?

Log in

No account? Create an account

Previous Entry | Next Entry

Einigermassen selbstgefällig liess Marvel Comics letzte Woche eine Bombe platzen. Steve Rogers, der ursprüngliche Captain America und damit einer der zentralen Superhelden im Marvel Universum, werde in einer neuen Comicreihe als Nazi entlarvt. Die Marvel-PR-Maschinerie erklärte ausserdem, dass es sich dabei keineswegs um einen Traum, eine alternative Realität oder sonst einen Kniff handle - der Comic sei vielmehr sorgfältig so konzipiert worden, dass klar werde, dass der beliebte Superheld "schon immer" Mitglied der Nazi-Organisation Hydra war. All seine Abenteuer aus den letzten 70 Jahren waren damit letztlich Handlungen eines Nazi-Schläferagenten.

Man konnte die schelmische Freude der Verantwortlichen über ihren Coup bei jeder öffentlichen Äusserung und bei jedem Tweet erkennen. Die Provokation war gelungen, die Aufmerksamkeit war da und man konnte genüsslich ernten, was man erzeugt hatte.

Ihnen gegenüber stand eine Masse an schockierten und teilweise tief verletzter Fans, insbesondere jüdischer Fans. Captain America ist eine Propagandafigur, die im 2. Weltkrieg von jüdischen Zeichnern geschaffen wurde, mit dem expliziten Ziel, die amerikanische Faszination mit dem Faschismus zu bekämpfen und ihnen die liberalen Grundwerte entgegenzuhalten, auf denen der amerikanische Traum gründet. Er war also eine explizit anti-faschistische Kampffigur (wenn auch eine liberale, keine linke). Für zahlreiche jüdische Fans war er zusammen mit Superman von DC-Comics ein Hoffungsschimmer in einer antisemitischen Welt.

Für sie war die Marvel-Bombe weit mehr als nur ein "Plottwist". Es war ein aufrichtiger Schock.

Die Reaktion der Marvel-Verantwortlichen zeigt aber, dass ihnen diese Verletzung offensichtlich komplett egal ist - und so wütend es mich macht, ich wollte auf diesen speziellen Aspekt der Geschichte hier noch genauer und allgemeiner eingehen. Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung eines "gelungenen Plottwists" und jener einer tiefen Verletzung. Es ist nämlich auch die Wahrnehmung zwischen einer privilegierten und einer unterdrückten Gruppe oder eine dieser unterschwelligen Machtdemonstrationen, die den Opfern sehr bewusst sind, den Tätern aber nicht unbedingt.

Bevor ich auf das Marvel-Beispiel zurückkomme, noch ein kurzer Exkurs in meine eigene Geschichte. Ich habe vor über 10 Jahren in Genf in einer internationalen Studentenheim-WG gewohnt. Wir waren im ersten Jahr zwei afrikanische muslimische Männer und zwei weisse Schweizerinnen. Wir hatten in dieser Konstellation häufig abends in der Küche Diskussionen über Gott, die Welt und die Politik - es waren die Jahre gleich nach dem 11. September und als der Irakkrieg in der Luft lag. Entsprechend oft drehten sich unsere Gespräche um Religion, Kolonialismus, Rassismus und Sexismus. Es waren die Art von Gespräche, deren Kern mir teilweise erst jetzt richtig klar wird - und es wurde selbstverständlich öfters mal hitzig.

Obwohl wir uns untereinander gut verstanden und abgesehen von den üblichen WG-Reibereien keine grossen Probleme hatten, redeten wir in diesen Gesprächen oft schmerzhaft aneinander vorbei - in einer Art, für die ich damals völlig blind war. Wir befanden uns nämlich sozial auf einer ähnlichen Ebene - aber aus unterschiedlichen Gründen

Meine afrikanischen Mitbewohner litten unter den vielen kleinen, rassistischen Vorfällen, die sie im Alltag immer wieder erlebten und wurden jedes Mal sehr emotional, wenn das Gespräch auf den Kolonialismus und den westlichen Imperialismus kam. Ein Thema, für das meine Mitbewohnerin und mich meist nur halbherziges Verständnis aufbringen konnten - denn die ganze Sache war doch vor 40 Jahren vorbei, oder etwa nicht? Man konnte uns doch nicht ständig mit dieser alten Leier kommen und sowieso... eine Mischung aus Scham und Frust darüber, sich mit etwas herumschlagen zu müssen, das scheinbar aus einer anderen Zeit und einer vergangenen Lebensrealität stammte. Meine Mitbewohner schauten uns dann häufig gequält und frustriert an, weil der Schmerz für sie keineswegs der Vergangenheit angehörte.

