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Letzten Dienstag ist ein Flugzeug von Germanwings in Frankreich abgestürzt. Gestern wurde bekannt, dass die ermittelnde Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht hat. Es ist die Rede davon, dass der Co-Pilot in der Vergangenheit an Depressionen gelitten habe. Und nun überschlagen sich die Medien mit Fragen an Flugsicherheitsleute und Fluggesellschaften, was denn eigentlich getan würde, um das "Risiko psychisch kranker Piloten" zu verringern - exemplarisch hier der Spiegel.

Ich gehe im Folgenden von diesem Status Quo aus - denn mir scheint, als wären meine Überlegungen auch relevant, wenn es im Fall des konkreten Absturzes neue Entwicklungen gäbe und sich letztlich herausstellen würde, dass der Co-Pilot doch nicht schuld ist oder es nichts mit seinem psychischen Zustand zu tun hat. Denn es ist eine Frage, die eigentlich die Flugsicherheit tatsächlich generell betrifft.

Mein Problem ist nämlich nicht so sehr mit den Fluggesellschaften an sich, sondern in den Botschaften, die hier gerade kommuniziert werden.

In den Medienberichten wie dem oben verlinkten im Spiegel wird die Frage anhand einer einzigen Achse diskutiert: wie kann eine Fluggesellschaft psychisch kranke Menschen herausfiltern, bevor sie ans Steuer eines Flugzeugs gelangen? Wie können "solche Menschen" daran gehindert werden, ins Cockpit zu kommen?

Die Diskussion ist dabei sehr stark auf Regeln, auf medizinische Abklärungen, auf Verhindern und Ausgrenzen fokussiert. Im Schweizer Radio wurde ein Flugsicherheitsexperte interviewt, der versichert hat, dass es regelmässige psychologische Checks gäbe, dass eine Fluggesellschaft selbstverständlich niemanden fliegen lassen würde, der "nicht flugfähig" sei, dass Piloten sich gegenseitig überwachen würden, blabla, blubb.

Diese Aussagen sollten bei mir als potentiellen Fluggast wohl Vertrauen schaffen - dass die Fluggesellschaften das "Problem" ernst nähmen, dass man darauf achten würde, dass "solche Menschen" nicht ins Cockpit kämen. Die Botschaft hat etwas von "Unkraut entfernen" - was nicht gerade förderlich ist, wenn man möchte, dass sich das "Unkraut" selbst meldet.

Die für mich entscheidende Frage hat bisher aber noch kein Medium gestellt: (Man darf gerne unten Artikel verlinken, falls ich sie nicht gesehen habe - ich bitte darum, es würde mein Vertrauen in die Menschheit etwas stärken)

Was passiert mit einem Piloten, der aus psychischen Gründen nicht mehr fliegen darf? Wie wird mit ihm umgegangen? Welche Hilfe kann er erwarten? Mit welchen Konsequenzen muss er rechnen? Welche realistischen Perspektiven hat er?

In meinen Augen ist das die einzig sicherheitsrelevante Frage - und es ist nicht eine Frage der Reglementierung. Es ist eine Frage des Vertrauens und der Firmenkultur. Deshalb darf die Antwort auch nicht aus Reglementen, Prozessen und "Programmen" bestehen - ich will wissen, ob ich mich darauf verlassen kann, dass diese Piloten in guten Händen sind und keine Angst haben müssen.
Lautet die Antwort: wir vertrauen ihm, geben ihm alle erdenkliche Hilfe und sorgen dafür, dass er sich um seine berufliche Zukunft vorerst keine Sorgen machen muss - dann vertraue ich dieser Fluggesellschaft. Ich vertraue ihr mehr als allen "professionellen Psychologiescreenings", die jetzt allenthalben gefordert werden.

Lasst mich ein paar Worte über Depressionen verlieren.

Depressionen sind etwas, was man nicht einmal seinen ärgsten Feinden wünscht. Die Dementoren in den Harry-Potter-Romanen sind nach dem Vorbild dieser Krankheit entworfen worden und sie sind nicht umsonst Harrys grösste Angst. Eine von vielen hässlichen Facetten dieser Krankheit ist, dass sie den Betroffenen jede Hoffnung raubt, dass sie ihnen vorgaukelt, dass alles umsonst ist, was sie tun, alles ins Verderben führt. Die einzige Möglichkeit, wie das Leben weitergehen kann, ist entweder das immer gleiche Elend, das sie jetzt schon wahrnehmen - oder noch schlimmer. Jede Hoffnung auf Besserung wirkt hohl und falsch, falls sie überhaupt noch geäussert wird.

Dieser Mechanismus der Krankheit wird leider von den gesellschaftlichen Stigmata noch verstärkt. Einerseits lässt die Krankheit Betroffene eh schon glauben, dass sie alleine sind, es keine Hoffnung gibt und alles immer nur noch schlimmer wird - und die Tatsache, dass sie mit einem offenen Umgang mit der eigenen Erkrankung oft tatsächlich Arbeitsplatz, Partnerschaft, Freundschaften, sozialer Status etc. aufs Spiel setzen, sorgt für eine Art selbsterfüllende Prophezeihung, die der Depression wieder neue Nahrung gibt.

Hart ausgedrückt: Die Art, wie wir als Gesellschaft mit depressiven Menschen umgehen, lässt viel zu viele ihrer düsteren Zerrbilder Wirklichkeit werden. Wir unterstützen viel zu oft die depressiven Gedanken, statt jene, die sie abfedern und abschwächen könnten.

Wendet man das jetzt auf einen (fiktiven) begeisterten Piloten an, der depressiv wird, sieht man, wie explosiv die Mischung sein kann:

Er hat sehr viel Geld, Zeit und Energie investiert, um dahin zu kommen, wo er sich befindet. Er hat einen anspruchsvollen Beruf, der keine Fehler verzeiht. Und nun merkt er, dass die Welt um ihn herum grauer, hoffnungsloser wird. Dass es schwieriger wird, konzentriert zu bleiben, sich aufzuraffen, zu funktionieren. Er weiss (vielleicht, wenn er ehrlich zu sich selbst ist), eigentlich dürfte er nicht mehr fliegen, eigentlich müsste er etwas sagen, etwas dagegen tun. Aber wenn er etwas sagt, dann werden sie ihm die Fluglizenz entziehen. Dann ist die ganze Arbeit, die ganze Energie, die er da hineingesteckt hat, umsonst gewesen. Die Regeln sind klar, "solche Leute" dürfen nicht ins Cockpit. Das heisst... dann wird er seinen Job verlieren... und den Lohn, seine Lebensgrundlage, seine Identität als Pilot. Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit in diesem Zustand... er wird nie wieder eine Arbeit finden, so nutzlos, wie er ist, so ein Versager. Armut... wenn er jetzt nachgibt, landet er in Armut und Verderben, auf der Strasse, in Fetzen, diskreditiert, verlacht!  Die Welt ist dann nicht nur dunkelgrau, wie jetzt... sie wird rabenschwarz und ausweglos!

Also... bloss nichts anmerken lassen, darüber hinwegtäuschen, gute Miene zum schlimmen Spiel machen. Weitermachen. Weiterfliegen. Die Verzweiflung herunterschlucken. Vielleicht Alkohol. Vielleicht Drogen. Lächeln und nicken... Er könnte eigentlich gleich auf der Stelle sterben. Wäre besser für alle. Sagt die Depression.

Ich glaube, es ist leicht ersichtlich, wie so eine Situation gefährlich werden kann. Für ihn selbst... und im schlimmsten Fall für andere.

Das ist vielleicht eine gute Stelle, um anzumerken, dass das kein Grund und erst recht keine Rechtfertigung oder Entschuldigung ist, um sich selbst mitsamt eines Flugzeugs voller Passagiere in den Tod zu stürzen. Die meisten Depressiven machen sowas auch nicht. Ich kann nachvollziehen, wie man in so einen Zustand kommen könnte - aber ich bin genauso sprachlos darüber, dass man so etwas tatsächlich ernsthaft in Betracht zieht und kaltblütig umsetzt.

Die meisten Depressiven brauchen nicht Misstrauen und Ausgrenzung in dieser harten Zeit, sondern Mitgefühl und Hilfe. Dringend. Manchmal ist Depression derart schmerzhaft, dass man alles tun würde, dass es aufhört. Die Leistung, die jemand in dieser Situation nur schon dadurch erbringt, sich selbst am Leben zu erhalten, ist grösser als manche Superheldengeschichte. Nur ist sie still, leise, unbemerkt und niemand klopft einem dafür auf die Schultern, dass man es am Morgen aus dem Bett und sogar noch ins Bad geschafft hat.

Will man sichergehen, dass möglichst keine Piloten fliegen, obwohl sie psychisch angeschlagen sind, braucht es deshalb eine Firmenkultur und Firmenkommunikation, in der es entscheidende Vorteile bringt, wenn man mutig genug ist, frühzeitig einzugestehen: Ich kann gerade nicht. Mir geht es nicht gut. Mir wächst die Aufgabe über den Kopf.

