflektieren. Es passiert mir regelmässig, dass etwas in meinem Kopf wie eine tolle Geschichte wirkt, aber völlig auseinanderfällt oder umgekehrt an ungeahnter Tiefe gewinnt, sobald ich versuche, es tatsächlich Szene für Szene aufzuschreiben. Der Prozess des Aufschreibens und des Formulierens hat für mich auch einen Sinn, wenn ich davon ausgehe, dass es nie jemand lesen wird.

Es ist eine Form, in der Dinge, die mich auf verschiedenen Ebenen meiner Persönlichkeit und meines Bewusstseins beschäftigen, ihren Weg nach draussen finden können. Obwohl es Fiktion ist, ist es vielleicht sogar eine verdrehte Art, Tagebuch zu schreiben, weil aufzuschreiben, was ich den ganzen Tag gemacht habe, ja langweilig wäre, wenn man stattdessen Geschichten über fiktive Figuren schreiben kann, denen Dinge passieren, die oberflächlich gesehen mit meinem Leben nichts zu tun haben, nicht wahr... (Könnte ein zusätzlicher Grund sein, warum ich so empfindlich reagiert habe. Über das eigene Tagebuch zu diskutieren ist schon etwas anderes, als über eine Geschichte, die man losgelöster von sich selbst geschrieben hat.)

Die meisten Veränderungen und Entscheidungen in meinem Leben haben sich schon Monate vorher in der Fiktion angekündigt - teilweise mit fast beängstigenden Parallelen, was Struktur angeht - nur, dass ich es meist erst im Rückblick, wenn ich alte Dinge wieder lese, richtig bewusst erkennen kann.

Manchmal passiert das auf eine sehr offensichtliche oder sogar erklärende Art (dieser Eintrag ist tatsächlich auch ein Nebenprodukt eines solchen Schreibprozesses, fusst also in einer fiktiven Geschichte, in der es aber oberflächlich um etwas ganz anderes geht) - und manchmal ist es sehr symbolisch, in Symbolen, die wahrscheinlich meist nur für mich als solche zu erkennen sind. Es kommt auch oft vor, dass die Absicht, die mich antreibt, vor meinem bewussten Ich so verborgen ist, dass ich selbst im Zeitpunkt des Schreibens keine Ahnung habe, warum eine Geschichte jetzt genau so abläuft, wie sie abläuft und warum zur Hölle es mir so derart wichtig ist, dass eine Szene genau so passiert und dass bestimmte Figuren etwas genau so sagen, wie sie es sagen, obwohl das doch irgendwie nicht wirklich zu erklären ist.

Ich habe oft nur ein diffuses Gefühl, dass es einen guten Grund dafür gibt... ohne ihn gleich zu kennen.

Meistens erkenne ich diese Absicht später irgendwann; vielleicht, wenn ich es viel später nochmals lese, wenn ich genauer darüber nachdenke oder die handelnden Figuren innerhalb der Geschichte in ihren Gesprächen darüber diskutieren lasse. (Oder auch, in den Fällen, in denen das geht, mich mit der einzigen Person unterhalte, die Auszüge davon zu Gesicht bekommen hat - oder eher,die ich ab und zu damit volltexte, nachdem irgendeine simple Beobachtung ihrerseits oder ein Kommentar plötzlich eine Erleuchtung nach der anderen auslöst. Das wäre die Art von Gespräch über die Texte, die mir sehr viel bedeuten würden. Mir scheint aber, dass das sehr viel Geduld von einer Leserschaft abverlangen würde, die meinen Ergüssen natürlich nicht annähernd die gleiche Bedeutung zumessen und das gleiche Interesse aufbringen können wie ich, die damit ja in erster Linie eine diffuse Art der Selbstreflexion betreibt. Kurz gesagt, die geneigte Leserschaft müsste sich schon sehr stark für mich interessieren - was ich wohl wiederum eher beunruhigend fände.)

Diese Art des Schreibprozesses führt nicht immer zu sonderlich gut lesbaren oder inspirierten Geschichten - sie fangen oft irgendwo an, wagen sich mal so vorsichtig in eine Richtung, von der ich den Eindruck habe, dass es die Richtung sein könnte, in die es gehen könnte, dann mäandriert sie ein bisschen und irgendwann - vielleicht sofort, vielleicht nach 10 Seiten oder erst nach 150, sehe ich plötzlich, was es eigentlich war, worauf ich schon die ganze Zeit hingearbeitet habe.

Es lässt sich vergleichen mit einem bildenden Künstler, der ohne grosse bewusste Absicht anfängt, etwas zu malen und an einem bestimmten Punkt plötzlich sieht, was es darstellt.

Ich denke mir nie im Voraus einen kompletten Plot aus, den ich dann sorgfältig ausführe und den Leserinnen und Leser auf eine vergnügliche und direkte Art verfolgen können. Es ist Chaos (nicht stilistisch, ich habe da einen sehr konventionellen Stil ohne Experimente - eher eben was den Plot betrifft). Es ist hin und her, es sind Versuche, die ins Leere führen und irgendwann kommt der Punkt, wo ich - entweder beim drüber Nachdenken oder in den Worten einer meiner Figuren - schliesslich bemerke, wie diese ganzen scheinbar losen Elemente zusammenhängen und einen Sinn ergeben.