Umgekehrt waren meine Mitbewohnerin und ich sehr sensibel auf den Sexismus, mit dem wir ständig konfrontiert waren und auf die schmerzhafte Tatsache, dass die Gleichberechtigung noch keineswegs erreicht ist. Meine Mitbewohner hatten dafür wiederum kein Verständnis und warfen uns vor, wir würden übertreiben und sinnlos jammern, als weisse Frauen ginge es uns doch blendend. Dadurch, dass keine afrikanischen Frauen mit am Tisch sassen, gab es auch niemanden, der beide Arten und mehr erlebt hatte - sie mussten vielmehr für beide Seiten als Strohmänner (oder eher - frauen) hinhalten, um irgendwelche Argumente zu platzieren und die "Gegenseite" zu entlarven.

Eigentlich hätten wir die ideale Voraussetzung gehabt, um zu verstehen, wie unterschiedliche benachteiligte Gruppen auf die gleiche Art ausgeschlossen und gegeneinander ausgespielt werden - wir gehörten schliesslich beide in jeweils einer gegenüberliegenden Dimension zu den privilegierten und in der anderen zu den unterdrückten - aber das Gegenteil war der Fall. Wir spielten die Bedeutung des Aspekts herunter, in dem wir selbst privilegiert waren und warfen der anderen Seite Übersensibilität vor - gleichzeitig fanden wir die eigene Verletzung in dem Bereich, in dem wir selbst unterdrückt waren, überhaupt nicht vernachlässigbar.

Und darum ging es halt - die Verletzung meiner Mitbewohner war (und ist) für mich immer ein stückweit abstrakt und fern. Ich habe noch nie im Leben die Erfahrung gemacht, aufgrund meiner Hautfarbe oder meiner geographischen Herkunft diskriminiert zu werden. Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, in die Trümmer einer Kultur geboren worden zu sein, die brutal und rücksichtslos zerrissen, zerstört und für  minderwertig erklärt wurde. Und so weiter. Egal, wie viel Mitgefühl ich aufbringen kann, wie sehr ich versuche, mich in die Situation meiner damaligen Mitbewohner einzufühlen - ich kann es höchstens erahnen und der Schmerz ist bestenfalls ein Phantom, das ich jederzeit wieder ablegen kann oder ein lästiges Jucken, das einen an die eigene Mitschuld erinnert. Auf der anderen Seite fühle ich sehr genau und aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft es ist, aufgrund des Geschlechts diskriminiert zu werden. Egal, wie sehr ich mich davon distanzieren möchte, das ist ein extrem realer Schmerz, den ich vielleicht ausblenden, aber nicht komplett ignorieren kann.

Die Gruppe, der die Marvel-Entscheidungsträger und der neue Zeichner von Captain America angehört, hat keine Erfahrung mit dieser Art von Schmerz. Für sie ist jeder Schmerz, der durch systematische Unterdrückung und Benachteiligung ausgelöst wird, bestenfalls ein abstraktes Konzept, in das sie sich einfühlen könnten. Das heisst, sie können sich auch völlig unbedarft und ohne Hemmungen mit dem ihnen verfügbaren Kulturgut spielen. Der "Plottwist", dass Captain America die ganze Zeit über ein Nazi war, löst bei ihnen höchsten sein wohliges Gruseln aus - oder ein kleiner, aber erfrischender Schreck, wie wenn beim Duschen plötzlich das warme Wasser versiegt und man von etwas kaltem Wasser getroffen wird. Unangenehm, erschreckend - aber letztlich erfrischend und nichts, das einem lange nachhängt.

