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Dass heute der Tag ist, an dem Marty McFly in der Zukunft ankommt, haben wohl die meisten hier mitbekommen. Ich nehme das mal als Gelegenheit, um ein paar Bemerkungen zu Innovation zu machen.

Erschreckend viele Menschen glauben leider immer noch, dass Innovationen in erster Linie technisch sind - die "innovativen Köpfe" sind nach der dominanten Narrative Ingenieure, Tüftler, Programmierer oder irgendwelche Menschen mit weissen Laborkitteln. Das ist eine enge Sicht, die uns nicht weiterhelfen wird.

Innovationen können ganze Gesellschaften in Bewegung setzen, im Grossen und im Kleinen, im Guten und im Schlechten. Die vielbeschworenen MINT-Fachkräfte sind nur eines von vielen Puzzleteilen für Veränderung. Charles Babbage ohne Ada Lovelace hätte eine Rechenmaschine, keinen Computer erfunden. Die Geschichte des Personal Computers lässt sich nicht ohne die Hippies in San Francisco und ihre antiautoritären Ideen erzählen. Ohne Jules Verne, und die Kriege des frühen 20. Jahrhunderts, gäbe es kaum die Raumfahrt, die wir heute haben.

Viele globale Krisen, die wir heute haben, entstanden gerade dadurch, dass man im Machbarkeitswahn zu eng und kurzfristig gedacht hat. Das sollte nicht ausschliesslich Grund zur Kritik sein, sondern auch zu einer breiteren Sichtweise anregen.

Innovationen entstehen dort, wo Phantasie, Mangel, Bedarf, Kunst, Spielfreude, Pragmatismus, Geschäftssinn und Können zusammentreffen.

"Zurück in die Zukunft" zeigt eine verspielte, komplett überdrehte Version von 2015. Niemand hat ernsthaft geglaubt, dass sie jemals wahr würde. Aber sie macht Spass und hat derart viele Leute fasziniert und inspiriert, dass das Internet heute explodiert mit Referenzen an einen 26 Jahre alten Film. Unzählige Leute arbeiten daran, ein Hoverboard zu bauen und dank Hollywood wissen sie genau, wie es aussehen soll.

Der Wert von "Zurück in die Zukunft" ist nicht, dass es eine Prophezeihung gemacht hat oder dass es den Anspruch hat, in irgendeiner Form "realistisch" zu sein. Es ist gerade plausibel genug, dass es zum Träumen und Experimentieren einlädt.

Und das ist der Punkt, der mir im Moment gerade nach den Wahlen letzten Sonntag ernsthaft Sorgen macht. Es gibt kaum noch Träume dieser Art - was ist das Star Trek, das Zurück in die Zukunft, die Jetsons unserer Zeit? Die irgendwie positiven, vielleicht komplett utopischen oder überdrehten Ideen für eine ferne bessere Zukunft? Sogar Star Wars ist nostalgisch geworden und sieht aus wie vor 35 Jahren...

Die grossen Zukunftserzählungen unserer Zeit sind allesamt Dystopien. Die sind für sich gesehen nützlich, sie ermahnen, was man um jeden Preis verhindern will - es gab ja auch früher 1984 und Brave New World etc. Die späten 60er-Jahre und die frühen 70er, in denen Captain Kirk durchs Universum flog, waren auch die Zeit des Vietnamkriegs, "Limits of Growth" und der Ölkrise. Dystopien sind nötig, aber sie haben heute keinen Gegenpol mehr. Die einzige Zuversicht, zu der man sich noch durchringen kann, liegt darin, nicht hinzusehen, die Ohren zuzuhalten und entweder nicht zu sehr nachzudenken oder auf irgendein Wunder zu hoffen.

Was sagt es über uns aus, wenn wir Zukunft verloren geben?

Positive Zukunftserzählungen müssen nicht technologisch sein - es gibt Erzählungen von postapokalyptischen Gesellschaften, in denen die Menschheit einen Neuanfang inmitten von Ruinen schafft. Star Trek ist ursprünglich weniger ein technisches Wunderland als der Traum einer geeinten Menschheit, die gemeinsam das Weltall erforscht. Das Feld ist weit offen, es muss nicht perfekt sein, um einen Wert zu haben.

Die Frage ist doch - wozu soll man die Welt vor all diesen dystopischen Zukunftsversionen retten, wenn man keine grossen Träume* mehr hat?

Wenn ich jeweils gefragt werde, was man denn am besten tun sollte, um Innovation zu fördern, antworte ich gerne - und nur halb im Scherz: Mehr Science Fiction!

*) Grosse Träume sind natürlich nicht ungefährlich - vor allem, wenn der Traum einer einzigen Person oder einiger Weniger von oben herab 1:1 umgesetzt wird, Widerspruch zwecklos. Die unterschätzte Macht von Science Fiction liegt nicht darin, dass sie ein Masterplan ist für eine bessere Welt, sondern dass sie unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Art inspiriert und daraus Neues erwächst.