Ich erkenne plötzlich, warum xy diese eine Entscheidung getroffen hat und nicht die andere, ich weiss plötzlich, warum die Figur, die alle anderen schon die ganze Zeit drangsaliert, das eigentlich tut etc. Ich wusste das vorher selbst nicht. Ich wusste nur, dass sie es tut, aber die Motivation dahinter war mir völlig unklar.

Meine Plots sind unbeabsichtigt sehr oft wie russische Matrjoschkapuppen aufgebaut. Ich schreibe eine Geschichte, die ziemlich gradlinig und ohne viele Konflikte und Umwege auf etwas Bestimmtes zuläuft - und plötzlich kommt der Punkt, wo die oberste Puppe entfernt wird und man merkt: eigentlich ist es ganz anders, wir haben haben die Handlungen der Personen völlig falsch interpretiert. Es ist zwar so passiert, aber es lief aus ganz anderen Gründen so, wie es gelaufen ist.

Dann geht es weiter mit damit - bis der nächste Punkt kommt, an dem es nochmals anders ist.

Ich habe zum Beispiel einmal eine Geschichte geschrieben, in der die Hauptfigur versucht, sich aus einem manipulativen Umfeld zu befreien - und irgendwie scheint ihr das auch auf gradlinige Art zu gelingen. Sie findet immer genau das vor, was sie braucht, erhält genau die Unterstützung, die sie nötig hat usw. Und irgendwann so in der Hälfte dachte ich... schon verdächtig, dass einfach immer alles sofort klappt... und dann habe ich gemerkt, dass jemand anderes ein Interesse daran hat, dass sie sich aus diesem manipulierenden Umfeld befreit und dass diese Person im Hintergrund die Fäden so gezogen hat, dass es ihr gelingt, ohne dass sich dessen bewusst wird. Nun ist sie aber bloss aus einer Manipulation in eine neue hineingeraten und die Frage stellt sich, ob sie sich daraus befreien kann - und wenn ja, ob diesmal niemand dahinter ist, der sie gleich wieder manipuliert.

Hätte ich den ersten Teil einem kritischen Publikum präsentiert, hätten viele davon die Nase gerümpft, bemängelt, dass ich ihr doch nicht alles so leicht machen sollte und dass das so gradlinig viel zu langweilig sei. Und solange ich nicht selbst an dem "aber Moment mal?"-Punkt angelangt bin, wäre diese Kritik nicht spurlos an mir vorbeigegangen und ich hätte mir wahrscheinlich gedacht, dass die Geschichte wirklich zu langweilig ist und ich besser etwas anderes oder noch besser, einfach gar nichts schreibe. Dabei finde ich jetzt im Nachhinein die Geschichte mit der Manipulation, die in der nächsten Manipulation mündet, viel spannender als wenn ich sie einfach noch auf ein paar falsche Fährten und in zusätzlich Missgeschicke geschickt hätte, obwohl man weiss, dass sie es am Ende eh schafft. (Ich habs grad nicht im Kopf, ob sie es wirklich schafft...)

Das faszinierende daran ist, dass mein planloser Plan tatsächlich in den meisten Fällen funktioniert, ohne dass ich am Vorangegangenen gross etwas ändern muss.

Ich muss eigentlich nie in den Geschichten zurückgehen und vorher etwas anpassen, damit sie noch konsistent ist mit dem, was später folgt (ausser ganz kleine Details, die mir im Verlaufe des Schreibprozesses irgendwann entfallen sind und es halt viel herumgeeiere gibt, das den Plot in keinster Weise vorantreibt) - ja, das ist vielleicht der Moment, der mir am allermeisten Spass am Schreiben macht, wenn ich zurückgehen kann und sehe, dass mein neues Aha-Erlebnis, mein "so war das also die ganze Zeit" schon in der Geschichte angelegt ist, ausgebreitet vor mir selbst, und es wirklich die ganze Zeit so war.

Ich habe es nur nicht gesehen.

Eine Geschichte auf diese Art einfach mal anzufangen, ohne eine Erklärung für alles zu haben, fühlt sich manchmal an wie in einem dieser Cartoons, wo jemand vorne am Zug hängt und verzweifelt Schiene um Schiene vor den fahrenden Zug hinpflastert, damit er nicht ins Leere fährt. Ich habe sehr viele Geschichten in meinem Fundus, die ich angefangen habe, zwei Seiten oder zehn oder vielleicht auch fünfzig umfassen, die dann aber nirgends hinführen und die ich wieder aufgebe. (Ein weiteres Problem, das ich bei Gelegenheit noch angehen sollte, ist die Tatsache, dass ich meistens aufhöre zu schreibe, sobald ich den Eindruck habe, ich wüsste ja jetzt, wie sie enden und müsste sie deshalb nicht mehr unbedingt zu Ende schreiben...)

Wenn ich Leserinnen und Leser hätte, die quasi in "Echtzeit" mitlesen würden, wie ich es schreibe, wäre das unglaublich frustrierend, da ständig das Risiko bestünde, dass die Geschichte plötzlich nicht mehr weitergeht - obwohl die Leserschaft selbst ja vielleicht durchaus noch eine Idee gehabt hätte. (Gut, könnte natürlich auch jemand anderes dann zu Ende schreiben, so ist das ja nicht.)

Ich habe mal gelesen, dass z.B. George R.R. Martin wohl auch so ähnlich schreibt, ohne einen grossen Plan zu haben - was man Game of Thrones wohl gelegentlich auch anmerkt...

Diese Vorgehensweise alleine würde damit erstmal noch nicht gegen mich und eine Veröffentlichung sprechen.

Ich schreibe aber auch am liebsten Variationen über die gleiche Geschichten.

Meine mehreren hundert, mittlerweile vielleicht über tausend Seiten, die ich geschrieben habe, erzählen im weitesten Sinne alle die gleiche Geschichte - oder nein, anders. Sie erzählen von den immer gleichen ungefähr eine handvoll Figuren, die in jeder Version eine kaum veränderte Vorgeschichte haben, in unterschiedlichen "aber was wäre, wenn..."-Anlagen. Der Spass liegt für mich daran, zu sehen, welche unterschiedlichen Möglichkeiten sich aus einer Situation entwickeln können, wie sich eine Geschichte verändert, wenn man an einer bestimmten Stelle anders abzweigt, jemanden austauscht oder die Umstände verändert. Von manchen Szenen habe ich über die Jahre sogar mehrere Versionen mit identischer Anlage geschrieben, nur mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen dazwischen, die sie dann in eine andere Richtung geführt haben.

Ich denke, man erkennt die Figuren immer, in jeder Version, denn die Grundanlagen sind immer gleich, die wesentlichen Charaktereigenheiten - dennoch sind sie in jeder Version anders, weil je nach Situation andere Aspekte von ihnen in den Vordergrund geraten.

Mein Antrieb ist dabei nicht, Versionen zu finden, in denen alle scheitern und die Tragik der menschlichen Unzulänglichkeit sichtbar wird, obwohl das literarisch bestimmt wertvoller wäre. Mein Antrieb ist es, herauszufinden, auf welche Art und Weise die Figuren mit diesen Umständen umgehen können, um eine Form des Glücks oder der Zufriedenheit für sich selbst zu finden. Das heisst, ich habe für mich  meine Mission erfühlt, wenn ich ein Happy End sehen kann.

Dieses Ziel ergibt sich daraus, dass es für mich selbst diese sehr indirekte Form der Selbstbeobachtung ist - und mich interessiert nunmal für diesen Zweck viel mehr, wie sich eine Situation zum Positiven entwickeln könnte, als das Gegenteil. Ich leide in meinem Leben nicht wirklich darunter, Risiken nicht zu erkennen - sondern eher, vor lauter Bewusstsein für die Risiken die Chancen zu übersehen oder zu unterschätzen.

Und heute ist mir plötzlich klar geworden, dass meine Art zu schreiben sich zusätzlich am ehesten mit der Improvisation in der Jazzmusik vergleichen lässt.

Oder zumindest mein Antrieb dahinter.

In jeder Form von Jazz gibt es (unterschiedliche) Strukturen oder einen (mitunter groben) Rahmen, die es der Gruppe erlauben, gemeinsam zu improvisieren und neue Musik entstehen zu lassen. Im Idealfall entsteht daraus eine Musik, die in der Ausdrucksweise der Musikerinnen und Musiker jenem Moment entspricht, in dem sie unmittelbar entsteht. Eine musikgewordene Momentaufnahme als Variation über ein bestimmtes Thema, eine Melodie oder einen sogenannten Standard. Es ist etwas, das am Ende über die einzelnen Beteiligten und über das zugrundeliegende Motiv hinausgeht. Es ist etwas, das zwar mit einer bestimmten Absicht angegangen wird, aber ohne zu wissen, was dabei herauskommen wird und mit dem ständigen Risiko zu scheitern.

In gewisser Weise sind meine Texte für mich wie Jazzstandards, die ich mit jeder Version neu spiele - und die immer anders klingen, weil nie zweimal die genau gleichen Leute am genau gleichen Ort in genau gleicher Stimmung zusammenkommen und damit auch nie zwei Versionen genau gleich klingen. Oder auf mich bezogen, weil es in gewisser Weise nie die genau gleiche Autorin ist, die hier schreibt, sondern immer die Version von mir, die dort aktuell war. Was nicht bedeutet, dass es mehrere Versionen von mir gibt, aber dass ich gestern einen Tag jünger war als heute und damit auch die Erlebnisse und Erkenntnisse des heutigen Tages nicht hatte und damit die Geschichten gestern leicht anders wahrnahm als heute etc.