Ja, ihr habt richtig gelesen - Vorteile. Nicht nur keine Nachteile. Vorteile.

Piloten (und andere Menschen in Berufen, in denen das Leben anderer Menschen von ihnen abhängt), die merken, dass ihnen alles über den Kopf wächst, sollten keine Angst vor Konsequenzen haben, wenn sie eingestehen, dass es ihnen nicht gut geht. Sie sollten nicht Angst davor haben, dass sie deswegen den Arbeitsplatz und den Lohn verlieren - selbst wenn sie sich vielleicht damit abfinden müssen, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht ins Cockpit zurück können. Sie dürfen nicht als Versager gelten. Die Depression sorgen schon so dafür, dass sie sich angemessen schlecht fühlen. (Dich angemessen schlecht fühlen zu lassen kann Depression sehr gut.) Eine ihrer stärksten Waffen ist das Mantra "du sollst dich schämen".

Eine Kultur, die Depression entgegenwirkt, sorgt unbedingt und entschieden dafür, dass dieses Mantra keinen Nährboden findet.

Natürlich gäbe es bei einem solchen Arrangement Idioten, die versuchen würden, diese Vorteile auszunutzen, indem sie eine Depression vortäuschen. Aber ernsthaft, wenn sich die Gesellschaft so weit entwickeln würde, dass eine signifikante Anzahl von Piloten mitten im Berufsleben freiwillig hinstehen und sagen würde "ich bin depressiv", obwohl sie es gar nicht sind, wäre das ein Durchbruch. Dann kann man sicher auch offener über Massnahmen entscheiden, die solche Trittbrettfahrer ausbremsen. Wir schleusen an den Flughäfen jährlich Millarden von Flugpassagieren (wenn man Mehrfachflüge mitzählt) durch aufwendige Sicherheitschecks, um die zwei oder drei Terroristen zu finden, die sonst die Flugsicherheit gefährden würden. Da kann man auch Geld locker machen zur Unterstützung von depressiven Piloten, deren Welt gerade zerbrochen ist. Selbst wenn sie nur so tun, als ob, weil sie gerne den Beruf wechseln möchten.

Ich traue einer solchen unterstützenden und schwäche-freundlichen Kultur viel eher zu, die Bedrohung durch psychisch kranke Piloten zu verringern, als restriktive Reglemente und die Androhung flächendeckender Screenings über die psychische Gesundheit. Solche Screenings lassen sich austricksen. Sie lassen sich besonders dann austricksen, wenn der eigene Suizidwunsch schon so weit fortgeschritten ist, dass sich das Blickfeld auf dieses eine Ziel verengt: noch durchhalten, bis die Vorbereitungen durch sind und man den Suizidplan umsetzen kann. Dieser Zustand kann sich paradoxerweise ähnlich anfühlen wie psychische Gesundheit - obwohl er das pure Gegenteil ist.

Das heisst, es wären genau jene Depressiven, die am gefährlichsten sind, die es am ehesten schaffen würden, solche flächendeckenden Screenings auszutricksen. Das Risiko würde nicht nennenswert gesenkt - aber es wäre ein weiterer harter Schlag in die Magengegend für alle, die durch psychische Probleme ohnehin schon geschwächt sind und auch dadurch nicht zu irren Axtmördern werden. Denn die Angst, bei einem Screening "durchzufallen" und die Pilotenlizenz zu verlieren, kann lähmend wirken.

Aber es ist bezeichnend, dass man gerade dennoch lieber über Regeln, Screenings und "solche Menschen ausfindig machen" diskutiert. Es ist anscheinend leichter, eine ausgrenzende Angst- und Kontrollkultur zu fordern, die Sicherheit und Perfektion vorgaukelt - statt eine mitfühlende, fehlerfreundliche Kultur, in der Aussagen wie "ich habe einen Fehler gemacht", "ich habe mich verrannt", "mir wächst alles über den Kopf" nicht nur ernstgenommen werden und willkommen sind, sondern als das anerkannt werden, was sie sind: mutig. EIne solche Kultur kann nicht existieren, wenn sie im Schadensfall nicht nach aussen kommuniziert wird.

Man wird nie alle Tragödien verhindern können, aber drei Dinge helfen bei psychischen Krankheiten gerantiert nicht: Angst, Druck und Scham.