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Ich wollte auch noch kurz ein paar Anmerkungen zu den Ereignissen an Silvester in Köln machen. Ich war nicht in der Lage, es strukturierter auszuformulieren.

Eigentlich ist es ja relativ einfach:

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern nur ernst nimmst, wenn es dir gerade in den Kram passt, bist du sexistisch.

Wenn dich das Leid von Vergewaltigungsopfern nur berührt, wenn die Täter "fremdländisch" sind, bist du obendrauf noch xenophob - und falls du weiss bist, rassistisch.

Wenn du das Leid von Vergewaltigungsopfern für deine eigenen politischen Ziele missbrauchst und instrumentalisierst, bist du ein unsensibles Arschloch. Egal, wie "ehrenwert" dein Ziel ist.

Wenn also mehrere Duzend Frauen in Köln vergewaltigt werden, ist das ein Horror, schrecklich und empörend. Punkt.

Wie reagiert man da also auf diesen Vorwurf:

"Warum schreit ihr Gutmenschen-Feministinnen nicht auf, wenn es arabische Täter sind?"

Gegenfragen:

1. Warum schreit ihr Nazis nicht auf, wenn die Täter weiss und einheimisch sind?

2. Warum nutzt ihr das Leid dieser Frauen, um Feministinnen anzugreifen statt eure Stimme und eure Energie dezidiert für die vergewaltigten Frauen einzusetzen?

3. Warum ist es euch so wichtig, dass sich die Feministinnen ausgerechnet gegen diese Täter wenden? Was macht diese Täter anders als jeden anderen Täter, der euch so demonstrativ egal ist?

4. Warum reagiert ihr so zögerlich, wenn die Täter weiss und privilegiert sind oder aussehen wie ihr? Müsstet ihr euch nicht viel mehr empören, wenn "einer von euch" die körperliche Integrität von Frauen verletzt?

Und etwas allgemeiner, warum diese Frage entlarvend ist:

Aus individueller Sicht des Opfers ist es vollkommen egal, wer die Täter waren, das Leid ist so oder so schlimm. Deswegen gilt es da auch nichts zu relativieren oder schönzureden. Die Opfer und ihr Leid müssen im Zentrum der Diskussion stehen, sie brauchen Unterstützung und vor allem Validierung. Sie müssen von uns hören, dass das, was ihnen passiert ist, in keinem Fall und unter keinen Umständen irgendwie zu rechtfertigen ist und die Täter gesucht und zur Rechenschaft gezogen werden. Sie wurden Opfer eines Verbrechens. Punkt.

Aus systemischer, politischer Sicht ist es zusätzlich aber besonders wichtig, dass es einen lauten und dezidierten Aufschrei gibt, wenn Vergewaltigungen durch reiche, privilegierte, mächtige, weisse Männer auffliegen. Also Geschichten wie Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn und mehr. Nicht, weil das Leid, das andere Täter verursachen in irgendeiner Art weniger schlimm ist und diese nicht verfolgt werden müssten oder politisch unwichtig wären - sondern weil privilegierte weisse Männer am meisten Macht und Einfluss haben, am ehesten ungeschoren davonkommen und am schwierigsten wegen Vergewaltigung zu belangen sind. Diese Männer stürzen oft nur wegen Vergewaltigungsgeschichten, wenn jemand anderes mit genügend Macht ein Interesse daran hat, sie auszuschalten.

Diese Männer haben am meisten Einfluss darauf, ob eine Kultur als Ganze Vergewaltigung toleriert oder nicht - im Positiven wie im Negativen. Wenn der CEO einer Grossbank, der Spitzenpolitiker und der weisse Hollywoodstar mit Vergewaltigung davonkommen und gar nicht oder nur milde bestraft werden, ist der gesellschaftliche Schaden viel grösser, als wenn ein Tellerwäscher oder ein Flüchtling davonkommt. Dass letztere davonkommen ist eine Schande und generell ein Zeichen für die systemische Misogynie in unserer Kultur - wenn Mächtige davonkommen, setzt man da noch einen drauf.

Wenn Mächtige ungestraft vergewaltigen können, gibt es kein grundsätzliches Signal, dass Vergewaltigung in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Das Signal ist dann:

"wenn du nicht mächtig genug bist, wirst du wegen Vergewaltigung bestrafst - sonst darfst du."

Nur, wenn Macht diese Täter sie nicht mehr vor den Konsequenzen ihrer Tat schützt, kann sich tatsächlich grundlegend etwas ändern. "Der Fisch stinkt vom Kopf her", wie man so schön sagt - wenn man den Gestank bekämpfen will, muss man dort beginnen, wo er herkommt.

Ich habe den leisen Verdacht, dass die Empörung von Rechts wegen der Vorfälle in Köln neben Xenophobie und Rassismus auch aus dieser Narrative heraus entsteht.

Wenn man Vergewaltigung eigentlich als Privileg von Mächtigen ansieht, ist der Eindruck, dass jemand "ungeschoren davonkommt" auch ein Zeichen von dessen Macht. Das passt einerseits in ihr Schreckgespenst eines unheimlichen, übermächtigen Feindes aus dem Orient, der Europa und seine Kultur vernichten wird. Ein Schreckgespenst, auf dem der Kern ihrer Politik und ihres eigenen Machtanspruchs basiert ("wir sind die einzigen, die etwas tun, um diesen Feind zu bekämpfen!") und das man seit Jahren mit Feuereifer konstruiert, aufbläht und überhöht, um sich selbst daran zu ermächtigen. Und wenn man ganz genau hinschaut, könnte man die Empörung auch so verstehen, dass man empört ist darüber, dass diese garstigen Feministinnen ihnen scheinbar ihr legitimes Privileg bei jeder Gelegenheit streitig machen wollen ("nichtmal mehr in den Auschnitt gucken darf man!") - und scheinbar dem bösen Schreckgespenst nicht. Denn dass man dieses menschenverachtende Privileg grundsätzlich niemandem zugestehen will und Vergewaltigungen grundsätzlich bekämpfen könnte, das kommt in dem Weltbild gar nicht vor.

Leider springen viel zu viele reflexartig auf diese Taktik an...

Da bleibt nicht mehr viel Mitgefühl übrig für die Opfer.

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