In den Fällen, in denen es mir gelingt, auf diese Weise eine Geschichte entstehen zu lassen, empfinde ich sie auch später noch als berührend und authentisch - in den Fällen, in denen es mir misslingt, zerfällt alles in Dissonanz und ich kann froh sein, dass es kein Publikum gibt, das mitgelesen hat.

Das erklärt aber auch, warum es mir so schwer fällt, vergangene Versionen zu editieren oder zu polieren - und warum ich so übermässig verletzt auf die Kommentare und Vorschläge meiner Kollegen aus dem Schreibzirkel reagiert habe. Meine Geschichten sind Momentaufnahmen, um bei der Jazzanalogie zu bleiben. Es sind uneditierte Liveaufnahmen, keine Studioaufnahmen mit sorgfältig getrennt aufgenommenen Tonspuren, die hinterher einzeln bearbeitet und gesäubert werden.

Das heisst, es gibt viele unkorrigierte Fehler drin, ich wähle haufenweise falsche Wörter und Formulierungen und manchmal schreibe ich seitenlang auf etwas hin oder kreise um irgendetwas herum, ohne es zu finden - nur, um dann alles in einer plötzlichen Erleuchtung zu begreifen und explodieren zu lassen.

Natürlich könnte ich mich danach hinsetzen und die Arbeit eines guten Studioproduzenten machen und daraus eine polierte Version machen - oder nein, stimmt nicht, ich könnte es eben nicht. Ich will das nicht.

Das wird den Geschichten nicht gerecht. Um es etwas melodramatisch auszudrücken, fühlt es sich an, als würde ich damit das töten und elimineren, was die Geschichten für mich im Kern wichtig macht, in all ihrer himmelschreiend ekligen Imperfektion.

Das ist mir bei meiner allerletzten Geschichte sehr deutlich aufgefallen, die wohl auch diesen Eintrag hier mit ausgelöst hat.

Die Geschichte beginnt wie meine üblichen Geschichten in einem relativ realistisch gehaltenen Stil, gleitet unvermittelt nach einer Weile in reinen Porno ab (so etwas hatte ich vorher noch überhaupt nie in der Form geschrieben) und wird ebenso plötzlich zu etwas symbolisch stark aufgeladenem, fast schon märchenhaften. Das bringt wiederum die Figuren dazu, darüber zu reflektieren, was das alles für sie jetzt im Einzelnen eigentlich bedeutet. Ich liefere sozusagen nach der Symbolik gleich noch innerhalb der Figurenkonstellation die Erklärung hinterher, weil ich sie für mich festhalten wollte, ohne eine dumpfe Interpretation darüber zu schreiben.

Das geht ohne bewusste Ankündigung, ohne die einzelnen Teile genau zu trennen und ohne wirklich erkennbare Absicht dahinter einfach so nach und nach von statten.

Die Figuren am Anfang sind zwar in ihrem Kern eigentlich auch schon Märchenfiguren mit einer darunterliegenden klaren Symbolik (das sind sie immer, das ist ihre Funktion in  meinem Selbstreflexionsprozess) - aber die Geschichte ist auf eine Art geschrieben, als würde es sich um eine realistische Erzählung handeln. Bis zu einem gewissen Punkt bleibt sie es auch, nur der Fokus verschiebt sich zusehends, ausserdem fehlt es an Übergängen, die mich zu wenig interessieren.

Ich versuche es zwar irgendwie konsisten zu halten, aber es entgleitet mir immer mehr - bis eben plötzlich der Realismus nur noch Hülle ist, aber kein Kriterium mehr ist, sondern nur noch die Symbolik und die Interpretation zählt. Die Haltung und die Wahrnehmung der Figuren ändert sich, was auch dazu führen kann, dass eine am Anfang als  sehr wortkarg eingeführte Figur plötzlich wie ein Wasserfall spricht oder jemand etwas tut, von dem er vorher alle paar Seiten behauptet hat, das würde er auf keinen Fall jemals wollen.

Wenn man das alles am Stück liest (ich habe es gemacht), passt es inhaltlich auf geradezu erstaunliche Art zusammen (jedenfalls, wenn ich es selbst lese, ich lese ja auch noch Dinge mit, die Aussenstehende nicht wissen können) und es läuft alles auf dieses symbolische Ergebnis zu - aber weder die Figuren noch ich als Autorin wissen unterwegs, weshalb das alles geschieht und sich auf scheinbar so undurchschaubar sprunghafte Art verändert, als wäre ich hingesessen und hätte mir gedacht "heute schreib ich mal Porno, also wird es Porno".

Der Punkt ist, dass ich mir sicher bin, dass ich Geschichte nach allen irgendwie etablierten Regeln und was ich über den Publikationsprozess weiss, unpublizierbar ist. Ich weiss auch, dass mir die meisten Autorinnen und Autoren sagen würden, dass das "bei ersten Versionen halt so ist, dass man noch ausprobiert". Nach meinem Empfinden muss diese Geschichte aber genau so bleiben, wie sie ist, weil mich fasziniert, wie sich darin der Entstehungsprozess abbildet. Dieser Prozess das ist, was mir daran besonders gefällt und was mir daran wirklich wichtig ist. Fast noch wichtiger sogar als die Inhalte selbst - weil ich für mich auch später noch nachvollziehen kann, wie ich von Orientierungslosigkeit zu einer Art von (provisorischem) Verständnis gekommen bin, das sich in der Interpretation am Ende in Worte kristallisiert.

Alleine diese Beschreibung dieser Geschichte ist jetzt übrigens Grund genug, diese spezifische Geschichte niemals aus den Händen zu geben, denn sie liest sich für Aussenstehende entschieden weniger gut und interessant, als sich das oben geschilderte jetzt anhört. (Ich fände es jedenfalls faszinierend, wenn mir jemand sagen würde, er hätte eine Geschichte verfasst, die das alles tut - wenn ich allerdings sehe, was davon an der Oberfläche tatsächlich da ist, dann finde ich das schon entschieden weniger.)

Es ist für jemand, der nicht ich bin, etwas, das man liest und von dem man denkt... komm schon, jetz entscheid dich mal. Aber wenn ich mich jetzt, da ich die ganze Geschichte vor meiner Nase habe, für eine Ton entscheiden würde und das Manuskript brav so überarbeiten würde, dass es entweder Realismus oder Porno oder symbolisch-märchenhaft wäre oder es in eine nicht-fiktive Abhandlung über etwas, das ich erkannt habe umwandeln würde, dann fände ich es langweilig.

Mich freut beim Lesen insbesondere, dass ich im Manuskript die Momente wiederentdecke, in denen mir ein neues Licht aufgegangen ist und wie dieser Impuls danach alles neu arrangiert hat.

Natürlich könnte man jetzt einfach das Manuskript aus Nostalgie behalten und in einer neuen Datei mit der Überarbeitung beginnen - aber das interessiert mich nicht.

Lange Zeit habe ich meine innere Weigerung sowohl gegen umfangreiches Editieren als auch sorgfältiges Vorbereiten und allem, was einem als potentielle Autorin und als Grundlage für eine Chance zur Veröffentlichung auf den Weg gegeben wird, einfach als Unlust und Faulheit meinerseits interpretiert oder es mir als solches auch regelmässig von anderen vorwerfen lassen. Als mangelnden Willen, mich wirklich auf mein Werk einzulassen, wie das von einer Autorin nun mal gefordert wird und das Beste daraus zu machen. Als trotziges Ablehnen dessen, was ein erwiesenermassen guter und richtiger Schreibprozess ist, wenn ich mir jemals Hoffnungen auf ein Publikum machen wollte.

Ich wusste zwar schon, dass der Vorwurf irgendwie nicht stimmen kann, denn ich schreibe ja nun schon seit acht Jahren Variationen über die gleichen Ausgangslagen - würde ich davor zurückschrecken, mich auf einen intensiven Prozess und eine Auseinandersetzung mit meinen Ideen einzulassen, hätte ich damit schon längst aufgehört und nicht über tausend Seiten Material produziert - ich sehe nur keinen Sinn darin, einen bestehenden Text im Nachhinein übers Mass zu verändern und über Wörter, Formulierungen und Inkonsistenzen zu grübeln, die in der Hitze des Augenblicks zwar nicht perfekt, ziemlich holprig, ziemlich klischeehaft und unbedarft sind, aber auch irgendwie  für den Moment stehen, in dem sie entstanden sind und die weiter oben geschilderte Tagebuchfunktion haben.

Mir geht es nicht darum, zu sagen, dass meine Geschichten in dieser Form besser sind als sie es würden, wenn ich mich auf den Überarbeitungsprozess einlassen würde oder dass meine wirren Manuskripe auf irgendeine Weise interessanter wären als die wirren Manuskripte aller anderen Autorinnen und Autoren da draussen. Es ist nur so, dass sie mir nicht mehr das gleiche bedeuten würden.

Das alles sagt im Übrigen wirklich nichts über die Qualität aus und ist auch noch keine Begründung, warum es irgendjemand lesen sollte. Will heissen, ich würde als Urteil darüber alles von "das ist Scheisse", "das gefällt mir nicht", "das funktioniert für mich nicht, weil..." bis zu "joah, ganz nett" und ähnliches akzeptieren, aber nicht "das ist falsch, weil richtig geht es so" oder "ja, gute Ansätze, aber jetzt mach es nochmal richtig" oder "ja, der Schreibprozess fängt halt jetzt erst richtig an".

Ich habe aufgehört, meine Geschichten irgendwem zu zeigen, weil die meisten Reaktionen, die ich darauf bekommen habe, bei mir im Sinne letzterens angekommen sind (selbst wenn sie vielleicht nicht so gemeint waren). Als etwas von "ja, hat Potential, aber arbeite mal richtig daran, du faule Sau".