Und das ist der Grund, warum mich gerade diese vermeintlich "kleine" Sache im Moment so beschäftigt.

Wenn die Marvel-Leute und die meisten Verteidiger dieses "Plot-Twists" argumentieren, argumentieren sie aus der Perspektive einer Person, die gerade diese unerwartete "kalte Dusche" erhalten hat. Ja, sie kann nachvollziehen, dass eine kalte Dusche für jemanden unangenehm ist - aber bitte, was seid ihr für Sensibelchen? Kalte Duschen haben noch niemandem geschadet - ausserdem sind die doch erfrischend! In ihrer Wahrnehmung haben sie einer alten Comicfigur mit dieser Wendung neuen Schwung gegeben und die Leute mit der kalten Dusche aufgeweckt. Es ist eine Spielerei - und wer es anders sieht, der kann ja nur einen Hang zum Überdramatisieren haben. Warmduscher.

Für die jüdischen Comicfans (und viele andere) war es keine kalte Dusche - der Schmerz, den sie darüber empfinden, ist eher wie ein heftiger Schlag in die Magengegend. Auch nicht tödlich, aber etwas, was nachhängt und wehtut. Die Botschaft, die sie bekommen, ist nicht einfach eine "spannende Wendung, die einer Comicfigur eine neue Richtung gibt" - es ist die Erinnerung daran, dass ihre Identität in unserer Gesellschaft selbst dann prekär ist und bleibt, wenn sie sie selbst eingebracht haben und von dieser Selbstvergewisserung Kraft geschöpft haben. Die Identität kann ihnen jederzeit von jemandem mit mehr Macht entrissen und in ihr Gegenteil verkehrt werden. Es ist, mit anderen Worten, was sie erleben ist eine klare Demonstration der Machtverhältnisse. Ein weiteres Zeichen, dass sie nicht einmal über die eigenen Schöpfungen wirklich die Kontrolle haben, wenn die Herren damit spielen wollen. Eine Figur, die man explizit zum eigenen Schutz gegen eine wortwörtlich lebensbedrohliche Situation erschaffen hat, wird - haha! - umgedeutet als Mittäter, die einem ebenfalls nach dem Leben trachtet.

Eine ungeheure Machtdemonstration, deren sich die Kalte-Dusche-Leute in und ausserhalb von Marvel aber mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht in aller Konsequenz bewusst sind. Es gibt nichts, was man ihnen auf die gleiche Art wegnehmen könnte, weil sie schon alles besitzen und alles kontrollieren, was für sie von Wert ist. Das ist so ernüchternd. Wenn sie nicht bereit sind, sich auch nur ein kleines bisschen darauf einzulassen, sind sie völlig unsensibel dafür, was sie angerichtet hat - und es gibt nichts, was man tun könnte, um es sie fühlen zu lassen. (Nichtmal, wenn der besagte Comic kolossal floppen würde.)

Das heisst, die grundsätzlich unterschiedliche Wahrnehmung bleibt - die kalte Dusche und der Schlag in die Magengegend. Aber es geht noch weiter - wer häufig kalte Duschen bekommt, gewöhnt sich daran, er wird abgehärtet, der Körper passt sich an. Gegen heftige Schläge in die Magengegend gibt es keine Abhärtung. Sie hinterlassen jedes Mal tiefere Verletzungen. Das ist ein weiterer Grund, warum man diese Geschichte nicht einfach ignorieren kann. Was für die einen "nur" ein Comic ist, ist für die anderen identitätsstiftend. Gerade wenn wir auf der mächtigen Seite stehen und eben nicht direkt fühlen können, haben wir eine besondere Verantwortung für unsere eigene Gedankenlosigkeit. Das ist verdammt schwer - aber wäre es nicht, wenn die Machtverhältnisse änderten und das ist ja am Ende das Ziel. Ich habe auch deswegen meine persönliche Erfahrung aufgenommen, weil ich damals daran so komplett gescheitert bin (und auch sonst in vielen Situationen immer noch regelmässig scheitere).

Tags: