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Die "was kann schon schiefgehen?"-Falle

Nachdem ich jetzt ein bisschen Zeit hatte, über Folgen dieser Wahl nachzudenken, wollte ich ein Follow-Up zu meinen letzten Anmerkungen schreiben. Auch dieser Eintrag hier wird nicht allumfassend alles beleuchten, was ich zu diesem Thema zu sagen hätte. Ich versuche mich nicht zu sehr zu verzetteln, was übrigens eine grosse Herausforderung ist.

Ich will mich hier genauer mit dem ersten Punkt auseinandersetzen, den ich in meinem letzten Beitrag aufgeworfen hatte - um die Rolle der weissen* Mittelschicht in diesem politischen Albtraum, in dem wir uns befinden. Nicht nur in den USA, sondern in der gesamten westlichen Welt. (*Die Bedeutung von "weiss" ist dabei je nach nationalem Kontext anders - in der Schweiz ist hierfür nicht allein die Hautfarbe und die religiös-kulturelle Zugehörigkeit entscheidend, sondern die Frage, ob man als "einheimisch" im Gegensatz zu "ausländisch" wahrgenommen wird oder nicht.)

In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass es diese Mittelschicht war, die aus Schmerz über den drohenden Verlust von Privilegien gewählt hat und dass linke und liberale Gegenbewegungen das Ausmass dieses Schmerzes nicht unterschätzen dürfen. Gleichzeitig muss unsere Haltung darin bestehen, dass sie diesen Schmerz aushalten muss - und dass wir uns bewusst werden müssen, in welchen Situationen auch wir diesem Schmerz ausweichen, den wir anderen zu leichtfertig zumuten wollen. Ich werde ausserdem auf die Frage eingehen, warum die Politik und die Medien sich in doppelten Saltos überschlagen um zu sagen, man solle "die Sorgen dieser Leute ernstnehmen", während man die viel berechtigteren und tiefergehenden Sorgen anderer Leute ignoriert.

Als erstes muss ich mich dafür mit einem Phänomen auseinandersetzen, das auf den ersten Blick ein innerer Widerspruch darstellt: Wir stellen fest, dass die weisse Mittelschicht extreme Entscheidungen wie die Wahl von Donald Trump, den Brexit oder die Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz trifft, weil sie Angst hat. Es gibt massenweise Artikel darüber, wie Angst und Sorge dazu geführt hätten, dass man solche extremen und potentiell schädlichen Entscheidungen trifft. Gleichzeitig hört man von ebendiesen Leuten - und auch von vielen Leuten die eigentlich auf "meiner" Seite stehen - "ja, aber so schlimm kanns doch gar nicht werden, oder?" "Schau, bei George W. Bush haben wir auch gedacht, das wäre ein Weltuntergang und wir habens überlebt." Oder es gibt sogar linksradikale Leute, die sich insgeheim über die Wahl von Trump freuen, weil sie glauben, damit würde "das System", das sie ohnehin als korrupt erkannt haben, dann hoffentlich zusammenfallen. Man ist also bereit, sich auf ein erhebliches Risiko einzulassen - von dem man aber überzeugt ist, dass es gar kein so grosses Risiko ist.


Wir haben also auf der einen Seite eine offensichtlich hysterische Angst - und auf der anderen Seite die Überzeugung, dass egal, was man tut, es nie wirklich fundamental schiefgehen kann. Aber wenn man wirklich Angst hat, ist man doch überzeugt, dass es fundamental schiefgehen kann - wie kann man dann gleichzeitig alles auf eine Karte setzen und volles Risiko in einer Entscheidung mit ungewissem Ausgang gehen?

Und hier kommen wir der Sache schon langsam auf die Spur - wir müssen diese beiden Dinge unbedingt zusammen betrachten.

Fangen wir mit diesem Gefühl an, dass doch nichts wirklich fundamental schiefgehen kann. Dieses Gefühl ist der eigentliche Kern dessen, was ich hier immer Privileg genannt habe. Es ist die bis tief im Innern verankerte Erfahrung, die die meisten von uns Weissen hier im Westen im Leben gemacht haben - dass es nämlich insgesamt schon irgendwie gut kommt. Und selbst wenn es schlecht kommt, ist es selten wirklich exitenziell bedrohlich, jedenfalls nicht ausserhalb von Schicksalsschlägen wie tödlichen Krankheiten, die man leicht verdrängen kann, solange sie einen nicht treffen.

Wir sind in einer im Kern heilen Welt aufgewachsen, selbst wenn das Unheil von aussen ab und zu ein bisschen eindringt - aber wir haben ein Dach über dem Kopf, der Bus fährt jeden Tag einigermassen pünktlich, wir können unsere Fahrzeuge jederzeit auftanken, das Wasser kommt aus dem Wasserhahn und der Supermarkt ist voll. Das heisst nicht, dass das Leben angenehm ist oder dass wir keine schlaflosen Nächte haben, weil unsere Perspektiven schlecht aussehen und wir uns darüber Sorgen machen, wie wir das Dach über dem Kopf behalten oder für die Lebensmittel im Supermarkt bezahlen sollen. Aber unabhängig davon - die Welt um uns herum, der Kontext, in dem sich das abspielt, ist stabil. Und dieser Eindruck hat uns geprägt und er hat uns darauf konditioniert, welche grundsätzlichen Erwartungen wir an die Welt haben können.

Wir können nichts dafür, dass die Welt für uns so aussieht - genauso wenig wie jene etwas dafür können, die in einem anderen Umfeld aufgewachsen sind und grundlegend andere Erfahrungen gemacht haben. Unsere Gehirne sind darauf geeicht, Dinge zu automatisieren, die uns "normal" erscheinen und unsere alltägliche Erfahrung definiert, was für uns "normal" ist. Wir müssen uns aktiv darum bemühen, aus dieser Normalitätsblase auszubrechen und uns darauf einlassen, dass sie nicht universell ist. Das heisst auch, viele von uns machen diese Bemühungen nicht.

Das vielleicht anschaulichste Beispiel, das ich in diesem Zusammenhang gerne erzähle, stammt von einer Schweizer Freundin, die mit einem Brasilianer verheiratet ist, den sie in Brasilien kennengelernt hat. Sie war bereits einige Zeit in Brasilien gewesen, bevor sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Sie hat sich in dieser Zeit dort nicht besonders unsicher gefühlt. Als sie danach aber mit ihm unterwegs waren, wies er sie häufig wie nebenbei auf Dinge hin, die um sie herum geschahen, die ihr vorher nicht aufgefallen waren: "Nicht nach hinten schauen, aber der Fahrer drei Wagen hinter uns wird gerade ausgeraubt". Er ging auch einmal auf dem Heimweg plötzlich in eine Bar, weil er bemerkt hatte, dass sie verfolgt wurden und er versuchte, die Verfolger abzuschütteln (sie haben die eigene Haustür dann tatsächlich noch knapp rechtzeitig erreicht, bevor sie eingeholt worden wären, das war also keine Paranoia.) All diese Dinge geschahen wahrscheinlich auch bevor sie ihn kannte in ihrer Umgebung - aber erst, als er dabei war, konnte sie sie sehen.

Man muss aber gar nicht so weit gehen, um diese unterschiedlichen Normalitäten sichtbar zu machen - wenn du diesen Text hier als Mann liest, frag mal ein paar Frauen in deinem Umfeld, was sie alles tun und worauf sie achten, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen. Wenn du eine Frau bist, fragt mal die Männer und sei nicht verwundert, wenn sie dich verwirrt anschauen bei der Frage. Nicht nur das, wenn du ein weisser Mann bist, frag mal einen schwarzen Mann, worauf er achtet, wenn er nachts alleine nach Hause geht. Wenn du eine weisse Frau bist, frag mal nicht-europäisch aussehende Frauen... oder solche, die Kopftuch tragen. Man muss dafür auch nicht einmal persönlich mit Leuten sprechen, wenn man Mühe hat, neue Leute kennenzulernen oder einem persönliche Gespräche schwerfallen - es gibt im Internet unzählige Erfahrungsberichte, die man lesen und auf die man sich einlassen kann.

Ziel dieser Übung is nicht, zu erkennen, dass es eine "Erfahrung als Frau" gibt, die von einer "Erfahrung als Mann" abweicht etc. Vielmehr wird man feststellen, dass die Erfahrung jeder einzelnen Frau leicht anders ist als jene anderer Frauen, genauso wie auch unter Männern - aber dass da doch einige auffällige Muster zu Tage treten, unterschiedliche Lebenswelten definieren.

Das grosse Problem, mit dem wir uns hier nun auseinandersetzen müssen, liegt darin, dass die eigene Erfahrung im Zweifelsfall immer stärker wiegt als alles, was man sich über empathisches Zuhören und analytisches Beobachten angeeignet hat. Denn nur das, was wir selbst erfahren, fühlt sich bis tief ins Innerste hinein real an. Das heisst, das Gefühl "so schlimm kanns doch gar nicht werden" bleibt uns auch erhalten, wenn wir eigentlich wissen, dass es nicht stimmt - und dieses Gefühl kann uns immer dann in die Quere kommen, wenn wir schnell und unüberlegt handeln.