Jazzmusiker üben, lernen und experimentieren oft jahrelang, bis sie soweit sind, live aufzutreten. Und selbst wenn sie jahrelang üben, sind nicht alle gut genug, um ein Publikum für sich zu begeistern. Ich möchte damit nur sagen, dass mir endlich klar geworden ist, warum ich beim Versuch, ein normales Buch zu schreiben wahrscheinlich mein ganzes Leben scheitern werde - ausser, ich werde irgendeinmal dermassen gut, dass ich es per Zufall in der allerersten Version so sauber hinbekomme, dass ich mir den Überarbeitungsprozess sparen kann und das ist nicht besonders wahrscheinlich.

Es wird aus meiner heutigen Perspektive nie eine fertige, perfekt überarbeite Version irgendeiner meiner Geschichten geben und damit wahrscheinlich auch nie eine Publikation oder auch nur etwas, das für jemanden anderes als mich lesenswert ist. Ich bin in dieser Hinsicht nicht anders als die Jazzmusiker, die Studiotechniker mit ihrer Disziplinlosigkeit zur Verzweiflung getrieben haben, weil sie es nicht geschafft haben, eine Tonspur schön brav immer wieder gleich einzuspielen, bis man den perfekten Take hatte.

Und nochmals, weil der Vorwurf unter Garantie kommt - ich denke das nicht, weil ich mich für dermassen genial halte, dass ich mich für über dem Überarbeitungsprozess stehend halte - sondern es entspricht mir schlicht nicht, das zu tun - weshalb ich auch als Konsequenz nichts publiziere. Ich halte mich nicht für ein geheimes, verstecktes Genie oder so ähnlich, bei dem irgendwann ein Fundus an tollen Geschichten entdeckt wird - ich versuche bloss gerade endlich für mich zu verstehen und darzulegen, warum Schreiben für mich so kolossal wichtig ist, warum ich auch gerne davon erzähle, aber warum ich es trotzdem nicht der Kritik eines Publikums vorlegen kann, das etwas anderes erwartet als ich präsentieren und das mehr verdient hat, als ich liefern kann.

Vielleicht finde ich tatsächlich irgendwann eine Geschichte derart erzählenswert und der Prozess des sorgfältigen Überarbeitens für sie derart bereichernd, dass ich es tun werde - aber bis dieser hypothetische Zeitpunkt eintreten wird, werde ich es gar nicht mehr versuchen.

Amüsant daran ist, dass dies alles nicht nur für das Schreiben gilt, wie mir jetzt aufgefallen ist - sondern dass dies auch eine ziemlich gute Beschreibung dessen ist, wie ich an mein Leben generell herangehe und womit ich ständig anecke.

Ich improvisiere.

Je besser und unterstützender die Strukturen sind, innerhalb derer ich improvisieren kann, desto interessanter und besser ist am Ende das Ergebnis. Aber wenn jemand (inklusive mir selbst) mich zwingen wollte, einen Plan zu machen oder schon am Anfang zu wissen, was am Ende herauskommt oder bloss das Ziel schon zu kennen, wenn ich losmarschiere oder "jetzt endlich mal etwas zu beenden, bevor ich etwas neues anfange", dann blockiert man mich, stresst mich und sorgt effektiv dafür, dass ich mit allergrösster Wahrscheinlichkeit scheitern werde.

Man bekommt mit dieser Art von "mehr Disziplin" keine Ergebnisse von mir. Man bekommt dann gar nichts ausser allseitigen Frusts und treibt mich in Verzweiflung.

Die grössten Pleiten meines Lebens habe ich hingelegt mit Versuchen, solchen Erwartungen dennoch nachzukommen, obwohl sie mir nicht entsprechen. Und viele meiner Erfolge sind nur dadurch entstanden, weil ich mich irgendwann einfach dazu ermächtigt habe, das jetzt auf meine Art zu tun, egal, wie dumm das alle finden, wie unzulänglich ich mich dabei fühle und egal, wieviel dabei unterwegs erstmal in die Hose geht, bevor ich die Lösung dann endlich sehe. Ich habe selten etwas endgültig hingeschmissen, das auf diese Art unterwegs gescheitert ist - aber sehr vieles, das auf die andere Art zu einem Misserfolg deklariert wurde.

Manche Dinge gären in mir seit Jahren, mittlerweile sogar erste Jahrzente in unzähligen halbfertigen und gescheiterten Zwischenschritten - aber ich weiss, dass jeder Schritt davon mich irgendwie weitergebracht hat und dass es durchaus möglich ist, dass ich die Lösung dafür irgendwann sehen werde, vielleicht auch, wenn sie keiner mehr erwartet oder in einem Zusammenhang, der damit auf den ersten Blick längst nichts zu tun hat.