Ich persönlich habe mir deshalb schon lange so eine Art gedanklichen Stolperstein eingebaut, der mich bremst, sobald ich eine Aussage in diese Richtung mache oder meine Gedanken in diese Richtung gehen. Ich halte dann an und frage mich, ob es tatsächlich nicht möglich ist, dass nichts passieren kann - oder ob mir meine Erfahrung einfach nur weissmachen will, dass nichts passieren kann.

Die Gefahr eines solchen Stolpersteins ist es, dass man in Schwarzmalerei verfällt und plötzlich überall nur noch die Horrorszenarien sieht, die sich hinter scheinbar Harmlosem befinden. Ich erinnere mich in solchen Fällen dann immer daran, dass das Potential von Horrorszenarien genauso wenig bedeutet, dass sie eintreten müssen wie umgekehrt die naive Hoffnung. Aber die Tatsache, dass ich dann sowohl die Wunschtraumszenarien und die Horrorszenarien vor mir sehen kann, hilft mir, die Risiken und Nebenwirkungen der einzelnen Szenarien fundierter zu betrachten und vielleicht sogar neue Möglichkeiten zu sehen, die vorher vom einen oder anderen verdeckt waren. Ich habe den Hang, den Horrorszenarien mehr Beachtung zu schenken als den anderen - einfach, weil ich es sinnvoll finde, darauf vorbereitet zu sein - aber man darf das nicht damit verwechseln, dass man überzeugt ist, dass die Horrorszenarien auch entreten werden. Sich mit Horrorszenarien auseinandersetzen, ohne darüber in Panik zu fallen, ist letztlich die grosse Kunst, die ich immer noch zu lernen versuche. (Obwohl ich im Nachhinein irgendwie bereue, dass ich nicht offensiver darauf hingewiesen habe, dass eine Trump-Wahl keineswegs eine Unmöglichkeit ist, die nicht eintreten kann.)

Ein weiterer, richtig hässlicher Aspekt dieser "es kann ja nicht wirklich schiefgehen"-Grundhaltung liegt im Weiteren darin, dass es einem so leicht gemacht wird, den Schaden, den andere durch diese Haltung nehmen, einfach auszublenden und zu ignorieren. Man muss sich dessen schliesslich immer und immer wieder aktiv bewusst werden. Die Grundhaltung ist nämlich eigentlich gar kein "es kann nicht wirklich schiefgehen" sondern ein "es kann für mich nicht wirklich schiefgehen". Und auch wenn das in letzter Konsequenz nicht stimmt, es kann auch für mich richtig schiefgehen - die privilegierte Situation, in der wir uns befinden, sorgt tatsächlich ganz real dafür, dass es zuerst für ganz ganz viele andere Leute auf diesem Planeten richtig schiefgeht, bevor es uns trifft. Und das ist genau der Hintergrund, vor dem sich das aktuelle Drama abspielt.

Diese vielzitierte, vielbeschworene Angst der weissen Mittelschicht, die man "ernstnehmen" sollte, ist im Grunde die Angst davor, dass die Konsequenzen dessen, was man bisher hinter dieser vermeintlich komfortablen Normalität ausgeblendet hat, in unseren eigenen Vorgarten gelangen könnte und auch wir nicht mehr immun davor sind. Dass wir nicht länger so tun können, als könnte für uns nichts schiefgehen. Und das macht uns Angst - vielleicht sogar auf eine Art viel mehr Angst als jenen, die gar nie diesen Komfort hatten, denn wir haben keine Ahnung, wie man in einer Welt überlebt, in der es wirklich schiefgehen kann. Und wie gesagt - wirklich schiefgehen heisst hier, dass die gesamte Normalität, auf die wir uns bisher verlassen haben, zusammenbricht. Weil unsere schöne konsequenzenfreie Normalität also bedroht ist, soll einfach bitte ein starker Mann kommen, der dieses Unheil von uns fernhält - um jeden Preis, soll der Rest der Welt halt brennen.

Und jetzt kann ich auf den nächsten Punkt eingehen, nämlich darauf, warum sich Politiker und Medien darauf stürzen, dass man dieses Sorgen der Mittelschicht "ernstnehmen" sollte, während ihnen die Sorgen jener, die schon immer und viel mehr leiden, offensichtlich egal sind. Vorher muss ich aber noch eine weitere Gruppe von Leuten einführen, die noch viel stärker und tiefer in der Überzeugung leben, dass "nichts wirklich schiefgehen kann" und die auch im Augenblick nur ganz moderat Angst hat:

Weisse, heterosexuelle Cis-Männer, die ihr Vermögen grösstenteils geerbt haben und die sowohl die Macht als auch die Ressourcen haben, um sich vor praktisch allen möglichen Konsequenzen abzuschirmen, egal, was passiert. Männer, die von den Konsequenzen praktisch aller Katastrophen erst dann wirklich getroffen werden, wenn sie als letzte noch übrigbleiben. Das sind erstens jene Menschen, die mit ihrem "was kann schon schiefgehen?"-Verhalten überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass die weisse Mittelschicht sich nun vor Angst in die Hosen machen - und die mit verantwortungsvollerem Verhalten und einer ernsthaften Integration die Gesellschaft sowohl die Macht als auch die Ressourcen hätten, um nicht nur der weissen Mittelschicht ihre Sorgen zu nehmen, sondern auch für jene, die noch unmittelbarere Sorgen haben. Eine solche Integration geht viel weiter als bloss der Slogan, man solle die Reichen stärker besteuern - es geht darum, klar, deutlich und unerbittlich zu definieren, was Verantwortung bedeutet und wie man dafür sorgt, dass sie die Konsequenzen der eigenen Handlungen richtig spüren können.

Aber das ist schwierig. Der Grundsatz, dass es schmerzt, etwas zu verlieren, das man hat, der gilt für diese Leute auch, der ist universell. Das heisst, sie werden sich mit all ihren Mitteln dagegen wehren, dass sie ihre Privilegien verlieren könnten - und sie sind dafür mit so schwindelerregenden Mitteln ausgestattet, dass oft nur ein kurzes Gesicht verziehen ihrerseits ausreicht, um zu bekommen, was sie wollen.

Sie haben nur ein Problem, das ihnen zum Verhängnis werden könnte: sie sind zu wenige. Wenn sich die verängstigte Mittelschicht mit dem verwundbaren und bedrohten Rest zusammentun würde und ihnen ihren Bullshit nicht mehr abkaufen würde, könnte ihnen kein Geld der Welt mehr helfen. Das ist der grundlegende Gedanke der Revolution. Danach würde es aber nicht automatisch besser, wenn die revolutionäre Gemeinschaft keine realistische Vorstellung hat, was danach passieren soll. Das haben Revolutionen der Vergangenheit mehr als genug gezeigt - aber Fakt ist, wenn die Mittelschicht sich mit den verwundbaren und verarmten zusammentut, ist Feuer im Dach.

Die wichtigste, aber auch problematischste Kraft in diesem Szenario ist die Mittelschicht - denn sie hat sowohl genügend Ressourcen als auch immaterielles Ansehen, um den Aufstand riskieren zu können, wenn sie sich mit dem Rest verbündet - Ressourcen und Privilegien, die dem Rest alleine fehlen. Ein solcher Aufstand muss nicht einmal gewalttätig sein - nur schon, wenn sie sich entschliessen würde, mit ihren eingeschränkten Mitteln konsequent dem Rest zu helfen und alternative, zivilgesellschaftliche Unterstützungsstrukturen aufzubauen, könnte sie eine erhebliche Veränderungsdynamik erzeugen und die geltenden Machtverhältnisse ins Wanken bringen. Alleine dadurch, dass man sich konsequent dagegen wehren würde, in seinen eigenen Sorgen isoliert und sich gegen die Sorgen anderer ausspielen zu lassen, könnte man einen erheblichen Teil der herrschenden Machtverhältnisse brechen. Das ist die wahre Bedeutung von Solidarität.

Das heisst, die Herren der Welt haben in der heutigen politischen Konstellation eine einzige Sorge, die sie aus Eigeninteresse ernstnehmen müssen: jene einer unzufriedenen Mittelschicht. Eine unzufriedene Mittelschicht, die ausreichend strukturelle Macht hätte, ihre Herrschaft zu bedrohen oder zu unterwandern. Die Sorgen aller anderen kann sie hingegen getrost ignorieren, denn solange die Mittelschicht sich nicht mit ihnen solidarisiert, haben die herrschenden Strukturen schon dafür gesorgt, dass ihnen die Mittel und die Energie fehlen, um sich aufzulehnen.

Nun hat die Mittelschicht also eigentlich die Wahl - sie könnte selbst die Macht ergreifen, indem sie sich konsequent mit dem Rest zusammentut (was im Übrigen für den Rest bisher nicht unbedingt nur positive Folgen hatte, wenn man die Revolutionsgeschichte studiert - nicht zuletzt, weil die davor herrschende Schicht Mittel und Wege hat, sich auch in diesem Szenario zurück an die Macht zu schleichen) oder sie kann sich unter dem Mantel der privilegierten Herrscher verstecken, gegen ein paar beruhigende Brotkrumen die Drecksarbeit leisten und ihre Wut darüber am Rest auslassen, der sich alleine ohnehin nicht wehren kann. Das Ganze mit einem Versprechen, das zu halten dumm wäre: nämlich dass die Mittelschicht, wenn sie sich brav an diese Vorgaben hält, die Chance hat, zur Herrschaft aufzusteigen*. Würden die Herren der Welt dieses Versprechen halten, würden sie ihren eigenen Status verlieren - und Verluste sind schmerzhaft, das würden sie nicht zulassen. Das Konzept ist so alt wie die politische Strategie, es nennt sich "Teile und Herrsche."

Dieses Muster gilt übrigens generell und lässt sich auf andere Reibungspunkte übertragen. So verspricht die patriarchale Herrschaft verunsicherten weissen Männern und teilweise auch weissen Frauen, dass man ihnen vielleicht die Chance geben würde, aufzusteigen, wenn sie brav alle anderen draussenhalten. Es ist das Versprechen, das man gerade weissen schwulen cis-Männern macht, um sie gegen alle anderen marginalisierten Gruppen zu stellen. Das Versprechen kann auch schwarzen Männern gemacht werden. Aber der Clou ist immer, dass man einen etwas privilegierteren Teil innerhalb einer unterprivilegierten Gruppe isoliert, ihnen verspricht, zur privilegierten Elite aufzusteigen, wenn sie brav die Drecksarbeit macht - und ihnen dann die Illusion gibt, sie hätten dieses Ziel erreicht (Zuckerbrot), könnten es aber jeden Moment wieder verlieren (Peitsche). Diese Illusion, "es fast geschafft" zu haben, ist gleichzeitig der stärkste Indikator dafür, dass es sich um eine viel prekärere Lage handelt, als man glaubt.

Für diese "besorgten Bürger" erscheint nun die relative Sicherheit unter diesem warmen Mantel starker Herrscher attraktiver als die Revolte mit ungewissem Ausgang - denn beim einen "weiss man, was man bekommt" (und den grossen Schaden haben andere) und beim anderen weiss man gar nichts. Wenn man also davon spricht, man sollte doch "die Sorgen der besorgten Bürger" ernstnehmen, dann meinen die meisten Kommentatoren im Grunde nur "man soll die Sorgen der besorgten Bürger gegen jemanden anderes kanalisieren und dafür sorgen, dass das Zuckerbrot etwas mehr Zucker enthält".

Eine linke, oder einfach nur eine ernsthaft humanitäre liberale Politik, die die Würde jedes Menschen ernst nimmt, muss der Mittelschicht in diesem Umfeld das revolutionäre Szenario schmackhaft machen können - das wäre eine andere Interpretation dieses Auspruchs man solle "die Sorgen ernstnehmen". Sie muss ihr eine attraktive Alternative aufzeigen, wie eine menschliche Gemeinschaft, in der wir gemeinsam leben, aussehen könnte und was wir alle davon zu gewinnen hätten - welche Welt man gestalten könnte, wenn man Macht kreativ einsetzen könnte.

Ich bin leider keine besonders talentierte Utopistin und erst recht keine überzeugende Revolutionärin, dazu denke ich viel zu abstrakt - aber ich hoffe, dass es andere gibt, die sich dieser Aufgabe annehmen können. Ich kann dafür nur meine abstrakte strukturelle und systemische Perspektive anbieten. In diesem Kontext bin ich mir nichtmal sicher, wie viel Revolution es tatsächlich braucht, um die Entwicklung in positivere Bahnen zu lenken - aber wenn wir, wie sich jetzt abzeichnet, mit einer faschistischen Konterrevolution konfrontiert sind, dann reicht es nicht mehr, den Kopf einzuziehen und sich damit zu beruhigen, dass es für mich ja nicht wirklich schlimm kommen kann. Gerade wenn wir Teil dieser weissen Mittelschicht sind, können wir das nicht akzeptieren und uns zu Helferinnen und Helfern jener zu machen, die uns klein halten wollen.

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie eine menschliche, zivilgesellschaftliche Alternative zu dem aussieht, was man uns aufzwingen will. Alles andere ist inakzeptabel.

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