Improvisation heisst nicht, sich kopflos in etwas hineinstürzen, ohne zu wissen, was geschehen wird. Es kann sogar heissen, ein Abenteuer sorgfältig vorzubereiten und anzugehen - einfach ohne den Anspruch zu erheben, zu wissen, was geschehen wird. Es heisst auch, sich bewusst auf etwas einzulassen, das einen bloss aus irgendeinem unerfindlichen Grund reizt oder von dem man spürt, dass es sich lohnen könnte - manchmal ohne zu wissen, warum eigentlich und ohne zu wissen, worauf es hinauslaufen wird. Es heisst, das Risiko auf sich zu nehme, dass es nach ein paar wenigen Schritten schon vorbei ist, ganz anders kommt als man es sich vielleicht insgeheim erhofft hat - oder viel länger dauert und viel mehr Energie und mühsame Schlaufen benötigt, bis man das Ziel erreicht hat, als man gedacht hat. Ja, sogar bis man überhaupt erstmal sieht, was das Ziel eigentlich ist, auf das man schon lange unbewusst hinsteuert.

Mir ist dieses Risiko so viel lieber und mir geben diese Prozesse so viel mehr zurück als ein perfekt aufgegangener Plan mir jemals geben könnte - letzteres würde mich sogar irgendwie enttäuschen, denn das wäre langweiliger als erhofft. Deswegen mache ich es auch so, selbst wenn es ineffizient ist und alle Beteiligten inklusive mir an den Rand des Wahnsinns treiben kann.

Ich verbringe sehr viel Zeit meines Lebens in Zuständen, bei denen ich das Gefühl habe, verloren zu sein, nicht wirklich voranzukommen, mich verirrt zu haben oder verzweifelt im Dunkeln etwas zu suchen, von dem ich nicht weiss, was es ist und wie es aussieht - nur, um dann plötzlich wie im Rausch all die verteilten Puzzleteile, die ich gewälzt habe zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen und etwas zu Ende zu bringen, von dem ich nicht wusste, dass ich es begonnen hatte oder das ich schon längst abgeschrieben hatte.

Wenn ich für meine (berufliche) Arbeit Artikel verfassen muss, ist es meistens so, dass ich bis zwei Stunden vor der Deadline (egal, wie lange die Vorlaufzeit war) herumirre und bei Versuch um Versuch gnadenlos scheitere, weil es einfach zu komplex ist, weil ich mich verheddere, weil ich einfach keinen roten Faden sehe und alles irgendwie nicht zusammenpasst - nur um dann in den letzten verbleibenden eineinhalb Stunden plötzlich etwas in wie besessen einem Rutsch herauszuschreiben, das ich nur noch zweimal kurz durchlesen und auf Grammatik, Orthographie und einige Kleinigkeiten korrigieren muss - weil es ansonsten passt, inklusive rotem Faden und allem, was vorher gefehlt hat.

Es sind die Texte, von denen ich des Öftern die spontane Rückmeldung "perfekt" bekommen habe und für die ich im Nachhinein am meisten Resonnanz erhalten habe. Selbst wenn wir es danach doch noch mehrfach überarbeitet haben, weil solche Artikel eben nicht wie meine Fiktion in meiner Wahrnehmung authentisch sein sollen, sondern ausgefeilte Produkte.

Ja, in diesem Kontext stört mich das herumfeilen ja auch nicht und ich arbeite durchaus gerne weiter daran, aber das ist auch Arbeit, für die ich bezahlt werde.

Mein Chef weiss übrigens mittlerweile darum und setzt mir die Deadlines so, dass wir danach Zeit haben, diese doch noch nicht ganz so perfekte Sache zu editieren und auch, dass im schlimmsten Fall nicht alles ins Wasser fällt, wenn dieser "in letzter Minute alles rausschreiben Flash" mal nicht eintreten würde.

Man muss mich nicht dazu "erziehen" wollen, Artikel schön brav wie alle anderen über mehrere Tage sorgfältig zu entwickeln. Man muss nur die Umstände so setzen, dass ich auf meine gewohnte Art arbeiten kann und dafür sorgen, dass ich damit nicht das gesamte Projekt gefährde. Es ist ja nicht so, dass mein "Last Minute Flash" nur eintritt, wenn es eine wirklich echte, harte Deadline ist - es reicht auch, dass irgendwer da ist und einfach sehr stur und gnadenlos verlangt, dass ich bis genau dann etwas vorzulegen habe, in egal welchem Zustand sich diese Arbeit dann befindet.

Es ist bei Leibe nicht so, als ob diese Art zu leben nicht funktionieren würde, sonst würde es mir schlechter gehen und sonst wären auch die Ergebnisse meiner Arbeit schlechter.

Ich muss nur immer wieder erkennen, dass sie für viele Leute derart ungewohnt und schwer nachvollziehbar ist, dass sie damit nicht umgehen können und dann annehmen, dass ich es ebenfalls nicht kann. Ich ernte fast immer an irgendeinem Punkt Irritation, wenn ich ohne Plan und mit nicht viel mehr als einer dumpfen Intuition in eine Richtung loslaufe und darauf vertraue, dass ich irgendwann dann schon wissen werde, was ich tue und warum.

Ich verliere viel Energie unnötig damit, mich gegen die (natürlich auch über Jahre erheblich internalisierten) Zweifel anderer Leute zu wehren, die sich in aus ihrer Sicht völlig berechtigter Sorge bemüssigt fühlen, mir zu erklären, wie man richtig zu arbeiten hat und dass meine Art falsch ist. Energie, die mir dann fehlt, meine Arbeit tatsächlich zu tun, auch wenn es bis eine halbe Stunde vor Abgabe für alle Beteiligten allen voran mich selbt so aussieht, als würde ich planlos im Chaos herumstochern, in Schockstarre herumstehen und mich von irgendwelchen nutzlosen Details ablenken lassen, ohne etwas zu tun.

Es tut schon - man sieht es nur nicht.

Mir hilft es enorm, wenn mir jemand anderes Deadlines und Richtlinien oder grobe Regeln setzt - also mir erlaubt, Variationen über die immer gleiche Geschichte zu schreiben, statt dass ich am Versuch scheitere, alle möglichen Geschichten gleichzeitig zu schreiben, die ich irgendwie schreiben könnte. Ich brauche niemanden, der mir einen detaillierten Plan macht, den ich abarbeiten kann. Damit sorgt man nur auf sehr effektive Art dafür, dass ich das Ziel garantiert nie erreiche, weil es mich so dermassen langweilt oder im schlimmsten Fall, dass ich den Plan bewusst oder unbewusst sabotieren werde, nur um die ganze Sache wenigstens ein bisschen spannend zu machen. Ich habe es auch nicht nötig, belehrt zu werden, wie man so einen Plan macht.

Ich brauche keinen Plan.

Nur weil die allermeisten Leute ohne Plan nicht arbeiten können, heisst das nicht, dass ich es nicht kann. Das ist nicht gedankenlos von mir. Statt eines Plans brauche ich bloss einen Rahmen und Deadlines. Diese können völlig willkürlich sein - ich schaffe es in den meisten Fällen, eine Deadline einzuhalten - wenn sie länger ist, geht einfach mehr Zeit für nicht wirklich produktive Dinge verloren - auf der anderen Seite kann dieses langsame und scheinbar ziellose herummäandrieren das Resultat am Schluss auf unerwartete Art bereichern, man muss sich halt nur auf eine Strategie einigen und wissen wollen, ob es schnell und gedankenlos oder langsam und mit viel unsichtbarem Unterbau sein soll. Dazu ist es hilreich, wenn ich einige gut verhandelte Richtlinien und Daumenregeln dazu bekomme, an denen ich mich orientieren kann, wenn ich mich zu verzetteln drohe.

Um brauchbare Arbeit innerhalb einer bestimmten Frist abzuliefern, werden diese Dinge mit Vorteil von jemandem anderen gesetzt - ich tue mich damit selbst eher schwer und trödle dann halt einfach, bis mich irgendwer nach dem Ergebnis fragt. (Überspitzt gesagt, brauche ja nur so ca. 2 Stunden dafür, wie wir oben gesehen haben...)

Ich bin vor Kurzem zum Beispiel wochenlang daran gescheitert, eine Powerpointpräsentation über ein komplexes Thema zu erstellen, weil ich so viele unterschiedliche Arten sah, wie man es hätte präsentieren können und was auch noch reinmüsste, dass es überbordet ist, die Zeitlimite überschritten hat und an allem zu viel enthielt - bis der Auftrag kam "maximal 5 Seiten und kein Text, nur Bilder und Grafiken".

Ich hatte die Präsentation nach diesem Auftrag in einer Viertelstunde fertig erstellt.

Ich habe durchaus die Fähigkeit, für nahezu jeden noch so bescheurten Auftrag eine dem Auftrag angemessene Lösung abzuliefern, die alle Anforderungen fast exakt erfüllt - solange man mich nicht zwingt, einen verdammten Plan dafür zu machen und Details zu kennen oder zu definieren, bevor ich angefangen habe.

Mittlerweile kann man mich richtig grantig machen, wenn man mir nicht glaubt, dass das funktioniert.

Ein Aspekt, der mich an dieser Art zu funktionieren immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, wie gut am Ende alles zusammenzupassen scheint - fast als wäre es von Anfang an so geplant gewesen und als hätte ich bloss die ganzen störenden Staubschichten darüber abtragen müssen, um ihn zu erkennen.

Es bin nicht ich, die den Plan macht - sondern die Geschichte (oder das Arbeitsthema oder das Abenteuer oder was immer) macht seinen Plan selbst, ohne mein aktives Zutun. Meine einzige Aufgabe besteht darin, zu suchen und zu graben, bis ich ihn gefunden habe. Oder wohl eher einen der vielen möglichen Pläne, denn ich gehe fest davon aus, dass noch andere Versionen gefunden werden könnten und manchmal mache ich mir ja gerade einen Spass daraus, das zu tun.

Es wirkt dann am Ende oft so, als ob es schon lange unsichtbar vor sich hingegärt und geblubbert hätte, man davon vielleicht ab und zu etwas davon wahrgenommen hat, das einem aber zu dem Zeitpunkt nicht sonderlich nützlich oder sinnvoll erschien - aber wenn man am Ende zurückschaut, erscheint es plötzlich völlig logisch. Dann nämlich, wenn man die Perspektive gefunden hat, nach der die Sache betrachtet werden möchte.